01.12.09
12:02 Uhr

Wegelagerei in drei einfachen, branchenüblichen Schritten: Ein Leitfaden von Verizon

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Nicht, daß die anderen Räuberbarone Telekommunikationsanbieter hinsichtlich des Ausnutzens „branchenüblicher“ Verfahrensweisen grün hinter den Ohren wären; auf Anhieb fallen mir da Unverfrorenheiten ein wie diese, eine Rufnummer erst bei Vertragsablauf zur Portierung freizugeben (als wenn es nicht reichte, für den Rest der automatisch verlängerten Laufzeit zu bezahlen!), oder wie jene, auch dann nur „branchenübliche“ Zweijahresverträge zum Einstieg anzubieten, wenn der „branchenübliche“ Grund — nämlich ein subventioniertes Telephon — gar nicht Bestandteil des Vertrages ist. Lustig auch die Erfahrungen in den stadtweit sprießenden Niederlassungen: Bei einem Anbieter bekomme ich auf meine Frage nach Tarifberatung kaltschnäuzig ein Faltblatt mit Blocktext in 4-Punkt-Pica abwärts weiß auf rot nebst dreifach verschachtelten Fußnoten angedient, das ich mir zu Hause „in Ruhe durchlesen könne“ (ja, ich meine Dich, Vodafone!); bei einem anderen Anbieter werde ich von dem insgesamt netten, aber doch eher überforderten Personal nach ein wenig Beratungs-Small-Talk (irgendwie kam zur Sprache, daß ich zertifizierter PC-Techniker bin) gefragt, ob ich ihnen helfen könne, den Bürodrucker ins Netzwerk zu bringen. m’kay … Und gegen die „branchenüblichen“ SMS-Gebühren aller Anbieter läßt sich offenbar auf Dauer auch nichts unternehmen.

Zurück zu Verizons Leitfaden für Wegelagerei in drei einfachen, branchenüblichen Schritten, unter anderem nachzulesen in David Pogues Artikel “Verizon: How Much Do You Charge Now?” in der New York Times.

Schritt Eins

Vorkonfigurierte und nicht reprogrammierbare oder abschaltbare Tasten in gebrandeten Telephonen, die besonders leicht versehentlich zu berühren und/oder beim Handhaben und Aufklappen zu befummeln sind (Pfeiltasten, Ecktasten, seitliche Knöpfe), die bei der leisesten Berührung aufs “Mobile Web” zugreifen. Dabei werden sofort Gebühren fällig, die von Verizon mit $1.99 pro Klick abgerechnet werden im „branchenüblichen“ Rahmen pro angefangene 1MB, und die sich in länglichen Telephonrechnungen auch ohne weiteres nachhaltig verstecken können.

Bei 87 Millionen Kunden und $1.99 pro Fehlklick kommt da im Monat ein nettes Sümmchen für nichts zusammen. AT&T macht genau dasselbe (branchenüblich, halt) für die runde Summe von $2.00 pro Tastendruck. Und diesen ersten Schritt mit den vorkonfigurierten „Schnellzugriff“-Tasten beherrschen die deutschen Anbieter traditionell auch sehr gut.

Schritt Zwei

Wenn diese Kosten dann mal aufgefallen sind und Schmerzgrenze und Geduldsfaden überstrapazierten, gibt es die Möglichkeit, diesen zumeist völlig nutzlosen “Mobile Web”-Zugang blockieren zu lassen. Das passiert im Rahmen eines Anrufs auf der kostenpflichtigen Service-Hotline: ein Gespräch, das wie alle anderen Servicegespräche und Mailboxzugriffe mit den „branchenüblichen” 15 Sekunden sinnloser Handlungsanweisungen eingeleitet wird. Zwar beeinträchtig der Block nicht Verizons lukrativen Nebenverdienst (siehe Schritt Drei), aber da die Blockierung dieses Zugangs natürlich auch verhindert, absichtlich online gehen zu können, um freiwillig Umsatz für Verizon zu generieren, wird Verizon-Personal mittlerweile darauf trainiert, den Leuten das Blockieren dieses Dienstes auszureden.

Schritt Drei

Die Stufe für den Schwarzen Gürtel. Das will zitiert werden:

“Now, you can ask to have this feature blocked. But even then, if you hit one of those buttons by accident, your phone transmits data; you get a message that you cannot use the service because it’s blocked—BUT you just used 0.06 kilobytes of data to get that message, so you are now charged $1.99 again!”

Bei Tankstellen, Telekommunikationsanbietern und weiteren Branchen, die mir gleich einfallen, bezeichnet der Begriff „branchenüblich“ oft nur die vollständig gesetzesfreundliche, aber auch vollständig verbraucherfeindliche Alternative zu illegalen Marktabsprachen.

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7 Kommentare

  1. Tim

    Yieah. Das verlangt einfach nach einer Revolution. Die Frage, wem Kommunikation – wem Medien dienen und zu welchen persönlichen oder gesellschaftlichen Preis sollte primär im Sinne der Beschleunigung der Gesellschaft verstanden werden. Eigentlich eine politische Aufgabe. Dieses aggressive Grundrauschen bremst lediglich.

  2. J. Martin

    @Tim Absolut. Alle labern seit den 90ern von „Datenautobahnen“, aber so richtig gründlich verstanden zu haben scheint noch niemand, daß die für Leben, Land und Wirtschaft mittlerweile genauso wichtig geworden sind wie der Asphalt.

  3. BrothelPianist

    da fallen mir dann gleich die „branchenüblichen“ 24-monatsverträge ein. wenn man bedenkt, dass (verwandte branche) alice immer noch der einzige provider ist, der eine monatliche kündigungsoption bietet (soweit ich weiss, correct me if i’m wrong) wundert man sich, warum die leute nicht längst alle ihr internet über hansenet beziehen. genauso O2 mit O2 zero. soweit ich hpöre, läuft der tarif nicht gut, weil „die leute ihn nicht verstehen“.
    ergo scheint branchenübliches denken dem konsumenten erfolgreich implantiert worden zu sein – folglich wäre es doch mal eine schöne aufgabe, solche „spiel“-regeln kommunikativ auseinanderzunehmen und für zb alice oder O2 wirksam wieder so zusammenzusetzen, dass vodafone wirklich rot vor wut wird;)

  4. Kun|den|kun|de, [f. -; nur Sg.]

    Blogkunde am Samstag #9…

    Die samstäglichen Leseempfehlungen aus meinem Feedreader. Heute: Wie Mobilfunkanbieter in den USA ihre Kunden ausnehmen und ein kurzer Leitfaden, wie Firmen für den Kundenservice die richtigen Mitarbeiter finden.
    “Wegelagerei” nennt es der …

  5. RH

    Bei meiner Schwiegermutter hat es geholfen, unsinnige Zugangsdaten einzugeben (APN leer oder Einwahlrufnummer nur 004900000).

  6. J. Martin

    @RH Guter Tip!

  7. Wegelagerei in drei einfachen, branchenüblichen Schritten: Ein Leitfaden von Verizon (Update) | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Wegelagerei in drei einfachen, branchenüblichen Schritten: Ein

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