14:43 Uhr
Sind Verlage “systemrelevant”?
Axel Springer will das Leistungsschutzrecht, um Leistungen des Werkmittlers (Presseverlage) besser schützen zu können. So jedenfalls ist es der Aufzeichnung eines Treffens beim Institut für Medien- und Kommunikationspolitik zu entnehmen, bei dem Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer “Public Affairs” bei Axel Springer, seine Gedanken dazu ausführte. Markus Beckedahl und viele andere haben ihn zwar immer noch nicht so richtig verstanden, aber die Kanzlerin aller Deutschen sprach sich zuletzt für ein entsprechendes Recht aus, ohne allerdings schon Gesetzentwürfe vorliegen zu haben, die eine konkrete Diskussion ermöglichen.
Axel Springer will (neben anderen großen Verlagshäusern) aber noch mehr und hebt die gesamte Diskussion auf eine nächste Ebene. Er ist der Überzeugung und will feststellen lassen, dass Google als Marktführer der Web-Suchmaschinen eine “marktbeherrschende Stellung” erreicht hätte (Kartellrecht) und diese missbräuchlich anwende, indem Google Erlösmodelle aus seinen Aggregationsdiensten (Google News) forme, ohne die Verlage dabei angemessen zu beteiligen.
Die Verlage müssten derzeit also ihre Headlines und Snippets an Google “verschenken”, während Google damit Geld verdiene. Hinzu kommt das nicht unwillkommene “Drohszenario”, dass ein strukturelles “Marktversagen” vorliegen könnte, welches den öffentlichen und demokratischen Auftrag eines unabhängigen und professionellen Journalismus substanziell gefährdet, weil er innerhalb der aktuellen Web-Ökonomie nicht mehr wirtschaftlich zu finanzieren sei.
Ein weiterer Aspekt von Keese hat einen interessanten sprachlich-semantischen Hintergrund. Die Aussagen der Verlage innerhalb der Hamburger Erklärung würden auch deshalb gelegentlich falsch verstanden bzw. zitiert, weil das Wort “free”, welches in englischsprachigen Übersetzungen der Erklärung zunächst verwendet wurde, zu Missverständnissen führen kann. “Free” könne nämlich sowohl einen “freien”, also öffentlichen Zugang zu Web-Informationen aus Verlagspublikationen als auch einen “kostenlosen” Zugang bedeuten. Was die Hamburger Erklärung betrifft, so stellte Keese in diesem Zusammenhang klar, dass die Verlage natürlich nicht an einer Einschränkung des öffentlichen Zugangs Interesse hätten. Er verglich die Situation mit einem Kaufhaus, welches seine Türen zwar für jedermann geöffnet hätte, was aber nun einmal nicht mit einer kostenlosen Verteilung von Waren gleichzusetzen wäre.
Was aber wollen die Verlage wirklich?
Niemand hindert die Verlage, ihre Inhalte über ein Bezahlmodell online anzubieten, was Medientycoon Rupert Murdoch nun ganz konkret bei der Londoner “Times” umsetzen will. (Zugleich gibt es Pläne, Google auszuschließen aus den eigenen Angeboten und ggf. mit Microsofts Suchmaschine Bing neue Indexierungs- und wirtschaftliche Beteiligungsmodelle zu verhandeln. Update 20.11.2009: allerdings ist auch diese Meldung nicht eindeutig bestätigt.)
Niemand hindert die Verlage schon heute daran oder spricht ihnen gar das Recht ab, ihre eigenen Publikationen auch im Web vor (gewerblichem) Missbrauch zu schützen.
Niemand hindert die Verlagsredaktionen, Journalismus zu betreiben, der im Hinblick auf Qualität und eigene geistige Schöpfungshöhe einen Marktpreis rechtfertigt, den die Menschen zu zahlen bereit sind. Niemand verhindert kreatives Unternehmertum, um neue Geschäftsfelder mit neuen Märkten zu entwickeln und sich dem Markt zu stellen.
Niemand hindert außerdem die Verlage, ihre eigene Kostenstruktur und Erfolgsansprüche den (Werbe-) Erträgen von Märkten anzupassen, die sich verändern und nicht mehr hoheitlich durch die eigene Lobby besetzt werden.
Niemand hindert schließlich die Verlage daran, kritisch auch die eigenen Publikationsangebote zu hinterfragen und sich dem Umstand sinkender Werbeerlöse auch von dieser Seite zu nähern.
