12.10.09
15:24 Uhr

Die Kommentarkultur im Social Web oder: Schiri, wir wissen wo dein Auto steht…

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anonym
Bild: Florian Kuhlmann (vielen Dank)

Interaktivität, Dialog und Gespräche sind Antrieb und Würze des Social Web. Kommentare in Blogs oder bei Facebook, klassische Forenpostings, Twitter-Replies und andere direkte Antwortmöglichkeiten leben allerdings auch davon, dass sie den Grundsätzen eines respektvollen Miteinanders folgen.

Leider finden diese Grundsätze nicht immer Anwendung. Vor allem scheint die gute Kinderstube bei denjenigen Personen verloren zu gehen, die sich anonym im Web bewegen.

Um es vorweg zu nehmen: Der Umkehrschluss gilt natürlich nicht. Nicht alle anonymen Verfasser sind automatisch Trolle und Flamebaiter. Es bleibt aber auch ein Fakt, dass sich in der Gruppe der „Anonymen“ die größere Zahl an unfreundlichen bis rüden Beiträgen sammelt.

Blogger kennen -meistens- ihre Pappenheimer und können es ggf. ein- und zuordnen. Wer aber nur einmal zu Besuch auf der einen oder anderen Website ist, den wundert es zum Teil schon sehr, mit welcher Schärfe und unhöflichem Getöse das „soziale Web“ sich so präsentiert. Mit „Besuchern“ meine ich diejenigen Menschen „da draußen“, die immer von dem tollen sozialen Raum im Web hören oder lesen und sich dann selbst einmal ein Bild machen wollen.

Viele Besucher belassen es bei einem Besuch. Was sie stellenweise sehen und lesen, schreckt sie ab, weil ihnen das Social Web allzu vordergründig seine aggressive Fratze zeigt. Nicht erst seit „Schnutinger“ und dem Vodafone-Desaster zehrt außerdem der Netmob am Nervenkostüm der Netzaktivisten selbst. Vor allem diejenigen Blogger und Web-Idealisten, denen abseits von umsatz- und renditegetriebenem Handeln kein allzu dickes Fell beschert ist, fragen sich schon gelegentlich, warum sie sich weiterhin viel Mühe bei ihrer Gratis-Arbeit geben sollten, wenn es dafür mehr und mehr verbale Prügel hagelt.

Oft sind die Grenzen zwischen angebrachter hart geäußerter Kritik und polemischer, persönlicher Attacke fließend. Letztlich lebt eine anregende Diskussion auch von den „Polen“, von Fans und Gegnern, von spitzer Formulierung und gekonnter Rhetorik. Den sich selbst replizierenden, aus den Kommandozentralen der PR-Abteilungen erzwungenen Weichspül-Journalismus braucht jedenfalls kein Mensch. Aber wir brauchen eben auch Lernmodelle und ein verstärktes Bewusstsein, dass sich hinter einer „digitalen Identität“ immer auch ein Mensch verbirgt, der grundsätzlich einen Anspruch auf respektvollen Umgang verdient. Daher glaube ich auch an die Kraft der persönlichen Begegnung, den Ausbruch aus der potenziellen Anonymität, um digitalen Networks zu vollem Leben zu verhelfen.

Der Griff zum Telefon oder gleich ein persönliches Treffen löst oft auch viele Knoten, Missverständnisse und Vorurteile, die sich häufig zuvor über die subjektive Wahrnehmung innerhalb der digitalen Kommunikation verfestigen konnten. Der Mensch liest eben gerne, was er lesen will; er projiziert unbewusst sein digitales Meinungsbild einer Person auf dessen digitale Präsentationsebene von Kommentaren, Stellungnahmen oder Online-Beiträgen und verfestigt ggf. sein Vorurteil; das unmittelbare Korrektiv der Mimik, Gestik oder Klangfarbe der Stimme fehlt. Da helfen auch keine Emoticons.

Als Netizens kommt uns allen dabei auch eine korrektive Aufgabe zu. Wir können dazu beitragen, dass das Anonymitätsproblem nicht zum nächsten pauschalen  Totschlagargument der Netzkritiker wird, die gerne auch vom „Netz als rechtsfreien Raum“ sprechen. Anonymität im Web ist ein Rechtsgut. Niemand sollte gezwungen werden, sich gar per Netz-Perso zu identifizieren.

