15.12.09
15:28 Uhr

Paid Content beim Hamburger Abendblatt

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(Bildquelle: abendblatt.de)

Vorab: Wir sind privat Abonnent des Hamburger Abendblatts. Als Hamburger ist es für uns eine Quelle für lokale Themen aus der Stadt, in der wir leben. Das “Springer”-Blatt hat dabei natürlich auch Springer-typische Züge. Wir leben aber schon lange mit dem Bewusstsein, dass Print-Journalismus durchaus eine Historie und Prägung haben kann und ordnen diese beim Lesen entsprechend ein ;-).

Jetzt folgt also das Abendblatt der Axel-Springer-Initiative für digitale Bezahlinhalte. In mehreren Artikeln bemüht sich das Abendblatt mit durchaus forschem Zungenschlag, diese Entscheidung zu erläutern und zu begründen.

Es ist aussichtslos, spotten Experten. Es ist selbstmörderisch, argwöhnt die Konkurrenz. Es ist unverschämt, denken die Nutzer. Und doch werden wir es tun: Wir wagen, Werthaltiges im Netz künftig nicht mehr zu verschenken, sondern zu verkaufen.[...]

Ich glaube, das Abendblatt hat da etwas missverstanden. Es ist weder aussichtslos, noch selbstmörderisch, noch unverschämt, sich mit eigenen digitalen Inhalten einem Bezahlmarkt zu stellen. Es ist zwar auch nicht alternativlos, was die Monetarisierung von Websites betrifft, aber nach meinem Verständnis ist dieser Weg zumindest konsequent und marktwirtschaftlich logisch.

Aber es gibt natürlich eine entscheidende Kehrseite: Jetzt entscheidet der Markt, der Leser, der Kunde darüber, ob das, was das Abendblatt als wertvollen Journalismus begreift, dem Markt tatsächlich auch etwas wert ist. Wenn der Springer-Journalismus des Hamburger Abendblattes seine Kunden findet, dürfen sich die Macher bestätigt fühlen.

Falls die Bereitschaft, für bestimmte digitale Inhalte zu zahlen, allerdings für das Abendblatt mäßig bis schlecht ausfällt, sollten die Macher sich ebenso konsequent darüber Gedanken machen, ob die Vermarktung bezgl. Preis, Distribution oder Zugänglichkeit und vor allem die inhaltliche Produktqualität ausreichen, um damit einen digitalen Markt zu finden.

Einen interessanten Nebeneffekt bringt diese Entscheidung vom Abendblatt außerdem mit sich: Sollte diese ganze von Axel Springer maßgeblich geführte Systemfrage des Qualitätsjournalismus und der “vierten Gewalt” wieder aufschlagen und der Markt sich erkennbar gegen das Bezahlangebot entscheiden, wird wohl kaum noch ein Argument für die Pauschalsubvention von Verlagsangeboten nach marktwirtschaftlichen Regeln argumentierbar sein.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz” sagte Otto Rehagel einmal, um deutlich zu machen, was er von Sportbürokraten, Fußball-Akademikern und Systemtheoretikern hält.  Für den Mut, sich nun diesem Platz wieder unternehmerisch zu stellen, hat das Abendblatt jedenfalls meinen Respekt.

Update: wieder konsequent, aber auch richtig?! Die Schwesterpublikation “die Welt” hat online ihren Regionalteil Hamburg geschlossen.

Update II: Der zukünftige Bezahlcontent lässt sich nach wie vor als Google-Besucher sichten. Oder man installiert sich gleich ein Browser-Plugin und gibt vor, ein Googlebot zu sein. Ein absurdes Paid Content Modell also für die technisch Ahnungslosen.
Liebe Springer Leute, entweder exklusiv oder nicht. So macht es überhaupt keinen Sinn und watscht die dummen Bezahlkunden nochmal kräftig ab. Vor allem: Kein klares Wort dazu im Vorfeld. Erst auf Nachfrage wurde geantwortet.

9 Kommentare

  1. hannes

    clever gelöst ist auch, dass man die zu bezahlenden artikel per google auch umsonst findet.

