10.11.09
01:29 Uhr

George Clooney, John Malkovich, Robert Rodriguez: Was sonst!

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Zunächst das “Full Disclosure”. Ich bin ein enthusiastischer Fan von Robert Rodriguez (seit immer), von George Clooney (seit From Dusk Till Dawn), von John Malkovich (seit Dangerous Liaisons), von Nespresso (seit 2007 Essenza und 2009 CitiZ) und von richtig gutem Kaffee im allgemeinen und überhaupt. Das sollte mich nun wirklich qualifizieren, den neuen Nespresso-Spot von Robert Rodriguez mit George Clooney und John Malkovich zu mögen! Doch als ich diesen Spot zum ersten Mal sah, dachte ich nur, hmmmm naja. Und überhaupt stehe ich Werbung, die Motive des im jeweiligen Zielgebiet vorherrschenden organisierten Aberglaubens aufgreift, eher kritisch gegenüber:


Nespresso: Klavier
(Ich hoffe, meine YouTube-Links überleben den heutigen Tag. Auf den Nespresso-eigenen YouTube-Channels tummelt sich alles mögliche, nur nicht die Commercials.)

Doch dann sah ich, halt, da ist noch mehr!

Es gibt nämlich noch zwei Varianten:


Nespresso: Verhandlung


Nespresso: Sofa

Dazu gehört auch eine Microsite, nämlich www.nespresso-whatelse.com, mit etlichen Extras und natürlich allen drei Spots in gehobener Qualität.

Und plötzlich begann ich, die Kampagne von McCann, Paris, zu mögen: Das ironisch-surreale Setting um die „geistliche Figur“ herum, wie der Charakter von John Malkovich in den Nespresso-Meldungen genannt wird, und speziell die Dialoge; die selbstreferentiellen Passagen im dritten Teil; und die Idee mit den Varianten, welche aus einem Story-Wettbewerb unter den Nespresso-Clubmitgliedern hervorgingen und dem ganzen eine besondere Note und eine Art cinematischen Mehrwert verleihen. Dazu gefällt mir auch, wie die Originalmusik von Benjamin Raffaelli und Frédéric Doll (zwischen dem jeweils ein- und ausleitenden Nespresso-Motiv) der Song “Eternal Bliss” von Karma León (zwischen dem jeweils ein- und ausleitenden Nespresso-Motiv von Benjamin Raffaelli und Frédéric Doll) passend zum Thema auf Dylans grandiosem ’73er Song “Knockin on Heavens Door” motivisch aufsetzt und zitiert, statt zu plagiieren.

Aber was ist, hinter all der hübschen Werbung, mit den Nespresso-Aluminiumkapseln? Die sind ja nicht gerade „himmlisch“ und stehen oft unter ökologischem Beschuß: Hier eine qualifizierte Kritik und hier eine Nespresso-Produktinformation zum gleichen Thema. (Warum letztere ausschließlich auf dieser speziellen Site zu finden ist, ist mir ein Rätsel, aber vermutlich verbirgt sich das Original hinter den marktüblichen Flash-Orgien.) Um es zusammenzufassen: Aluminium ist sehr energieaufwendig in der Herstellung, aber nahezu beliebig oft ohne Qualitätsverlust recyclebar (laut Nespresso bestehen die Kapseln mittlerweile aus 75–80% Recycling-Aluminium). In Deutschland hat Nespresso das Recycling-System (Duales System, Grüner Punkt) lizenziert, der Schwund beträgt ca. 30% durch falsch getrennten Müll und Fehler der Sortiermaschinen. In der Schweiz hat Nespresso flächendeckend Rückgabestellen eingerichtet, aber das funktioniert noch nicht so richtig:

„Theoretisch werden 96 Prozent der Kunden abgedeckt, sie finden also in ihrer näheren Umgebung eine Rückgabestelle“, erläutert Richter den Ansatz, „leider beträgt die Recyclingquote hier trotzdem bislang nur 60 Prozent. Das wollen wir ändern.“

In der Schweiz — und das weiß ich nicht aus Artikeln, sondern aus meiner Telephonrecherche, als ich mir die erste Maschine kaufte — wird das Espressopulver in den gebrauchten Kapseln allerdings nicht verbrannt wie in Deutschland, sondern ebenfalls recycled für Pflanzendünger. (Solche alternativen Systeme in Deutschland mit eigenen Abgabestellen einzurichten ist immer noch schwer bis fast unmöglich, auch wenn das Duale System seit ein paar Jahren kein echter „Müllrecycling-Monopolist” mehr ist, sondern nur noch ein Quasi-Monopolist. Auch hier liegt einiges im argen, aber nicht nur in Deutschland.)

Insofern gehören die Nespresso-Kapseln ökologisch sicher nicht zur besten aller Welten, aber auch nicht zur schlechtesten aller Welten. Dazu kommt, daß die Einzelverpackungen für jede Tasse schon rein psychologisch dazu verleiten, die Menge des anfallenden Aluminiumabfalls erheblich zu überschätzen: Für das Äquivalent von 250 Gramm Espressopulver fallen bei Nespresso-Kapseln 40g Aluminiumabfall an, bei Weißblech-Standarddosen sind es 85 Gramm Aluminiumabfall für die gleiche Menge Kaffee (Nachfüllpackungen für Weißblechdosen sind aber wiederum fast aluminiumfrei).

