10:21 Uhr
World AIDS Day 2009: Mass Murderer (Follow-Up)
In den Diskussionsbeiträgen zu diesem Spot im ursprünglichen Eintrag überwog die Ablehnung. Zwei Beispiele: nilsn hielt den Spot für zu kalkuliert, um wirklich beklemmend und damit letztendlich wirksam zu sein; Sabine fand den Spot für das Thema AIDS zwar angemessen aggressiv, wandte aber ein, daß der Spot Menschen stigmatisiere, die an HIV erkrankt sind. Ähnliches äußerte auch vica.
Ich selbst versuchte, dem Spot den einen oder anderen positiven Aspekt abzugewinnen, ausgehend von meinen drei initialen Reaktionen beim Betrachten dieses Spots.
Meine erste Reaktion war die von Sabine, daß die Kampagne HIV-Erkrankte statt AIDS stigmatisiert. Eine andere Möglichkeit wäre, daß die Stigmatisierung abzielt auf jeden, der kein Kondom benutzt. Dazu würde es passen, daß die Massenmörder im Spot und in den Printmotiven ausschließlich Männer sind (wenn es auch schlechterdings unmöglich wäre, Massenmörderinnen zu finden, die in dieser Liga spielten). Kondompflicht ist Männersache; man oder frau sollte Mann nicht darum bitten müssen.
Meine zweite Reaktion war, daß diese Kampagne nur heterosexuellen Sex inszeniert. Aber die Metapher ließe wahrscheinlich auch gar nichts anderes zu; das Thema würde überlagert durch andere Konnotationen wie die Verfolgung von Homosexuellen durch die Nazis.
Meine dritte Reaktion war „oh no, nicht schon wieder Hitler“. Aber dann war ich mir nicht mehr so sicher, ob der Spot wirklich unter „Werbung mit Hitler“ fällt oder nicht einfach nur sein Thema eskaliert bis zu einem Punkt, an dem Hitler kein illustratives Element ist, sondern integraler Bestandteil der Botschaft.
Überzeugt war ich von diesen Möglichkeiten, und ob dies so beabsichtigt war, aber keineswegs. Viel wahrscheinlicher ist, daß wirklich die Krankheit stigmatisiert werden sollte und die Personifikation als rhetorische Figur nach hinten losging. Von den beiden Möglichkeiten, die die Figur — abgesehen von der beschriebenen Variante — anbietet, verlangt die erste einen abstrakten Lösungsweg (Sexpartner == Krankheit), die zweite nicht (Sexpartner == HIV-Infizierte). Das Konkrete wird aber in der Regel vor dem Abstrakten gedacht, und das war, wenig überraschend, auch die allgemeine Reaktion. Auf den Punkt gebracht von Haaretz:
The ad has already garnered criticism from opponents who claim it could make those infected appear as mass murderers, rather than the disease itself.
Der Telegraph zitiert eine Sprecherin des National AIDS Trust, der den World Aids Day in Großbritannien koordiniert:
Of course there are many HIV organisations that run their own campaigns, however I think the advert is incredibly stigmatising to people living with HIV who already face much stigma and discrimination due to ignorance about the virus.
Und sie erwähnt zwei weitere Aspekte, die in unserer Diskussion noch gar nicht angeschnitten wurden:
On top of this it fails to provide any kind of actual prevention message (e.g. use a condom) and may deter people to come forward for testing.
The advert is also inaccurate because in the UK thanks to treatment HIV is a manageable condition that does not necessary lead to AIDS.
Damit gäbe es bereits drei richtig schwergewichtige Argumente, warum diese Kampagne sehr, sehr schlechte Werbung ist:
1) Die gewählte Metapher ist so ungeschickt gewählt, daß sie in der Perzeption nicht die Krankheit stigmatisiert, sondern die Erkrankten.
2) “Protect Yourself!” ist keine konkrete Handlungsaufforderung. Tatsächlich ist der Spot sogar so schlecht konzipiert, daß eine konkrete Handlungsaufforderung wie “Wear a Condom!” gar nicht möglich ist, da sie an den Massenmörder gerichtet wäre.
3) Selbst wenn das Konzept aufgegangen und die Krankheit selbst stigmatisiert worden wäre, verleitet das „Massenmörder“-Konzept dazu, den Schritt zur Behandlung als nutzlos zu empfinden, und damit letztendlich auch den für viele Menschen schwierigen Schritt, sich überhaupt einem HIV-Test zu unterziehen.
Von daher läßt sich diese Kampagne bezüglich Thema und Absicht als völlig inakzeptabel in jeder Hinsicht bewerten. Und zwar ohne überhaupt erst darüber diskutieren zu müssen, ob die Verwendung von Hitler in der Werbung angemessen ist, in diesem Fall oder generell. Möglicherweise ließe sich aus dieser und anderer Werbung mit Hitler die Erkenntnis gewinnen, daß nicht die Verwendung von Hitler selbst das Problem ist, sondern daß der Rückgriff auf Hitler in der Werbung prinzipiell schon immer darauf hindeutet, daß die zugrundeliegende Konzeption keiner ernsthaften Überprüfung standhält.
Und zum Schluß noch etwas anderes: Da der Spot immer wieder von YouTube verschwand, war ich neugierig herauszufinden, wer diese Löschungen eigentlich veranlaßt. Also lud ich das Video auf einem Wegwerf-Account hoch. Die Erkenntnis: Der YouTube-Zensurmaschinerie zufolge ist diese Werbung für den World AIDS Day 2009 kein “educational, documentary and scientific content” sondern “sexually gratuitous.”
Well done, YouTube. Again.
EDIT 9.9.09 13:00
Ein Backtrack (s.u.) machte mich aufmerksam auf einen Eintrag auf alivenkickn mit einer Dekonstruktion der Web-Präsenzen des Regenbogen e.V. und einem Presseüberblick zum Thema.
6 Kommentare
Einen Kommentar schreiben
- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 9. September 2009 um 11:39 Uhr
Ohne Hitler war es doch irgendwie schon immer schöner: youtube.com/watch?v=...
Am 9. September 2009 um 11:40 Uhr
schön seziert, warum diese kmapagne schlechte webrung ist
ergänzend: prävention, d.h. hier gesundheitsrelevante veränderung von verhalten, funktioniert nicht (nur) nach den gesetzen der werbung
Am 9. September 2009 um 11:49 Uhr
@ondamaris Danke, und ein guter Einwand. Bezüglich der gesundheitsrelevanten Veränderung von Verhalten würde ich das Versäumnis auf jeden Fall beim Auftraggeber sehen; eine Agentur kann und muß davon nicht viel verstehen. Aufgabe der Agentur wäre es dann, diese Strategien zur Verhaltensänderung wiederum werbewirksam umzusetzen. Ich denke, die Versämnisse liegen hier zu gleichen Teilen beim Auftraggeber Berliner Regenbogen e.V. und bei der Agentur das comitee.
Am 9. September 2009 um 12:54 Uhr
[...] Werbeblogger: World AIDS Day 2009: Mass Murderer (Follow-Up) [...]
Am 9. September 2009 um 17:50 Uhr
würde mich noch interessieren wie ihr den RADIO-spot bewertet…
Am 9. September 2009 um 17:58 Uhr
@michelle meyer Das ist jetzt nicht als wohlüberlegte, analytische Beurteilung zu verstehen, aber ich persönlich finde den Radiospot grottenkindisch.