  2. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Hannes: Genau. Das ist das nächste Problem. Google Cache und Google One Click. Ich bin gespannt und für diese Live-Operation am offenen Verlags- und Leserherzen danken wir jetzt mal Axel Springer…

  3. Tim

    Nun, das Abendblatt ist sein eigener Herr und darf experimentieren, was es will. Insofern kann ich die Aufregung vieler Orts nicht verstehen. Pessimismus hinsichtlich diesen Hinweises auf nicht vorhandene Kreativität aber eben auch.

    Allerdings die vierte Macht und die Sicherheit der demokratischen Grundordnung zu berufen, halte ich nicht für akzeptabel. Man möchte dort Geld verdienen. Das ist völlig in Ordnung. Man möchte dies auf diesem Weg probieren. Und das ist genauso in Ordnung. Aber vorzuschieben, damit die Welt retten zu wollen ist mehr als eine unsaubere Argumentation. Das sie sich dabei auf die verstaubten Ansichten eines leicht gestrigen Philosophen berufen, passt ganz gut ins – äh – Bild.

    Viel spannender und mutiger wäre ein Diskurs zu Frage, ob es der vierten Gewalt den tatsächlich in der Form des 20. Jahrhunderts bedarf. Oder ist die vierte Gewalt etwas, dass es neu zu designen gilt? Und das – zumindest mal theoretisch – unabhängig von Einflussquellen wie etwa dem in dem Artikel des Abendblattes so oft zitierten “Marktes”. Nämlich nicht als Stimme des Marktes, sondern als Stimme des… mhh… Volkes? Klingt pathetisch. Und ein wenig nach diesem Internet-Dings.

    Daneben kann es ja Abendblätter geben… nur könnte die Frage, ob sie denn systemisch überhaupt in der Lage sind, die Phrase der vierten Gewalt zu beleben auch erhellend sein ;-)

  4. Icke

    Die Berliner Morgenpost (Lokales) ist natürlich auch dich!

  5. Björn

    wer braucht in diesen globalen nachrichtenzeiten noch lokalnachrichten? die meisten werden das gefühlte vakuum schnell mit etwas anderem interessanten füllen. jene leser, die dem abendblatt noch die treue halten, sind für immer entwöhnt und weg. ich setze fünf euro gegen murdoch und döpfner.

  6. Patrick Breitenbach

    “Lokal” wird wieder kommen. gerade auf einer Welle des “globalen”.

    Lokale Nachrichten haben in Zukunft einen Wert, weil sie in unmittelbarer Handlungsumgebung berichten. Wenn ich als Unternehmen also lokal agiere, sind solche Informationen wertvoll.

    Auf der anderen Seite ist ja klar, dass das jetzige “lokale” zu “global” ist. Kleine, relevante Infos für dort lebende Menschen gehen da leider unter. Lokal braucht kein Boulevard und Kleintierzüchterverein. Zusammenschluss lokaler Qualitätsblogs wäre sehr interessant in diesem Zusammenhang. Aber sie schlafen, ignorieren, verdrängen oder jammern ja immer noch, die sinkenden Mediendickschiffe ;-)

  7. Ben

    Paid-Content FAIL.

  8. Björn

    ich denk nur mal für mich. die regionalredaktionen werden ausgedünnt. es fehlt das personal jede pressekonferenz von jedem bürgermeister zu besuchen. andere, die sich für ein thema interessieren (fußgängerzone vs. parkplätze) gehen hin und schreiben ihre einschätzung zum thema. die redaktionen schreiben ab. und wollen dafür auch noch geld haben. das kocht, besonderes im regionalen massstab, so hoch, dass der imageschaden dauerhaft ist für die redaktionen.

    erinnert sich irgendwer noch an die zeit, als es hieß wikipedia kann niemals die gleiche qualität erreichen wie der redaktionell betreute brockhaus?

    lokale infos werden immer eine rolle spielen. lokale redaktionen zunehmend weniger. 10€ gegen murdoch und döpfner, weil sie sich immer noch als unersetzbar betrachten.

  9. „Abstruse Fantasien von spätideologisch verirrten Web-Kommunisten“ | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » „Abstruse Fantasien von spätideologisch verirrten Web-Kommunisten“

    [...] in einem Interview mit dem Manager Magazin, das am kommenden Freitag im Zusammenhang mit dem „Paid Content beim Abendblatt“ und seinen Irritationen in der Print-Ausgabe erscheinen [...]

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  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
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