Der zweite schwerwiegende Einwand gegen das Nespresso-System ist, daß die Maschinen vergleichsweise billig sind, die Kapseln aber dafür schmerzhaft teuer (33 ct. pro Espresso-Kapsel, 35 ct. für Lungo), und dazu ausschließlich von Nespresso selbst vertrieben werden. Dies erinnert an die Praktiken der Druckerindustrie, die im Zuge von Preiskämpfen irgendwann begann, ihr Geld mit immer billigeren Druckern und immer überteuerteren Tintenpatronen zu verdienen, und die dieses Geschäftsmodell dann mit konstruierten Patenten und haarsträubenden DMCA-Klagen gegen Refiller zu schützen begann.

Das ist sicherlich ebenfalls ein valider Kritikpunkt gegen das Nespresso-System. Aber mir persönlich, zwischen „Profi“-Espressomaschinen, die so pflegeintensiv sind wie reinrassige Langhaarperser und trotzdem Reparaturkosten in halben Monatsmietenhöhen generieren, und Espresso-„Pads“, die sich für mich je nach Regalalter, Hersteller und Sorte oft an der Schwelle zur Ungenießbarkeit bewegen, fällt es mir schwer, meine Entscheidung für Produkte aus diesem Geschäftsmodell auch nur im entferntesten zu bereuen. Und von einer „Entscheidung“ kann ja definitiv auch die Rede sein, denn im Gegensatz zum Tintenstrahlermarkt ist dieser Markt ja nun wirklich randvoll mit alternativen Geschäftsmodellen und substantiell verschiedenen Produkten.

16 Kommentare

  1. Bernd ZWS

    Der Espresso aus der Nespresso-Maschine schmeckt ja nicht schlecht, man kann ihn aber wirklich nicht mit einem Espresso aus einer richtige Espresso-Maschine vergleichen. (So wie Sie das hier in Ihrem Bericht tun …) Mir ist das bisschen Pflege als Entschädigung für mehr Geschmack nicht zu viel ;-)
    Ein weitere Grund für gegen Nespresso ist für mich der Kampf gegen Refiller. Soll doch einfach die Qualität des Produktes entscheiden … So wie bei Senseo. Die guten Pads werden gekauft, die schlechten nicht … Basta … ;-)

  2. AndreasK

    Die beiden Alternativen sind natürlich nur dann die einzigen, wenn man „jetzt“ und „ganz schnell“ einen Espresseo haben will. Wenn’s dann eine Minute länger dauern darf, hier ist noch eine Möglichkeit. Der Espresse schmeckt aus diesen Dingern nämlich auch himmlisch!

    tina-andi.blogspot.c...

    ;o)

  3. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Na, dann freu dich schon einmal auf guten Kaffee in Hamburg. Ist zwar kein Langhaarperser, aber -in der Tat- Gassi gehen und Dusche muss tatsächlich sein von Zeit zu Zeit. Nur den Hundefriseur lass ich persönlich weg ;-).

  4. J. Martin

    Hehe, tu ich! :-) Freuen, meine ich. Bis morgen dann!

  5. the_stephan

    ging mir genauso! der spot selbst ist LAHM, aber die varianten sind toll. Und ich masse mir an zu wissen warum: Weil die Idee leider saulahm ist, aber sobald man diese großartigen darsteller von der Leine lässt, wird’s richtig lustig.

  6. Six

    Lustig, mich begeistert der erste Spot noch am meisten, weil er so schön simpel ist. So erzählen zwei große Schauspieler einen alten Witz. Die 2 Varianten erlebe ich als gezwungen und bemüht. Aber so haben sie eben für alle etwas.

    Davon abgesehen habe ich die Begeisterung für Nespresso nie verstanden. Wie haben die das hingekriegt?

  7. Andi

    Filme hin oder her, aber die Microsite ist inhaltlich ja mal total mies. Was soll das denn bitte sein? Man kann sich also die Klavier-Runterfall- oder Frage-nach-Hintertür- oder Augenaufschlag-der-hüben-frau-Szene nochmal einzeln angucken!? Tolle wurst.

    Sehr sehr schade um die ansonsten sehr schön anmutende site….

  8. J. Martin

    @Andi Aber Du hast schon mal nach oben in den Himmel gescrollt, ja?

  9. netzmelder

    Göttliche Nespresso-Werbung mit George Clooney und John Malkovich…

    Ob der Kaffee gut schmeckt und dieses Kapsel-System wirklich sinnvoll ist, weiß ich nicht, aber die Werbung hier ist einfach toll. Clooney kommt in den Himmel und… selber anschauen!
    Es gibt unterschiedliche Versionen, der Anfang ist aber immer gleich:

  10. Daniel

    herrje, es ist nur eine kaffeemaschine – relax.

  11. Peter

    „make an educated guess“ bringt mich immer wieder zum lachen…

  12. Frank

    Coole Werbung, auch wenn einem dadurch wieder bewusst wird das Weihnachten vor der Tür steht! Die Konsumschlacht kann beginnen ;o))

  13. TheWhiskyBlog » Blog Archiv » Werbe-Abgründe

    […] zeigt der Kaffeeboom ein Wachstum an Werbeausgaben um 8,8%. George Clooney lässt grüßen … ‘Make an educated Guess!“ (Der dritte Spot mit dem Sofa hat Klasse, besonders gegen Ende – No Managers […]

  14. Klaus

    Ich finde die Werbung auch total witzig und die beiden Variationen haben mich nochmal richtig zum lachen gebracht. Leider kann ich der Nespresso-Maschine allerdings nichts abgewinnen, da das System mit den teuren Kapseln einfach schlecht für die Umwelt ist und zeitgleich absolut überteuert ist.

  15. mario

    @j.martin

    ist der song von der microsite ein eigenarrangement oder gibts den so wie er is.
    wenn ja wie heißt er
    danke

  16. J. Martin

    @mario Der Song ist von Karma León und heißt “Eternal Bliss”.

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