15:12 Uhr
Banalitäten, Autoritäten: Eine vorläufige Bemerkung zum Manifest
Leider fehlte mir bislang die Muße, das Internet-Manifest zum Journalismus nicht nur flüchtig, sondern wirklich konzentriert zu lesen, und das gilt auch für die Kübel an Kritik, die bereits darüber ausgeschüttet wurden.
Trotzdem dazu schon mal ein paar Bemerkungen “up front”.
Mein erster Eindruck nach der oberflächlichen Lektüre war: mostly harmless, weitgehend überflüssig und ohne praktischen Nährwert. Die meisten Kritiken erschienen mir zu harsch, weswegen mir vor allem Detlef Guertlers „Manilasch“-Kritik gefiel. Aber dann machte mein geschätzter Kollaborateur Siggi Becker mich aufmerksam auf den 4. Kommentar („Strabo“) zu Don Alphonsos Kritik „Ein Journalismus,“ an dem ich vor allem die Aufforderung zum machen schätze. Dieser Kommentar, der mir entgangen war, wurde bislang nach Auskunft des Verfassers auf www.internet-manifest.de systematisch gelöscht. Nicht zuletzt auch darum in voller Länge (Hervorhebung von mir):
Wer Banalitäten als Manifest verkauft, will Autorität. Dieses Manifest ist autoritär. Ein revolutionäres Manifest, das wirklich was aufrühren würde, wäre so:
Wir werden nicht mehr in Print veröffentlichen, denn wir haben unser eigenen Medienkonzern in der Tasche. Wir werden nicht mehr in Fernsehstudios sitzen, denn wir haben unser eigenes Studio auf dem Schreibtisch. Wir werden nicht mehr Medienkonzerne beraten, denn in der Wissensgesellschaft ist Beratung kollektiv. Wir werden nur noch im Internet schreiben, auftreten und kommentieren und jedem helfen, der sich darin ausdrücken will. Vielleicht gehen wir unter aber wir erklären unsere Scheidung von den bisherigen Medienformaten, die hierarchisch organisiert sind und die Schlüsselochperspektive bevorzugen. Natürlich machen wir das alles nicht, denn wir sind ältere Internetuser mit Doppelmoral zu alt, um das Netz für etwas selbverständliches zu halten, zu jung um nicht noch die letzte Chance auf Marktlücke zu ergreifen.
In Stefan Niggemeiers eigenem Manifest-Eintrag findet sich dieser Kommentar ungelöscht auf Platz 190, und auf Platz 192 folgt dann gleich ein Mißverständnis, denn gelöscht wurde der Kommentar laut Eigenaussage von „Strabo“ ja auf der Manifest-Domain, nicht bei Stefan Niggemeier (was mich auch sehr schockiert hätte).
Und so ganz langsam beginne ich, die harschen Kritiken zu begreifen; denn der hervorgehobene erste Satz über Banalität und Autorität, auf den Siggi mich aufmerksam machte, gibt mir mehr und mehr zu denken.
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14 Kommentare
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Am 8. September 2009 um 15:29 Uhr
Nein. Ich habe einen ähnlichen Kommentar einmal bei mir gelöscht, was nichts mit dem Inhalt zu tun hat (den ich für kompletten Unsinn halte), sondern damit, dass der Autor keine richtige E-Mail-Adresse angegeben hat, was Voraussetzung zum Kommentieren bei mir ist. (Insofern ist mein Kommentar #192 falsch – ich hatte vergessen, dass ich das schonmal gelöscht hatte.)
Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Kommentar auf internet-manifest.de nicht gelöscht wurde. Warum auch? Weil er, uuuuh: wahr ist und wir verhindern müssen, dass die Wahrheit über den autoritären Charakter unseres Textes rauskommt? Please.
Und das wäre gut gewesen, wenn wir im Sinne dieses Kommentars geschrieben hätten: Weil wir glauben, dass das Internet viele Chancen bietet, nutzen wir nicht mehr die Chancen, die andere Medien bieten? Entschuldigung: Wie doof ist das denn?
Am 8. September 2009 um 15:41 Uhr
Okay, dann läßt sich dem Verfasser des Kommentars auf jeden Fall der Vorwurf machen, sich nicht deutlich genug ausgedrückt zu haben, und ein einmaliges Löschen fällt sicherlich noch nicht unter „systematisch”. Auch der zweite Kommentar (Nr. 124) desselben Verfassers vermochte mich nicht zu begeistern, ebenso wie der anklingende Verschwörungstheorienton. Weswegen ich das alles auch nicht gleich für bare Münze nahm, sondern die Formulierung „laut Eigenaussage“ verwendete.
