20.11.09
04:36 Uhr

Häusliche Gewalt: Nachschlag

Die Website www.hitthebitch.dk ist außerhalb Dänemarks mittlerweile nicht mehr erreichbar; laut Hinweisseite wurde diese Maßnahme wegen des hohen Traffics ergriffen. Auf dieser Hinweisseite findet sich immerhin noch der Link zur verantwortlichen Organisation, Children exposed to Violence at Home, wo auch die Ausrichtung der Kampagne erklärt wird:

The latest campaigns are aimed at teenagers. The “Break the Chain” campaign intends to get this age group to realise that they can do something towards ending violence in the family. “Break up before you Break Down” is a campaign aimed at violence in teenage relationships. These information campaigns consist of a video programme and a CD, where children living in families exposed to violence and young couples tell their stories. [meine Hervorhebung]

Es geht also nicht um Gewalt gegen Teenager, sondern um Gewalt zwischen Teenagern, was auch die Tonalität und die Wortwahl erklärt (Bitch, Gangsta).

Roland hat in seinem gestrigen Eintrag “Häusliche Gewalt” bereits eine Reihe von Einwänden gegen diese Kampagne formuliert, denen ich mich anschließen würde, und die ich gleichzeitig erweitern möchte.

Die beiden auffälligsten Merkmale von hitthebitch sind, daß die Botschaft a) nur jene Empfänger erreichen kann, die das Spiel mitspielen, und b) nur jene Empfänger erreichen kann, die das Spiel bis zum bitteren Ende mitspielen. Die einzige angebotene Handlungsalternative zum Weiterschlagen ist das Schließen des Browserfensters. Das finde ich nicht nur ein bißchen viel verlangt im Kontext einer Website, sondern auch kontraproduktiv im Kontext häuslicher Gewalt. Was soll das für eine Aussage sein? Ist “Break up before you Break Down” — der Titel der Kampagne — so zu verstehen, daß ich mich umdrehen und weggehen soll als Handlungsalternative zum Verprügeln? Es ist sicherlich oft der Fall, daß im Umfeld häuslicher Gewalt das radikale Abbrechen jeder Kommunikation die einzig sinnvolle Alternative darstellt für diejenigen, die verprügelt werden. Aber das Abbrechen der Kommunikation als Handlungsalternative für die Prügelnden? Eine dubiose Botschaft.

Dazu kommt, daß ich das Umschlagen von “100% Gangsta” zu “100% Idiot” am Ende von hitthebitch nicht für eine adäquate Reaktion darauf halte, wenn jemand soeben systematisch eine Person verprügelt hat, die dem überdies physisch auch gar nichts entgegensetzen kann.

Viele Kommentare im Netz, einschließlich Gawker, HuffPo, AdWeek, waren eher … unverbindlich. Lediglich Tana Ganeva von AlterNet findet angemessen harsche und sarkastische Worte:

A Danish PSA has managed to trivialize domestic violence to a degree unrivaled by our fashion industry, mainstream media and most irritating comedians (and all those people try really hard). [...]

But apparently, once you’ve beaten the crap out of the model, the site totally topples all of your assumptions about intimate partner violence—you know, that it makes you an offensive stereotype of a black man—and you are told instead that you are “100% Idiot!”

And teen boys everywhere lean back and thoughtfully consider the relationship between aggressive ideals of masculinity and violence against women.

Dazu stellt sie abschließend eine Frage, von der ich hoffe, daß sie im wesentlichen ebenfalls sarkastisch gemeint ist; denn Öffentlichkeit als solche hat noch keine Wirkungskraft — vor allem, wenn die „Öffentlichkeit“, wie in diesem Fall, nur wenig mit der Zielgruppe gemein hat:

Then again, no one in mainstream media talks about domestic violence unless it happens to a good-looking famous person, and lots of people are talking about this ad. So, even though it’s pretty fucking tone deaf and horrifying, are they on the right track by trying to be aggressively controversial?

Neben allen aufgeführten und nicht aufgeführten Vorbehalten gegen hitthebitch hege ich einen allerdings nicht: Die Gewaltdarstellung als solche. Mit einem überzeugenden Konzept und mit einer klaren Aussage sollte der Aspekt, um den es geht — häusliche Gewalt — nicht ausgeblendet werden, wie ich finde. Zum Vergleich und als Kontrast möchte ich daher zum Abschluß einen der ungesendeten TV-Spot von Ogilvy and Mather Canada für HomeFront Calgary vorstellen, über den ich auf between drafts | creed of reason ausführlich schrieb.


Homefront Calgary—Waitress

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