Aus meiner Sicht deutet sich vielmehr an, dass die Verlagsorganisationen sich selbst noch schnell als “systemrelevant” für unser demokratisches System erklären wollen, bevor neue Journalismusformen ihnen immer offensichtlicher ihre umfassende alte Rolle im Mediensystem streitig machen. Wenn schon einzelne Banken, Finanzinstitute oder Autohersteller diesen Staatsprotektionismus auf die Agenda setzen können, dann sollte es doch auch für die Verlage auf der publizistischen Ebene der alten Mediendemokratie möglich sein…
So klopft nun die “vierte Gewalt” mit erheblicher Lobbykraft als “fünfte Gewalt” mächtig an die Tür der Legislative und es ist nicht gerade unwahrscheinlich, dass jemand aufmacht…
11 Kommentare
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- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 19. November 2009 um 16:29 Uhr
Natürlich sind Verlagshäuser Systemrelevant. Was sollten die
Lobbyisten und Politiker denn ohne machen?
Am 19. November 2009 um 17:20 Uhr
“Marktbeherrschend” wäre die “Stellung” ja nur, müßte man den Verlegern mal erklären, wenn man keine Wahl hätte. Aber die hat man:
“Auch wenn mancher es nicht mehr hören kann: wenn man als Anbieter jeglichen (also auch journalistischen) Contents Google nicht mehr ‘beliefern’ möchte, kann man dies mit zwei einfachen Zeilen Code ändern:
“Webmasters who do not wish their sites to be indexed can and do use the following two lines to deny permission:
User-agent: *
Disallow: /
If a webmaster wants to stop us from indexing a specific page, he or she can do so by adding ” to the page. In short, if you don’t want to show up in Google search results, it doesn’t require more than one or two lines of code.”
Die Verlage werden nicht gezwungen, Google auf ihre Sites zu lassen. Sie können sie aussperren – und mal eine Zeitlang allein auf weiter Flur ihr Glück versuchen!
…
Die Verlage sollten Google für diese Leistung dankbar sein!”
(Deutsches Zitat: ralfschwartz.typepad...
Englisches Zitat: Google European Public Policy Blog vom 15 Juli, 2009 > googlepolicyeurope.b... )
Kein Verleger muß also unter Googles Stellung leiden – schade, daß die Politik das nicht verstehen möchte.
Am 20. November 2009 um 14:59 Uhr
Die Argumentation ist seltsam: Mit der gleichen könnte man auch Telekommunikationsunternehmen (T-Com, Arcor, …) sowie Hersteller von Monitoren und Computern (Apple, Dell, …) zur Zahlung bitten, da diese auch Dienstleistungen bereitstellen und damit Profit erwirtschaften, die zur Darstellung dieser Inhalte benötigt werden.
Am 20. November 2009 um 15:09 Uhr
“Hinzu kommt das nicht unwillkommene “Drohszenario”, dass ein strukturelles “Marktversagen” vorliegen könnte, welches den öffentlichen und demokratischen Auftrag eines unabhängigen und professionellen Journalismus substanziell gefährdet, weil er innerhalb der aktuellen Web-Ökonomie nicht mehr wirtschaftlich zu finanzieren sei.”
Bruhaha, also wenn “Qualitätsjournalismus” das abdrucken von DPA-Meldungen bedeutet, könnten Hersteller von Kutschen mit Fug und Recht rückwirkend ein “strukturelles Marktversagen” einfordern, weil innerhalb der industrialisierten Autowirtschaft die Herstellung von Kutschen nicht mehr wirtschaftlich zu finanzieren sei.
Sagen wir doch einfach: Technologische Weiterentwicklung hat schon immer Branchen dahingerafft: Es gibt dutzende Berufe und Branchen die es heute einfach nicht mehr gibt oder ein Nieschendasein fristen, weil sie niemand mehr braucht. Und wenn der “Qualitätsjournalismus” seinen eigenen Marktbedarf nicht mehr wecken kann, weil er gebetsmühlenartig die Schuld bei anderen sucht anstatt sich in Selbstreflexion zu üben, dann bleibt mir nur zu sagen: slowly going the way of the dinosaurs.
