12:52 Uhr
TV-Werbung immer lauter?
Wer kennt es nicht. Werbespots im TV erscheinen Verbrauchern deutlich “lauter”. Die stellenweise brachiale Unterbrechung des Programms mit hartem Schnitt und prompt einsetzenden größeren Werbelautstärken ist das perfekt dokumentierte veraltete Selbstverständnis einer Branche, die nach dem Marktschreierprinzip Aufmerksamkeit sucht und Verbraucher verschreckt. Zappen inklusive.
Tatsächlich ist Werbung im TV “lauter”, weil schon produktionsseitig die Kompressionsregler bis zum Anschlag ausgesteuert werden. Leise Soundpassagen werden dadurch zunächst angehoben, laute Passagen heruntergeregelt. (Hörbeispiele). In einem folgenden Bearbeitungsschritt wird das Ganze dann wieder bis zum Maximalpegel angehoben, so dass sich sich ein extrem dichter Sound mit insgesamt vielen “lauten” Passagen ergibt. Das Ergebnis ist in praktisch jedem professionell produzierten TV-Spot eine nicht nur subjektiv spürbare massive Erhöhung der Lautheit.
In diesem Zusammenhang von einer Erhöhung der Dynamik bzw. des Dynamikumfangs zu sprechen (siehe Welt Online Artikel vom 23.05.07) , ist allerdings vollkommen falsch.
Um die Spots so eindringlich wie möglich zu gestalten, wird die Tonspur komprimiert. Leise und laute Töne werden so weit es geht zusammen gestaucht – Dialoge werden lauter, Soundeffekte leiser. Dadurch kann die Lautstärke weiter aufgerissen werden, und der gesamte Spot ist durchgehend laut. Die Werbefachleute nennen das „dynamischer”.
Genau das Gegenteil ist der Fall. Dynamische Passagen, wie sie vor allem bei der klassischen Musik vorkommen, zeichnen sich dadurch aus, dass es neben sehr lauten auch sehr leise Musikpassagen gibt und gerade diese Dynamik für Liebhaber einer guten Konzertaufnahme die qualitative Grundvoraussetzung darstellt. Mit großer Kompression, wie sie bei der Werbung eingesetzt wird, nähme man dem Charakter der Instrumente und der Spielkunst die “Spannung” bzw. Dynamik.
Zu allem Übel wird ein Unterbrecherspot als lauter empfunden, weil er ganz bewusst häufig nach ruhigeren Passagen z.B. eines Spielfilms eingeblendet wird. Der Stör- und Schockeffekt wird dadurch nur noch größer, die Abneigung gegenüber TV-Spots noch einmal verstärkt.
Aber nicht nur die Werbung setzt auf Lautheit. Fast noch schlimmer sind die unzähligen Game- und Quiz-, Koch- oder Comedyshows, bei denen die Zuschauer nicht nur vor Beginn der Aufzeichnung durch einen “Stimmungsmacher” heißgemacht werden, sondern im Aufzeichnungsbetrieb auch (für den TV-Zuschauer nicht sichtbare) Hinweisschilder als Aufforderung zum Beifall angezeigt werden, inkl. beauftrager Claqueure. So entstehen völlig überzogene “künstliche” Applauswellen, um dem Fernsehzuschauer ein lebendiges und erfolgreiches Format vorzutäuschen.
Ein wenig mehr Feingefühl beim Sound wäre also durchaus angebracht und ein durchaus wirksames kleines Stellrädchen, um ggf. interessanten Inhalten und der eigenen Glaubwürdigkeit wieder mehr Raum zu geben.
14 Kommentare
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- ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
- Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
- ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
- ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
- ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
- Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
- Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
- Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!

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Am 16. September 2009 um 13:50 Uhr
Da kann ich leider nur zustimmen. Es fällt mir selbst auch immer und immer wieder auf, wann und wie Werbung beginnt. Und wie hier im Betreitag beschrieben, meist nach ruhigen Film/Programmpassagen. So, dass man schön erschrickt. Mich verleitet dass nur dazu das beworbene Produkt nicht nur nicht zu mögen, sondern wirkliche eine Abneigung dagegen zu entwickeln. Schließlich, und das ist auch psychologisch begründet, lernt man hier auf bestimmte Art und Weise (nämlich erschrocken, gestört/verstört) auf die Werbung zu reagieren. Nicht aber wegen des Inhalts, sondern der Aufmachung. Wenn ich in der Werbung schon lerne, dass das Produkt stört, wieso sollte man es noch kaufen.
Ich verstehe aber auch nicht, wieso die Sender immer und immer mehr Werbung zulassen, und wenn man sich mal durchringt Fern zu sehen, dann hat man sich mittlerweile ja schon dafür entschieden, sich Werbung anzusehen.
Am 16. September 2009 um 14:23 Uhr
Ihr solltet das mal im türkischen TV mal sehen und erleben. Da ist die Werbung hierzulande fast schon lautlos. :-)
Aber auch hier gibt es einige Sender, die gerade was das angeht, nochmal eine Schippe drauflegt. Es mag mir jetzt so vorkommen, aber RTL2 Werbung ist sehr laut.
Am 16. September 2009 um 14:37 Uhr
Hallo, und danke für diesen Beitrag, den ich – wie bei allen Websites – mit ausgeschaltetem Lautsprecher sehr genossen habe.