Jedoch den Sinnzusammenhang (Huhn → Korn?) von Banalität, Autorität und Manifesten halte ich keineswegs für „kompletten Unsinn”, sondern für absolut diskutabel.
Am 8. September 2009 um 17:12 Uhr
@stefan niggemeier “.. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Kommentar auf internet-manifest.de nicht gelöscht wurde. ..”
Bist Du sicher genug, um sicher zu sein? Ich jedenfalls habe gestern 2 Kommentare auf internet-manifest.de abgegeben, aber jetzt ist nur noch einer da. Es war nix Dolles oder Schmähendes oder so was, eher ein banaler Zweizeiler, kurz: etwas was man nicht löschen würde. Aber – es gab ja ganz offensichtlich technische Probleme, da kann schon mal was verlustig gehen, oder?
Das wahre Manifest (also das von strabo) find ich übrigens richtig gut – im Gegensatz zu dem anderen Gesabbel ..
Am 8. September 2009 um 17:35 Uhr
Ein Kommentarkultur-Manifest würde ich schon mal wagen wollen. Wer macht mit?!
Am 8. September 2009 um 18:00 Uhr
@J. Martin
machst du da rundsätzlich eine neue Diskussion auf? oder verstehe ich nur was nicht? Hab ich zu hart formuliert; mein “Gesabbel” vielleicht?
Nur zur Klärung: Mein 2. Kommentar, der der jetzt nicht mehr da ist auf internet-mirwirdschlecht.de, war tatsächlich nicht so, dass er löschgefährdet gewesen wäre. Ich gehe vielmehr davon aus, dass er wegen technischer Probleme (die dort gestern sichtlich herrschten) nicht mehr erscheint.
Am 8. September 2009 um 18:18 Uhr
moment, ich schlage gleich ganz hart zurück; ich such nur noch meine Wattebällchen ..
Am 8. September 2009 um 17:20 Uhr
*seufz*
@moldo Was macht den Unterschied zwischen „harten“ und „beleidigenden“ Diskussionsbeiträgen eigentlich so schwierig?
Am 8. September 2009 um 18:40 Uhr
Traurig finde ich: Du sagst, Du hättest den Text nur flüchtig gelesen. Das aber reicht Dir, um darüber zu bloggen.
Man stelle sich auch vor, wir hätten den “Völker hört die Signale”-Ton gewählt, den sich einige wünschen. Wie wäre dann die Kritik ausgefallen?
Es drängt sich der Verdacht auf, dass weite Teile jener bösen Kommentatoren gar keine Lust haben, irgendwelche Beiträge zu einer vielleicht nötigen Diskussion über den Zustand und den weiteren Weg der Medien zu führen. Das würde Nachdenken erfordern. Und vielleicht Arbeit. Da ist es eben leichter, Beleidigungen aufzuschreiben, Verschwörungstheorien zu basteln und sich mit der Frage zu beschäftigen, wieweit ein Text entfernt ist von der Wikipedia-Definition von “Manifest”.
Aber das ist ein subjektiver Eindruck.
Am 8. September 2009 um 18:12 Uhr
@moldo Ja, das meinte ich in der Tat.
Auf einer wissenschaftlichen Konferenz habe ich mal einen Professor zum anderen sagen hören, „Vielleicht bin ich jetzt zu höflich, aber das ist der größte Unsinn, den ich je gehört habe.“ Ich habe es aber noch nie erlebt, daß ein Professor zum anderen gesagt hätte, „Ihre Aussagen sind Gesabbel.“
Das ist in etwa der Unterschied zwischen hart und beleidigend, den ich meine.
Am 8. September 2009 um 19:28 Uhr
@Thomas Knüwer “.. irgendwelche Beiträge zu einer vielleicht nötigen Diskussion ..” – bitte, was ist das? Und vor allem, wer braucht das: Eine Diskussion, die *vielleicht* nötig ist, Beiträge die *irgendwie* sind?
Ich glaube, das Problem liegt darin, dass ihr Euch habt verlocken lassen, das Projekt “internet-manifest” zu nennen. Hätte es etwas überschaubereres, etwas mit “Internet-Journalismus” nicht auch getan? Ihr wolltet die große Welle – ganz nach oben. Und jetzt .. jetzt seid ihr der Sonne zu nahe gekommen.
