11.09.09
13:01 Uhr

Indizierung, Industriestandards, Soziale Netze: Wann ist Zensur Zensur?

Die Tatsache, daß es offiziell keine Zensur in Deutschland gibt, heißt natürlich nicht, daß es keine Zensur in Deutschland gibt. Zensur findet unter anderem statt durch das Etikettieren von Inhalten als jugendgefährdend oder gewaltverherrlichend, was immer das in den Köpfen der Verantwortlichen gerade meint, plus, aus historischen Gründen, Verbote für eine ganze Palette an Nazi-Propaganda und -Symbolen. Da aber viele der verantwortlichen Köpfe glauben, zur absoluten Resistenz gegenüber Satire und Hyperbel verpflichtet zu sein und einen Amtseid darauf abgelegt zu haben, alles absolut wörtlich verstehen zu müssen, landen hierzulande auch Bücher wie Kathy Ackers Blood and Guts in Highschool oder Norman Spinrads The Iron Dream auf dem Index, von Anti-Neonazi-Aufklebern als vermeintlichem Straftatbestand gar nicht zu reden. Dazu haben wir dann die weltweite Zensur über Industriestandards vom Regional-Code über DMCA bis zur Lizenzpolitik des RIAA-Mobs, die mit einer Spannweite vom Bizarren bis zum Mafiösen zum Beispiel dafür sorgt, daß ein Film nur selten unverstümmelt das DVD-Regal erreicht. Insofern hat der wohlklingende Satz aus dem Grundgesetz „Eine Zensur findet nicht statt” in Art.5 einen ebenso starken Realitätsbezug wie der unsichtbare Freund in der Präambel.

Aber es gibt noch eine weitere Form von Zensur, die sich vor allem im Social Web beobachten und als „Selektiventfernung“ umschreiben läßt — eine Zensur, die erst durch den Kontrast mit Unzensiertem zur Zensur wird.

Eine solche Selektiventfernung fand zum Beispiel statt, als Facebook sich weigerte, Propaganda-Seiten von Holocaust-Leugnern zu entfernen, aber die Bilder von stillenden Müttern löschte. Um Fragen von “free speech” ging es dabei hier wie dort nicht (das First Amendment greift da nicht), sondern darum, ob Facebook die Abbildungen stillender Mütter als anstößiger und gefährlicher für die Weltgemeinschaft einstuft, als Holocaust-Leugnern eine weltweite Plattform für ihre Propaganda bereitzustellen. Die Entscheidung, letztere nicht zu entfernen, läßt sich sicherlich irgendwie verargumentieren (zumal sowohl Zuckerberg als auch Product Manager Callahan jüdisch sind), aber im Lichte dieses Selektiveingriffs wird jede Argumentation zur Farce. Michael Arrington von TechCrunch kommentierte mit der schönen Headline “Jew Haters Welcome At Facebook, As Long As They Aren’t Lactating”. Okay, klar, Marke Arrington. Aber wo er recht hat, hat er recht.

Ein weiteres Beispiel war das Hashtag #yaygay auf Twitters Trending Topics, wobei die Selektivität nicht in der Selektion des Gelöschten, sondern in der selektiven zeitlichen Abfolge des Löschvorganges lag. Hashtags laden grundsätzlich zum Mißbrauch ein (ein krasses Beispiel war Habitat während der #iranelection-Krise), und erst recht in Verbindung mit den “Trending Topics” auf Twitters Web-Interface, auf die Spammer sich mittlerweile eingeschossen haben. Aber hier spielen sich auch noch andere interessante Dinge ab. Anfang September begann der Begriff #uknowhowiknowurgay sich für ein frohes Massen-Gay-Bashing in den Trending Topics durchzusetzen, mit Tweets “that ranged from the bizarre to the truly homophobic”. Hier konnten sich alle unbehelligt austoben, bis sich über die LGBT-Communities das Hashtag #yaygay als Gegenbewegung zu formieren begann — und genau dann tilgte Twitter beide Hashtags von den Trending Topics. DJ Young schreibt auf From the Desk:

What is curious is that while something like #uknowhowiknowurgay tag—a thoughtless and terrible bit of tackiness that seemed to inspire the worst in some people—would be obvious for removal (if only for the amount of spam it generated), the #yaygay hashtag was not. [...] So the LGBT community struck back, hard and fast and with great success—only to find that success stricken from the record for reasons that Twitter never discusses. A tiny snip of a link and the controversy is ended.

Zensur hat viele Gesichter. Weitaus mehr Gesichter, tatsächlich, als diejenigen von #zensursula und all den Politikerinnen und Politikern insbesondere aus dem Süden dieser Republik, die noch richtig zünftig jedes echte und eingebildete Problem durch die Umwandlung in strafbewehrte Tatbestände lösen können, und die sich alle als Pilotfische gefallen für das lokale und globale Ordnungsstreben. Und diese Pilotenfische wiederum haben oft genug ihre eigenen Pilotenfischchen, die wir unter dem Klassennamen „Presse“ kennen.

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  • Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
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