13:55 Uhr
Blogjournalisten. Beruf oder Berufung?
Seit einigen Tagen sind die Blogjournalisten am Start. Kurz gesagt, stellt das Medienangebot interessierten Netzschreibern eine Plattform zur Verfügung, auf der sie gemeinschaftlich und innerhalb bestimmter Kategorien ihre Texte publizieren können. Ist denn diese Möglichkeit technisch betrachtet etwas Besonderes? Eher nicht, denn Gemeinschaftsblogs sind schon lange ein Modell, das existiert. Geht es hier vielleicht um mehr, als dem Bauernhof-Lebensmodell unserer altverbundenen Redaktionskollegin Lanu zur vollen Blüte zu verhelfen?
Mit dem Netbook auf dem Schoß möchte ich irgendwann in meinem Garten sitzen und dabei zusehen, wie diese kleine Stück Mediengeschichte funktioniert.
Wer Lanu aber kennt (aber wer kennt Lanu schon?!), wird sicher mehr Hoffnung damit verbinden.
Es geht um die Annahme, dass Verlagstrukturen, wie wir sie aus dem klassischen Medienumfeld kennen, zukünftig für bestimmte Medienformen und Angebote im Web obsolet werden. Wenn der Kern einer funktionierenden Publikation der Inhalt und der schreibende Mensch ist, der ohne Produktionskosten einfach und schnell selbst online publizieren kann, dann braucht es keine übergeordneten Medienunternehmen mehr, die diese Inhalte vervielfältigen, verbreiten und verwerten. Es braucht -der Theorie folgend- auch keinen zentralen “Wächter der Nutzungsrechte von Inhalten” mehr und damit auch keinen Verlag, welcher sich im Wesentlichen aus der Verwertung von Werken (und ggf. auf Kosten) anderer Urheber finanziert.
So betrachtet, hört es sich erst einmal nach einem klassisch “linken” Modell an; der Bauernhof passt als erweiterte Metapher, wenn Lanu denn auch anderen ein Stück Land zum Bestellen abgegeben wird…
Aber die Blogjournalisten wollen auch das Leistungsmodell leben, nicht nur die sozialistische Kolchose. Die beteiligten Schreiber bzw. Blogjournalisten stellen sich einem Erfolgsmodell (Autorenranking, Gewinnbeteiligung); die Betreibergesellschaft firmiert unter der seit kurzem geschaffenen haftungsbeschränkten “Unternehmergesellschaft“, einer Unterform der GmbH-Kapitalgesellschaft, die mit 1 Euro Stammkapital gestartet werden kann.
Das Finanzierungsmodell setzt erneut voll auf Werbung, angereichert durch die Absicht, ungewöhnliche Werbeformen wie z.B. die Übernahme einer Autorenpatenschaft zu ermöglichen, Advertorials zu buchen und mit der Lesergemeinde in einen “kommerziell angeschubsten Dialog” zu treten.
Kritiker und Fundamentalisten werden sicher aufschreien und durch diese Werbeformen die Unabhängigkeit der Berichterstattung und einzelner Blogjournalisten bedroht sehen, ähnlich einzelnen “klassischen” Verlagspublikationen, deren wirtschaftliche Abhängigkeit von Werbekunden zu groß ist, um sie auf Redaktionsseite substanziell kritisieren zu wollen.
Aber die Betreibergesellschaft kann es entspannt angehen, denn der laufende Betrieb kostet sie (fast) kein Geld und somit entfällt der große laufende Kostendruck, den die Verlage spüren. “Hinsetzen, schreiben, veröffentlichen und mal sehen, was so passiert.” lautet wohl eher die Devise.
Exakt dieses Prinzip ist das “Blogger-Prinzip”: jedenfalls bei denen, die nicht in erster Linie aus SEO-Aspekten oder harten wirtschaftlichen Interessen heraus bloggen. Füttert man nun diese Schreiber mit einem gewissen “Qualitätsanspruch”, der sich aus dem zweiten Teil des Markennamens ableitet, entstehen Bloggerjournalisten. Sie stehen für die Leidenschaft des Schreibens, für Kollaboration, sie sind bereit, für eine Idee in Arbeitsvorleistung zu gehen und müssen oder wollen nicht aus rein wirtschaftlichen Gründen teilnehmen.
Der Versuch der Blogjournalisten ist also, nicht in erster Linie eine Medienmarke zu inszenieren, sondern viele einzelne Personenmarken. Eben den Blogjournalisten.
Offen bleibt, wie sich die Autorenschaft entwickeln wird. Wenn die Inhalte und Einzelpersonen das entscheidende Erfolgskriterium sind, dann sind sie eben auch ggf. der Grund, warum es auch scheitern könnte. Vielleicht ist es nach einer bestimmten “Warm-Up”-Phase ebenfalls nötig, die Inhalte zentral besser zu ordnen und augenfreundlichere Lesbarkeit herzustellen.
Aber auch da gilt vermutlich erst einmal: “Hinsetzen, schreiben, veröffentlichen und mal sehen, was so passiert.”
Wir wünschen viel Glück!