Am 9. September 2009 um 02:10 Uhr
@Thomas Knüwer Die Rolle des Traurig-Mißverstandenen sei Dir gegönnt, aber ich möchte dazu bemerken, daß sie Dir nicht sonderlich gut steht. Ebenso wie Dein Lamento über die Unsportlichkeit, Dich mit den lexikalischen Bedeutungen der Worte zu belästigen, die Du benutzt. Für einen Journalisten finde ich das ein lustig Ding.
Ein lustig Ding finde ich auch Deine Vorstellung, daß ich als Blogger nicht meine ersten Eindrücke kundtun dürfen sollte über ein offenbar extrem polarisierendes Manifest, das ich selbst schließlich gar nicht so polarisierend finde, aber die Möglichkeit offenhalte, daß ich es nur nicht konzentriert genug gelesen habe. Kurios, überhaupt, wie offenbar all jene, die es wirklich gründlich durchgearbeitet haben oder zumindest nicht das Gegenteil behaupten, viel harschere Urteile darüber fällen als ich.
Deinem „Es drängt sich der Verdacht auf“-Absatz stimme ich inhaltlich uneingeschränkt zu. Aber Dein Reflex, mit Ober- und Untertönen von Überraschung und Enttäuschung darüber zu klagen, daß Menschen im Internet nicht nachdenken wollen und lieber Beleidigungen und Verschwörungstheorien produzieren, das sollte Dir bereits als erster Hinweis darauf dienen, was mit eurem „Internet“-Manifest ganz generell nicht stimmt.
Die Antwort darauf, wie die Kritik ausgefallen wäre, wenn das Manifest kein Manilasch gewesen wäre, halte ich keineswegs für offensichtlich oder auch nur naheliegend. Einer der stärksten Motoren für die aktuelle Kritik im Web scheint mir die Frustration zu sein, in einer Zeit radikaler Umbrüche und bröckelnder Geschäftsmodelle von den sichtbarsten Journalistinnen und Journalisten etwas deutlich Substantielleres erwartet zu haben. Die Formulierung konkreter Ziele zum Beispiel, statt nur einer Sammlung von Absichten, konkrete Ziele zu formulieren. Und selbst wenn die Kritik an einem radikaleren Manifest nicht weniger harsch ausgefallen wäre: ich bin mir sicher, sie hätte sich stärker an Inhalten entzündet, ganz so, wie Du es Dir wünschst. Daß es eher schwierig ist, sich an den Inhalten des aktuellen Manifestes zu entzünden, ist in der Diskussion darüber ja gerade das entzündende Moment. Aber Kritik wäre in diesem Fall eben von allen Seiten gekommen, und da kann ich es dann durchaus verstehen, wenn der konstatierte Kuschelkurs beginnt, verdächtig zu erscheinen. Banalität, Autorität, cui bono?, das ganze Programm.
Mein Vorschlag: Schwamm drüber und von vorn und diesmal mit Biß.
Am 9. September 2009 um 09:59 Uhr
Göttlich:
“Es drängt sich der Verdacht auf, dass weite Teile jener bösen Kommentatoren gar keine Lust haben…” – die Internet-Checker sind über die Reaktionen im Internet überrascht und fühlen sich unverstanden und ungeliebt.
Am 9. September 2009 um 11:48 Uhr
@J. Martin und @Tim: Genau das meine ich ja. Aus unserer Sicht ist eine Diskussion über den Zustand und der Zukunft der Medien nötig. Warum ich “vielleicht” schrieb? Weil jede Menge Kommentatoren meinen, diese Diskussion sei unnötig, es sei alles gesagt. Das kann man so sehen. Dummerweise sehen große Medienhäuser das ebenfalls so – nur mit einer anderen Meinung.
Am 9. September 2009 um 12:11 Uhr
@Thomas Knüwer Ja, das ist ein Punkt, den ich einräume: gelesen aus der Medienhäuser-Perspektive ist das, was uns banal erscheint, durchaus revolutionär.
Aber es ist gerade die Begrenzung auf diese Perspektive, die ich angesichts der fortgeschrittenen medialen Uhrzeit als nicht mehr zeitgemäß empfinde. Die Art eurer Präsentation lädt überdies gerade zu großen Panorama-Perspektiven ein, angefangen mit dem Titel. Und von diesen Perspektiven aus, die ich nicht nur für absolut legitim, sondern auch für absolut notwendig halte, wirkt das Manifest eher wie etwas, das euch aus der Hand gefallen ist, nicht wie ein großer Wurf.