Aber wollen wir diese Freiheit erhalten, dann ist es wichtig, dass die soziale Selbstkontrolle funktioniert und Personen, die sich im Schutz dieser Anonymität an anderen Menschen oder Überzeugungen unfair abarbeiten wollen, keinen Raum geben.

Am kommenden Dienstag werden wir in alter Runde über diese Thema einen Late-Night-Podcast aufnehmen. Wir würden uns freuen, wenn ihr Anregungen, neue Aspekte und Meinungen in den Kommentaren hinterlasst, egal, ob anonym oder nicht. Wir nehmen es dann gerne in die Diskussion auf.

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11 Kommentare

  1. Blotto

    Jede neue Form von Kommunikation und Gedankenhaustausch hat immer auch negatives mit sich gebracht. Mit dem Buchdruck die Verbreitung von Wissen, erotische Motive zum Ärgernis der Kriche, mit den Polaroids und Digitalkameras seine Schmuddelfotos machen etc.
    Kein Medium ist Perfekt. Trotzdem finde ich Blogs wichtig. Wo sonst bekommt man noch meist ungefilterte Kommunikation? Die Printmedien sind schon längst zahnlose Ziger geworden und müssen aufpassen das Sie Ihre Werbekunden nicht vergraulen und Zensieren Inhalte. Fernsehn und Radio ist auch nicht mehr das was es einmal war. Was bleibt sind die Blogs zur Verbreitung von Ungefiltertem Wissen. ZB ist Werbeblogger mehr am Puls der Zeit als http://www.wuv.de.
    Blogs sind demokratisch. Wo sonst kann man auf sueddeutsche.de/baye... hinweisen.
    wer zu meudalismus.dr-wo.de... gehört darf alles.

  2. Frank

    Meinungsführung wie auch Führung haben natürlich auch immer was mit Vormachen zu tun. Es gibt reichlich, prominente wie auch anonyme Blogger, die vielen Spatzenhirnen zur Orientierung dienen.

  3. maxe frisch

    @Roland „Anonymität im Web ist ein Rechtsgut. ..
    Aber wollen wir diese Freiheit erhalten, dann ist es wichtig, dass die soziale Selbstkontrolle funktioniert ..“

    Wie Bitte?!? Das ist Schwachsinn. Wir müssen auf Schäuble und Zensurula aufpassen, nicht auf ein paar Trolle, deren Schmutz man einfach aus dem eigenen Blog löschen kann.

    Es tut mir leid, wenn ich jetzt eventuell bisschen zu hart für dich formuliert habe :-)

  4. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @maxe:
    Kein Problem. Ich bin Härten gewohnt :-).
    Zur Sache: Schäuble und Zensursula haben deshalb eine stille Mehrheit für ihre abenteuerlichen Maßnahmen, weil eben diese Besucher, die mal eben an der Oberfläche schnuppern, sich oft genug bestätigt fühlen. Natürlich müssen die Maßnahmen von Schäuble & Co aufgespießt werden. Das tun wir ja auch. Aber ebenso wichtig ist, dass die Netzgemeinde auch immer wieder über ihr eigenes Verhalten und Außenbild nachdenkt. Wenn Themen der Netzkultur es in die Massenmedien schaffen, dann leider viel zu oft in einem negativen Kontext. Das sollte uns zu denken geben, auch wenn mir schon klar ist, dass diese Themen für einige „Blätter“ wie gerufen kommen.

  5. rennbär

    könnt Ihr nicht einfach das: tinyurl.com/yfyw8ql irgendwie kombinieren … da scheint potential

  6. Wolfgang

    Ich bin natürlich dafür, dass jeder auch die Möglichkeit haben sollte seine Meinung zu einem Artikel oder ähnlichem zu sagen.

    Das Netz macht es aber sehr schwer das ganze für die Leser vernünftig zu filtern. Wenn eine Kommentarliste über mehrere Seiten geht und die ersten Kommentare alle nach dem Motto sind: „Das interessiert doch eh keinen!“ „Wie kann man über so nenen Blödsinn diskutieren!“ oder auch „Oh, wie toll ist das denn alles!“ dann vergeht mir einfach die Lust nach den guten, wichtigen Kommentaren zur Sache zu suchen.

    Das ist der Fluch des Internets. Wenn man früher in der Kneipe zusammen gesessen hat und diskutierte, konnte man unerwünschten Dazwischenkommentierern einfach 20 Cent in die Hand drücken und sagen, dass sie es der Parkuhr erzählen sollen. Heute weiß keiner mehr wer sich wo und aus welchem Grund einmischt.