10 Kommentare
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- Daniela über die Arbeitszeit: Mit dem Alter werde ich immer tagaktiver… Während ich in meiner Schulzeit zwischen 8 und 16.00 (Schule) in...
- ralf schwartz: @Selket Interessant, danke.
- Selket: Es hat noch einen weiteren Grund, weshalb Katzen 9 Leben haben sollen: im Alten Ägypten – für Katzen wohl die beste Zeit ;-), war die...
- ralf schwartz: @AndreasK Ich kann die Härte, die Du in den Post hineininterpretierst, nur schwer nachvollziehen. Nichtmal die w&v selbst sieht...
- AndreasK: Weil jetzt das Internet nun mal da und total hip ist, muss die eigene w&v-Idee natürlich brachial digital gedacht, erstellt und...
- ralf schwartz: Ah, “LEAD digital”, dieses “14-tägliche Magazin für Digital-Professionals und Online-Marketer”. So reisst...
- Annette Mattgey: Dafür hat W&V doch LEAD digital. Da kann man all diese komischen Sachen mit dem Netz nachlesen, sogar auf ner eigenen Website....
- daniel: also erst mal, coole Grafik im oberen bereich :-) und der verdienst, hängt sicherlich von jedem selbst ab, viele faktoren spielen da eine...

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Am 29. September 2009 um 14:48 Uhr
[...] werbeblogger hat das angebot verstanden: werbeblogger.de/2009... [...]
Am 29. September 2009 um 16:04 Uhr
aber wieso soll ich meinen Blog-USP in diese Waschmaschine stecken und gucken was rauskommt?
Am 29. September 2009 um 16:07 Uhr
Spielen. Prozessorientierung. Weiterentwickeln. Freemium. Mini-Marken. All das was klassische Verlagsstrukturen halt nicht kennen (wollen). Und genau deshalb werden sie auch früher oder später aussterben (unabhängig davon ob Blogjournalisten erfolgreich ist oder nicht, aber das Projekt versucht es wenigstens). Sie klammern sich an das alte Modell – dem angeblich unsinkbaren Schiff der Massenrelevanz.
Am 29. September 2009 um 16:09 Uhr
@christoff: hmmmmmmm. Wie wäre es mit zusätzlicher Reichweite? Wer sich halbwegs mit viralem Marketing auskennt, sollte nicht lange überlegen, wenn es darum geht die eigenen Meme breiter und weiter zu streuen, oder?
Am 29. September 2009 um 16:10 Uhr
Sollte jetzt aber kein Aufruf an gewisse Werber sein, da ihren Müll abzuladen.
Also ich korrigiere mich: Finger weg von Blogjournalisten! Das is nix für euch! Lasst mal lieber sein. Ihr habt alle Recht! Funktioniert nicht. Ist kein Geschäftsmodell. usw. usw.
Am 29. September 2009 um 16:30 Uhr
joa, mal einen Artikel dort einstreuen ist sicher nicht blöd, sich bekannt machen und so, schon klar. Ich verstehe den Ansatz wahrscheinlich einfach noch nicht – gibt es denn so viele Blogger, die verzweifelt nach monetärem Verdienst suchen? Mir beispielsweise ist etwas Eigenes lieber, auch wenn dadurch die 20 Cent pro Artikel flöten gehen.
Am 29. September 2009 um 17:19 Uhr
Du verstehst den Ansatz tatsächlich anders. Es geht bei dem Projekt eben nicht um die 20+X Cent pro Artikel. Genau das is ja der Punkt. Alle Autoren dort suchen eben nicht unbedingt verzweifelt nach dem monetären Verdienst aus direkter Bloggerei. Sie wollen publizieren und ausprobieren. (Man möge mich korrigieren wenn ich falsch liege, gehe ja nur von mir aus) So wie Roland es oben ganz richtig beschrieben hat.
Am 29. September 2009 um 19:56 Uhr
@ patrick
“Man möge mich korrigieren wenn ich falsch liege”
du liegst nicht falsch. die absolute monetäre brille hindert definitiv am verstehen des projektes.
Am 2. Oktober 2009 um 09:50 Uhr
mal eine ganz andere frage: was bietet mir das portal eigentlich? wo liegen die stärken, wo die besonderheiten der geschichten, die ich bei den blogjournalisten lesen kann? warum sollte ich als konsument dort etwas lesen statt auf faz.net oder SpOn?
ist es nicht ein stückweit die problematik der verlage und journalisten, sich permanent nur mit sich selbst, dem auslaufen ihrer alten modelle und neuen wegen der vermarktung oder nicht-vermarktung zu beschäftigen statt mit den rezipienten?
fakt ist: es gibt zuviele angebote für nachrichten im netz und im print. der fokus sollte also auf dem angebot liegen, nicht auf mechaniken, technologien oder verwertung. diese sind nur mittel zum zweck.
Am 2. Oktober 2009 um 16:40 Uhr
Ist es nicht wahrscheinlicher, dass Blogger ihre Kraft vor allem ins eigene Blog investieren und so ein Angebot wie Blogjournalisten nur ein oder zwei Mal in Anspruch nehmen?