09.10.09
14:51 Uhr

Cliquen-Bildung

David_Laing_William_Fettes_Douglas

Ich streite mich gerne in der Sache. Ein Lieblingsthema, was immer wieder einmal auf der “Tagesordnung” auch in meinem privaten Umfeld steht, ist -natürlich- die Bedeutung des Journalismus und die Rolle der Medienunternehmen in der sich dramatisch verändernden medialen Informationsordnung. Eine Diskussion im Familienkreis führte uns zu einem Aspekt der Diskussion, den ich für sehr interessant halte. Die These:

Soziale Kontakte im Web entstehen, weil sich Menschen mit gleichen oder ähnlichen Interessen finden. Wir suchen nach Stichworten bei Google, nach Hashtags bei Twitter, hören in den sozialen Raum hinein und vernetzen uns mit Menschen, die mit uns inhaltlich verbunden sind. Das Problem ist nur: diese Online-Cliquen, die sich bilden, bilden nicht. Sie replizieren zu einem großen Teil das, was wir sehen, hören oder lesen wollen, was uns gefällt und was wir kennen. Der Blick über den Tellerrand, der Fachwissen von Bildung unterscheidet, wird dadurch immer weniger kultiviert.

Tatsächlich ist es der Bildung nicht förderlich, wenn unsere Aufmerksamkeit sich nur danach ausrichtet, was uns interessiert. Bildung braucht das genaue Gegenteil. Wir brauchen Impulse, die uns in völlig andere Themen- und Wissensfelder eintauchen lassen. Und wir brauchen Selbstdisziplin und Training, um den Sprung über die eigene “Interessenmauer” auch zu schaffen.

Das Social Web könnte eigentlich ein perfektes Umfeld sein, um den Wissenshorizont und damit die eigene Bildung zu erhöhen. Ich schrieb vor kurzem: Im Social Web befinden sich die “Synapsen einer völlig neuen kollektiven Wissensgesellschaft“. Kritische Vertreter aus meinem Familienumfeld, die mit dem ganzen “FacebookTwitterSocialmediagedöns” nicht soviel am Hut haben (und übrigens deutlich jünger sind als ich) entgegnen sinngemäß:
Wenn ich eine (gute) Zeitung offline lese, dann lese ich sie durch und freue mich drauf. Ich zwinge mich fast dazu und gelegentlich eröffnen sich mir dadurch Themen, die mich eigentlich nicht interessiert hatten aber meinen Blick auf die Dinge erweitern. Kein verführerischer Link kann mich entführen in die Untiefen der selbstreferenziellen eigenen Wissenssuppe. Ich lerne eigentlich nur dadurch, dass ich das lese, was mich zunächst nicht interessiert…

Stichworte wie Selbstreferenzialität und Fachidotie schossen mir durch den Kopf, als ich das hörte. Und offen gesagt: Da ist etwas dran. Natürlich kann man Zeitungen, die diese journalistische Breitenspannung erzeugen, nicht an jeder Straßenecke finden, aber es gibt sie. Noch. Und genauso gibt es diese und ähnliche ausgezeichnete Beiträge auch im Web. Die Frage ist nur: Werden wir auf sie aufmerksam, wenn wir uns im Schwerpunkt in unserem sogenannten “Social Graph” bewegen? Warum ist es so, dass der Informationsaggregator “Rivva“, den ich übrigens gerne nutze, zu einem derart hohen Anteil Themen über Medien, die Blogosphäre, das Social Web und Gadgets wie iPhone & Co. aufnimmt?

Ich stelle aber auch Veränderung und Entwicklung fest, die sich beispielhaft bei Rivva dokumentieren lässt. So sind mit Beginn der Europa- und Bundestagswahl deutlich mehr politische und gesellschaftliche Beiträge “aufgetaucht”, die aus dem Fahrwasser der technologiegetriebenen Peergroups herausschwimmen.
Außerdem bemühe ich mich selbst, regelmäßig via Twitter nach Themenfeldern zu suchen, die mich zu ganz anderen Personenkreisen und Wissensfeldern führen können. Und ich lese gerne unterschiedliche Zeitungen und Bücher (durch), weil sie einen schönen Kontrapunkt zur linkgetriebenen Sprunghaftigkeit des Web bilden…

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4 Kommentare

  1. Stephan

    Ein spannender Artikel!
    Sehr guter Gedankenansatz.

    Danke dafür

  2. Benedikt

    Ich lese persönlich lieber Printmedien – ob Bücher oder Magazine. Das schafft zudem ein wenig Abwechslung zum Elektro-Smog – man kann sich auf das konzentrieren, was man macht.

    Interessant finde ich Themen, wie Kultur/Gesellschaft, Design & Kunst, Technik, Medien und Sport. Gelegentlich schnappe ich mir auch mal eine ganz andere Zeitung. Ich kann manchmal gar nicht genug von Zeitschriften bekommen – leider fehlt mir meist die Zeit sie alle zu lesen :-).

    Interessanter Artikel. Bitte mehr davon.

  3. Patrick Breitenbach

    Interessen weiten sich durch die Vernetzung schneller explorativ – wenn man das denn zulässt.

    Durch die Vernetzung können sich Interessen rasanter verbreitern. Wenn man die Augen und Ohren offen hält.

    Von daher war EINE Zeitung früher wesentlich einengender. Heute haben wir zillionen zeitungen in die wir reinschauen können.

    Liegt also ganz und gar nicht an de Technik (im gegenteil), sondern an den jeweiligen Menschen selbst.

    (Ich erinnere mich an etliche Aufschreie im Blog, als ich plötzlich über Soziologie, Biolgie etc. pp schrieb, also angeblich Themen, die mit Werbung nix zu tun haben und daher nicht hier hergehörten) :-D

  4. Raoul

    Sehr interessanter und spannender Gedankengang. Mitte der 90er gab es eine ähnliche Diskussion bei der Zeitschrift Pl@net aus dem Hause Ziff-Davis. Wie verändert das Netz unser Handeln und kann es den einzelnen wirklich weiter bringen. Es wurde angeregt, dass das Thema Medien ein Unterrichtsfach in den Schulen werden müsste um der Komplexität genüge zu tun. Wie gesagt, schon einige Jahre her und heute wahrlich aktueller denn je.

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Eure Kommentare

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  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
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  • Brian: Der Titel ist genial. Danke :).
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