16:31 Uhr
Direct Trade, Steampunk-Zubereitung und die Intelligentsia des Kaffees
Intelligentsia Chemex Brewing Guide
Über dieses ebenso schräge wie nützliche “Commercial” von Intelligentsia Coffee & Tea stieß ich nicht nur auf die interessante Geschichte des Chemex Coffeemakers und seines Erfinders Peter Schlumbohm (“with the Chemex, even a moron can make good coffee”, 1946), sondern auch auf die Marktstrategien des Kaffeerösters und -Retailers Intelligentsia selbst.
Zum einen wäre da die Kaffeeröstung und die Bona-Fide-Steampunk-Liebe zu restaurierten deutschen Röstmaschinen aus den 40er Jahren “for sweeter, better tasting coffee”. Hier eine Vorführung von BBTv:
A Morning at Intelligentsia Part 1
Dazu gehört auch die Liebe zu möglichst obskuren und komplizierten Gerätschaften für die tatsächliche Kaffeezubereitung; im zweiten Teil der BBTv-Reportage zeigt Kyle Glanville, R&D-Chef von Intelligentsia und Gewinner der 2008 US Barista Championship, unter anderem (ab 6:00), wie Kaffee mit einem Vacuum Pot zubereitet wird:
A Morning at Intelligentsia Coffee Part 2
Zitat:
The most difficult way to make coffee at home, but one of the most rewarding—really clean, very sweet, very nuanced. Developed by the Germans, and the Japanese are obsessed with it.
Zum anderen wäre da Intelligentsias Importstrategie, die nicht über das bekannte Fair Trade-Modell läuft, sondern über das Direct Trade-Modell. Eine recht gute Übersicht zu den Unterschieden findet sich auf webuyitgreen. Das Prinzip beim Direct Trade-Modell besteht für die Röster und Retailer darin, als Direktkäufer aufzutreten und mit konstanter Regelmäßigkeit die Kaffeefarmer in Afrika, Süd- und Mittelamerika persönlich aufzusuchen, die Qualität zu überprüfen und Preise auszuhandeln. Erst danach werden die benötigten Mittelsleute für die Logistikkette angeheuert und ebenfalls direkt bezahlt, so daß diese Mittelsleute keinen Einfluß nehmen können auf die Preise, die die Farmer für ihren Kaffee erhalten. Als wesentliches Merkmal des Direct Trade kommt hinzu, daß den ausgewählten Farmern ein Premium-Preis für hohe Kaffeequalität und spezielle Kaffeesorten bezahlt wird, der über den Preisgarantieren der Fair Trade-Zertifizierung liegt. Fair Trade garantiert den Farmen einen Mindestpreis, aber Fair Trade-Organisationen verhandeln darüber hinaus keine höheren Preise mit höheren Gewinnspannen für die Farmer. Direct Trade-Röster wie Intelligentsia dagegen kaufen hochwertigen Kaffee, der einen hohen Preis im Wiederverkauf einbringen kann, bei solchen Farmen, die in günstigen Klimazonen liegen und deren Betreiber sich die nötigen Fachkenntnisse zum Anbau von Premium-Kaffee angeeignet haben, und zahlen ihnen „25% oder mehr“ über dem von Fair Trade garantieren Mindestpreis.
Damit sieht Direct Trade sich nicht als Konkurrent für Fair Trade, sondern als Alternative im “Specialty Market”-Segment, mit durchaus ähnlichen Zielen:
Intelligentsia requires that producers who meet their direct trade standards promote healthy environmental practices and be committed to sustainable social practices. The question is whether consumers will feel that they can trust roasters as much as an independent, third-party organization like Transfair USA to assure that such criteria are being met.
Hier klingt schon eine Frage an, zu der ich gleich noch komme, und auch hier gibt es Unterschiede. Denn Direct Trade ist flexibler als Fair Trade in der Frage, wann und unter welchen Bedingungen Düngemittel benutzt werden dürfen:
In some cases, it is better to use fertilizers to boost crop production so that farmers can increase their yield enough to climb out of poverty. The economic benefit gained in these cases outweighs the costs to the environment created by use of fertilizer.
All das ist jedoch, und das ist der Haken, letztendlich eine Vertrauensfrage, da Direct Trade nicht wie Fair Trade unter Zertifizierungsaufsicht steht. Das macht Direct Trade flexibler, aber gleichzeitig anfälliger gegen Mißbrauch. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß beide Systeme gegenüber dem jeweils anderen bestimmte Vorteile haben:
Direct trade is able to reward coffee quality with a higher price than that paid by fair trade. Fair trade offers the simplicity of a label that has consistent meaning, providing assurance to the consumer through independent third-party certification that minimal standards protecting the farming community and the environment are being met. Both options are contributing to considerable improvements over the traditional coffee market.
Das “Direct Trade”-Prinzip war völlig neu für mich. Ich empfinde es, trotz seiner prinzipiellen Anfälligkeit für Mißbrauch, als eine logische und interessante Entwicklung, die sich ebenso wie Fair Trade weit vom „klassischen“ Kaffeemarkt entfernt hat, als dessen vertrautes Markenzeichen freundliche Kolonialherren von nebenan im Kaffee grabbelten.
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2 Kommentare
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Am 16. September 2009 um 21:39 Uhr
Jetzt hat man auch mal einen Blick hinter die Verarbeitung von Fair Trade Kaffee werfen können. Ich finde Fairtrade Produkte, auch wenn es die ein oder andere Lücke im System gibt, hervorragend. Es ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung! Danke für den ausführlichen Bericht!
Am 10. November 2009 um 01:29 Uhr
[...] John Malkovich (seit Dangerous Liaisons), von Nespresso (seit 2007 Essenza und 2009 CitiZ) und von richtig gutem Kaffee im allgemeinen und überhaupt. Das sollte mich nun wirklich qualifizieren, den neuen [...]