Am 20. November 2009 um 17:31 Uhr
ja, nee, is klar. nächste woche dann im örtlichen kabarett:
“liebe politik, ihr müsst uns helfen. wir nehmen da an einem distributionssystem teil, das auf vernetzung basiert. und wenn man in dem riesengewusel auch gefunden wird, ist das eine tolle sache. nun gibt es da eine firma, die bietet eine suchmaschine an, mit der wir ganz toll gefunden werden. das finden wir toll. weniger gut finden wir, dass die irgendwie viel mehr geld verdienen als wir. dabei müssen wir uns doch die mühe machen, unsere internetseite jeden tag wieder neu voll zu schreiben. und diese suchfuzzis, die schreiben nicht mal. die klauen nur. die sagen zwar, dass der angezeigte ausschnitt nur der orientierung gilt, aber hey – schlagzeilen und anreißer schreiben ist unsere kernkompetenz. den rest haben wir längst an dienstleister wie dpa und andere ausgelagert.
wir wollen unbedingt im internet gefunden werden, aber ohne dass unsere wertvolle qualitätsarbeit geklaut wird. wenn wir jetzt den findefuzzis mit einem entsprechenden eintrag in unserer robots.txt verbieten, bei uns zu klauen, dann werden wir ja gar nicht mehr gefunden. das ist erpressung! deshalb machen wir das auch nicht.
liebe politik, bitte mach doch, dass alles wieder so ist, wie früher. als die frösche noch haare hatten. als der kaffee noch warm war und die leserbriefe scheißegal. danke.”
.~.
Am 20. November 2009 um 18:17 Uhr
[...] voraus, die es im neuen Website-Layout des Werbeblogger geben wird, aber dieser Kommentar auf unseren Artikel über die Forderungen der Verlage ist es eindeutig wert. Danke für den Lacher zum Wochenende also an “dot tilde [...]
Am 20. November 2009 um 18:56 Uhr
warum tun sich eigentlich nicht die marktführenden verlage mit den marktführenden plattenfirmen zusammen und erarbeiten in illustren arbeitskreisen marktführende konzepte, die sie in der marktführer-position halten und gleichzeitig geld ranschaffen? das würde dem ruf derer, die qualität liefern wollen (nämlich journalisten und musiker) deutlich aufwerten und sie vor allem in die lage versetzen, dies irgendwann mal wieder zu tun, ohne sich nebenher von brause-, chips- und versicherungsfirmen finanzieren zu lassen.
selten zwei branchen erlebt, die so gut parallel heulen ohne sich zusammenzutun (abgesehen von kopplungsgeschäften in unterhaltungs- und musikmagazinen. dog eat dog.).
Am 21. November 2009 um 00:19 Uhr
Leistungsschutzrecht ganz einfach:
User-agent: *
Disallow: /
Am 22. November 2009 um 19:11 Uhr
Den Printmedien geht es nicht besser als der Werbung. Beiden Geschäftsfeldern mangelt es an einer Zukunft in der digitalen Welt. Paid-Content ist für das Printmedium der Rettungsanker im neuen Zeitalter; denkt sich ein mancher. Allen voran Rupert Murdoch, ein erfolgsverwöhnter Medienunternehmer aus dem 20. Jahrhundert. Dummerweise ist auch ein Medien-Tycoon nicht vor Denkfehlern gefeit. Vielleicht ist er auch nur schlecht beraten oder er braucht einfach nur die Unterstützung von einem “Creative Consultant”, wie Kassaei im allgemeinen vorschlägt. Am besten, er hätte einfach mal den Kommentar von Joachim Dreykluft in der Financial-Times gelesen. Ich habe wieder einmal gestaunt. Eine Messerscharfe Analyse – ein Lahm sozusagen – bringt den gedanklichen Schnitzer der Paid-Content-Anhänger auf den Punkt: Der Heilsbringer Paid-Content beruht auf dem Irrglauben, für Printinhalte werde gezahlt, diagnostiziert Dreykluft. Damit hat er dummerweise sehr viel recht. Die Moral von der Geschichte, die es sich lohnt nachzulesen, lautet: Steve Jobs ist der einzig wahre Mediengott, der Medien und Nutzung revolutioniert und Apple vermutlich an die Spitze der Medienunternehmen im fast nagelneuen Jahrtausends führt.
Am 15. Dezember 2009 um 15:36 Uhr
[...] außerdem mit sich: Sollte diese ganze von Axel Springer maßgeblich geführte Systemfrage des Qualitätsjournalismus und der “vierten Gewalt” wieder aufschlagen und der Markt sich erkennbar gegen das Bezahlangebot entscheiden, wird wohl kaum [...]
Am 6. Januar 2010 um 15:18 Uhr
[...] und für einen Medienmacher klassischer Prägung? Kontrolle bedeutet Macht, auch die Macht und Herrschaft über die Informationen und Filter, die Schirrmacher noch vor einer Dekade als Teil der alten und linearen Medienzeit inne hatte. [...]