05.01.10
19:31 Uhr

Lemonade — Es gibt ein Leben nach der Agentur

lemonade

Leider kann ich keine Statistiken finden mit entsprechenden Zahlen über Deutschland, aber während die Werbeagenturen sich und anderen fleißig die „Krise als Chance” in die Taschen erzählten, wurden in den USA mehr als 130,000 Menschen in der Werbeindustrie entlassen (wo diese Zahl herkommt, frage ich gerade nach*). Lemonade ist ein Kurzfilm von Erik Proulx, Regie Marc Colucci, der sich damit beschäftigt, was entlassene Kreative anfangen mit ihrem Leben nach der Werbeagentur:


Lemonade—Trailer

Der halbstündige Film ist nun fertig, die ersten Screenings haben kurz vor dem Jahreswechsel stattgefunden und Lemonade wurde unter dem Titel “Film Redefines Layoffs” in den CBS Evening News vorgestellt.

Der Inhalt:

We’ve all heard the truism, “when life gives you lemons, you make lemonade.” More than 130,000 advertising professionals have lost their jobs in this Great Recession. What would you do if you lost your job? Lemonade is a 30-minute film which tours the lives of former directors, writers and designers from the moment they were fired through how they used their dismissal as an opportunity to discover long-held dreams that range from artist, to holistic healer to coffee roaster. One man even changed his gender.

Das Motto bzw. der Untertitel lautet:

It’s not a pink slip. It’s a blank page.

Diesen Untertitel fand ich im ersten Moment nicht so glücklich gewählt; gerade Schreiber haben ja gerne ein gespaltenes Verhältnis zur “blank page” und auch ich selbst bin nicht vollständig immun gegen die berühmte „Angst vor dem leeren Blatt Papier”. Aber dann fiel mir ein, daß es ja genau um diese Angst geht … und darum, sie zu überwinden und neu anzufangen.

Die DVD (€9.99 + €4.20 Shipping) habe ich mir bestellt.

* Update:
Gerade hat mir Erik Proulx auf meine Anfrage zur Quelle der 130,000 Entlassungen von Werbeagenturen geantwortet:

The number I used I got here:
http://industry.bnet.com/advertising/1000433/bnets-ad-agency-layoff-counter/
And it’s gong up since the last time I posted it.

In der Tat: Der Zähler steht inzwischen bei 163.400.

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6 Kommentare

  1. Frank Meier

    der Bodycounter steht bei 163.400 ??? in den USA??? bei geschätzten 300 Mio Einwohnern???

    von welcher Kriese schreiben Sie da?

  2. J. Martin

    *seufz*

  3. macmat

    @Frank Meier:

    Du solltest die 163T mit den in der US-Werbung Beschäftigten vergleichen (genaue Zahlen hab ich noch nicht gefunden, es sollten aber deutlich weniger als 300 Mio sein ;-). Dann kann man schon von einer Krise, zumindest won einer größeren Entlassungswelle reden.

    @ J. Martin:
    Die Angst vor dem weißen Blatt wurde in einer berühmten Agentur (nein, es ist nicht Springer & Jacoby) dadurch bewältigt, dass das Blatt Papier mit einem Strich einfach durchgestrichen wurde. Klingt banal, war aber wirksam (fragt Zeitzeugen danach, z. B. Michael Schirner). Der Top-Kreative, der dieses “erfunden” hatte, hieß übrigens Wolf D. Rogosky (einige wenige unter euch werden ihn sicher noch kennen).

  4. Klangkanzlei

    Aus einer Krise entsteht immer wieder etwas neues. Von daher kann man der momentanen Lage auch etwas positives abgewinnen. Menschen, die jahrelang auf Hochtouren gearbeitet haben, entdecken ihre Liebe zur Malerei. Klingt doch toll.
    In Island ist durch die Finanzkrise eine neue Kulturlandschaft entstanden, da diverse Gebäude nicht abgerissen werden konnten und in den alten Gemäuern Ateliers, oder Musikclubs entstanden.
    Die Gebäude wären ansonsten durch Eigentumswohnungen oder Bürokomplexe ersetzt worden.

  5. Blotto

    Vor der Kriese ist nach der Kriese.
    Grade jetzt werben viele Medien Schulen mit angeblichen Jobs in der Medienbranche und pressen bald viele neue Mitbewerber raus die alle irgendwann feststellen das es nur Praktikantenstellen gibt. Zukunft hat wer ein „Dozent” der Medienschulen wird und den Leuten was vorgaukelt es gäbe genug Jobs für alle. Nach paar tausend Euro Kurs kosten, einen teuren Mac und eventuelle gekaufter Adobe Software kommen dann die Ernüchterung.

  6. J. Martin

    @Blotto Ja, das ist natürlich auch noch einmal eine ganz andere Form von Ernüchterung, denn im Gegensatz zu diesen Menschen haben entlassene Kreative tatsächlich bereits eine ganze Menge „auf ihrem Blatt stehen“, nämlich ihr Fachkönnen und ihre Berufserfahrung. Wodurch sie viel mehr Möglichkeiten haben, jenseits festgefügter Berufslandschaften etwas Neues zu unternehmen in ihrem Leben, wie auch von @Klangkanzlei beschrieben. Der Haken ist, insbesondere in den Staaten, wo es keine sozialen Auffangnetze gibt wie in Deutschland und anderen europäischen Ländern, diese neuen Tätigkeiten — und das ganze dann noch in einem krisengebeutelten Umfeld — so zügig zu monetarisieren, daß nicht das ganze Leben auseinanderfällt.

    @macmat Nicht schlecht :-) Ich habe mir angewöhnt, das Problem zu umgehen. In einem Computer ist eine „leere Seite“ ja nur eine visuelle Metapher unter vielen möglichen, und ich benutze andere Software (z. B. Outliner) für Entwürfe, bevor ich eine „Seite“ in einem Texteditor öffne.

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