    Es gibt Kommentare aus denen man erkennt, dass sich wer damit auseinander setzt. Dann gibt es Kommentare, der Zustimmung hin und wieder auch der Ablehnung, also eher so was wie ein Voting System. Und dann gibt es eben Spamkommentare von Spamkommentatoren.

    Aber die eigene freie Meinungsäußerung ist so ein Kommentar leider schon lange nicht mehr. Oder soll man sagen nur noch bei wenigen Leuten. Wenn Firmen Mitarbeiter zu guten Kommentaren über das eigene Unternehmen „zwingen“ und die Konkurrenz versuchen runter zu machen, hat das weder was mit Meinungsäußerung noch mit Voting zu tun. Das ist einfach nur Propaganda.

    Natürlich gibt es die auch da draussen im echten Leben an jeder Ecke. Aber dem Web fehlt nun mal oft der Kontext und somit ist eine Einordnung des ganzen schwierig.

    Darüber hinaus kostet es den Leser oft unendlich viel Zeit, nach dem Aschenputtel Prinzip, die Guten ins Töpfchen zu sortieren und die schlechten aus zu blenden, denn lesen muss ich sie dazu alle.

    Also stehlen diese „Zwischenrufer“ den ernsthaft Interessierten die Zeit sich mit etwas auseinander zu setzen und machen die Welt damit mit jedem Kommentar ein klein wenig dümmer. Da hilft auch kein Wikipedia oder Google Books mehr am Ende.

    Vielleicht wäre es eine Idee, eine Art Farbleitsystem ein zu führen. Also der Kommentar bekommt eine kleine Ampel. Grün heißt: geht voll aufs Thema ein. Gelb: bedeutet, schweift auch mal ab. Und Rot bedeutet, stört nur, sagt aber nix zum Thema.
    Dann kann man immer noch entscheiden ob man alles lesen will, kann aber auch nach dem Ampelsystem die Kommentare schneller aussortieren.

  7. Finn

    Hallo zusammen,

    ich denke, das grundlegende Problem wurde schon genannt: schlechte / bzw. die verloren gegangene gute Kinderstube. Wenn ich auf einer Party bin und keinen kenne, benehme ich mich auch nicht wie der letzte Idiot. Und wenn doch, werde ich rausgeschmissen.

    Ich denke zwar auch, dass das Medium bzw. die Anonymität derartige Ausfälle begünstigt. Aber wenn jemand offline eine saubere Diskussionskultur pflegt, wird er das auch online fortsetzen.

    Wir werden das Problem wird man im Netz nicht gänzlich abstellen können weil es halt „nur“ eine Abbild der realen Welt ist.

    Ich bin gespannt auf den Podcast.

  8. RS

    Immer noch wird versucht, alte Hüte auf neue Köpfe zu stopfen, egal wie unsinnig es erscheint.

    Posts zu bewerten ist eine interessante Sache, aber auf lange Sicht ein Zeitfresser ohnegleichen und den Aufwand nur wert bei Blogs mit minimalem Response. Hinzu kommt, dass man beim „skimming“ der News und Blogs und Foren kaum anfangen wird evtl. sogar nur als Gast, Posts zu bewerten.

    Was digital natives allen anderen weit voraus haben, ist das Filtern nach geeigneten Inhalten und ignorieren des Grundrauschens. Dies scheint vielen, die nicht so häufig im Netz allgemein, und social networking sites im speziellen, unterwegs sind, schwer zu fallen.

  9. Patricia

    Digitale Kommunikation muss völlig ohne nonverbale Aspekte auskommen. Das macht sie spannend und schwierig. Nicht jeder beherrscht das Schreiben so, dass immer klar wird, worum es geht. Ich fände es interessant, wenn ihr darauf auch eingehen würdet.

  10. drake

    Internetkultur? Anonymer Meinungsaustausch im Web? Es stimmt leider, was @Finn sagt: „…wenn jemand offline /(k)/eine saubere Diskussionskultur pflegt, wird er das auch online fortsetzen“.

  11. Das Schneeball-System der digitalen Kommunikation am eigenen Beispiel | CYPERIOR - Web Gazette

    […] Die Kommentarkultur im Social Web oder: Schiri, wir wissen wo dein Auto steht… (10) […]

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