Mich hat dieser Beitrag irgendwie an meine Schulzeit erinnert, wo die wirklich guten Lehrer immer besonders leise gesprochen haben. Um dort ja alles mitzubekommen, musste man dann mucksmäuschenstill sein…
Back to topic: Wie wäre es denn, wenn die Werbspotmacher ihre Spots mal so leise aussteuerten, dass man unwillkürlich näher an den Fernseher rückt? Für mich wäre das mal ein echt anziehendes Produkt.
Am 16. September 2009 um 15:19 Uhr
@Jens: Was würde denn dann passieren, wenn tatsächlich die Werbung leister wäre – stumpfes Lautdrehen der Spots, um wieder den Ton zum Bild zu haben – und nach dem Werbeblock der große Schreck wenn der Film wieder anfängt. Da ärgert man sich doch lieber über die Lautstärke der Werbung, als über den Film…
Am 16. September 2009 um 16:16 Uhr
ich find jens idee nicht schlecht, ähneliche idee hatte ich selber auch einmal.
man könnte die werbung als kurzen stummfilm produzieren. den meisten leuten wäre dann auch gleich ab dem ersten augenblick klar, dass hierzu kein ton gehört den man aufdrehen müsste um wieder ton zum bild zu haben.
Am 16. September 2009 um 16:32 Uhr
“spiel mal dynamischer” – “ich kann nicht lauter”
waren die “werbefachleute” alle schlagzeuger? erklärt einiges ;-)
Am 16. September 2009 um 17:55 Uhr
das beschriebene phänomen war bei meiner entscheidung, den eigenen fernseher abzuschaffen, der tropfen, der das fass zum überlaufen brachte.
natürlich hat in meiner wohnung jemand anders einen fernseher. ich benutze ihn aber nur ganz wenige stunden im monat. vielleicht ändert sich das bald durch den kauf eines digitalen satellitenreceivers, der dann eine usb-festplatte und netzwerkspielereien bekommen soll. wenn dazu nicht der urlaub fehlte!
push-medien sind bei mir eh langsam out, und wer so viel schwachsinn erzählt, fliegt halt irgendwann raus.
die glotze heißt bei mir lange schon nur noch “das brüllende möbel”. aquarien sind da viel friedlicher.
.~.
Am 16. September 2009 um 23:45 Uhr
Da ich auch sound-empfindlich bin:
Auch bei DVDs gibt es dieses Phänomen, dass die Einspielungen und Trailer lauter programmiert sind als der Film selbst (der selber ist oft erstaunlich leise im Vergleich zu seienm Opening). Muss auch bei DVDs dauernd an den Lautsprechern rumschrauben, es nervt.
Und ich dachte mal, DVD-Film gucken ohne Dumm-Werbung sei schlau…, ne…
Früher machte man das im TV angeblich, damit der, der aufs Klo oder zum Kühlschrank ging in der Werbepause, den Trara noch bis zur Kühlschrank hörte. Keine Ahnung, ob das so stimmt. Ist auch egal, mir wär recht, wenn ich den echten Grund erfahren könnt, außer den, mir Tinitus zu und Stirnfalten zu bescheren.
Am 17. September 2009 um 14:54 Uhr
@ Jokermann: Das würde ich ja gerne mal sehen… mich nervt es hier eigentlich schon… :-)
Zum Glück kann man das bei Online-Werbung alles regulieren…!
Am 18. September 2009 um 18:25 Uhr
Also ich kann mich dot tilde nur anschliessen. Fernseher habe ich, aber ist mehr ein Staubfänger als ein technisches Gerät. Den Fernseher schalte ich selber nur ein, um darauf Filme und Serien von meinem super Netzwerkstreamer (tvix) zu schauen. Ohne Werbung und nur das was ich selber sehen und ertragen kann.
Nicht nur das die Werbung einen vom TV glotzen abschreckt. Schlimmer ist noch das Niveau welches das Fernsehen hinlegt. Es ist schon sehr oft vorgekommen, das ich vor Wut den die Glotze abgeschaltet habe. Wirklich mies. (Außer Arte :-)
Schlimmer sind dann auch noch die Kriegs- und Waffendokus auf den deutschen Nachrichtensendern. Permanent der selbe driss.
Naja musste ich mal loswerden.
Am 19. September 2009 um 23:17 Uhr
zieht euch mehr NDR rein, da ist die Welt noch in ordnung.
Am 25. August 2011 um 23:23 Uhr
Das “Warum” der übertriebenen Lautstärke verstehe ich auch nicht.
Die Leute, die man hier als Experten und Fachleute hinstellt, die
gutes Geld damit verdienen, sollte man fristlos entlassen.
Vielmehr sollte man mal mehrere Meinungsumfragen machen, damit diesen Herrschaften mal die Augen geöffnet werden, was man mit
solch Aktionen tatsächlich erreicht.
Missmut, Missstimmung, Erschrockenheit und Ablehnung.
Haben solche “Fachleute” es verdient, dafür bezahlt zu werden??
Das Schlimme ist, daß viele Leute so denken, aber ihre Meinung
dazu nicht äußern.
Klaus Steub
Am 16. November 2011 um 10:53 Uhr
[...] mehr als zwei Jahren hatte ich mich schon mit diesem Thema beschäftigt und schrieb damals: Die stellenweise brachiale Unterbrechung des Programms mit hartem Schnitt und prompt einsetzenden [...]
Am 3. Dezember 2011 um 14:48 Uhr
[...] sieht in die Röhre. Weil sie es jahrelang nicht geschafft hat, ihr kontraproduktives Verhalten zu hinterfragen. Oder auf langfristige Abstumpfung [...]