18:33 Uhr
The Power of Twitter, oder: Wie eine nagelneue Bosch-Waschmaschine in ein Obdachlosenheim kam
Heather Armstrong, Bloggerin, Autorin und laut Forbes Magazine eine der 30 “Most Influential Women In Media in 2009” beschreibt in ihrem Blogeintrag “Containing a Capital Letter or Two” episch und erfrischend unjugendfrei ihre Auseinandersetzungen mit dem Haushaltsgerätehersteller Maytag über eine brandneue defekte Waschmaschine mit zusätzlich erworbener Zehn-Jahres-Garantie, während ihr Baby Marlo, genannt “Olympic Pooper”, die Wohnung mit Windeln und milchbekleckerten Lätzchen füllt.
Maytags katastrophaler Service hat leider durchaus Stellvertreterqualität: Erfahrungen dieser Art haben in den letzten 10–15 Jahren in den USA in dem Maße zugenommen, wie sie in Deutschland abgenommen haben. Deutschland ist — von einigen herkulischen Beibehaltungsbemühungen der Deutschen Bahn mal abgesehen — längst nicht mehr die globale Vorzeige-„Servicewüste”, die es mal war, obwohl dieses Wort immer noch fleißig für Gesellschaftsverfallstheorien herhalten muß, und die USA ist längst nicht mehr das globale Vorzeige-„Serviceparadies“, obwohl die Verbraucherschutzgesetze dort in vieler Hinsicht weitaus radikaler sind.
Und als gar nichts mehr half, machte Heather Armstrong, die unter dem Twitter-Namen Dooce mehr als eine Million Follower unterhält, sich mit einer Reihe von Tweets lautstark Luft, der erste davon siehe oben. Und, oh Wunder, kurz darauf wird ihre Maschine dann endlich repariert. Aber nicht nur das! Denn noch jemand meldet sich: Bosch. Und die wollen ihr eine “free washing machine of [her] choice” geben. Hier das Ende der Geschichte im O-Ton:
So I talk to the guy at Bosch, tell him that since I can afford the $1,300 I spent on that washer I’d love it if they’d be willing to donate a free machine to a local Salt Lake City shelter instead, and he doesn’t see why not. So I do some looking around, find a place called the Rescue Mission of Salt Lake, make a call, and DO THEY EVER NEED THE HELP. I almost started bawling right there on the phone. All that stress and name-calling and pacing the floor yesterday…
You guys, Bosch is donating a brand new washer AND DRYER to the Rescue Mission of Salt Lake. GO @BOSCHAPPLIANCES!!!!
That is the power of Twitter.
Und die Kraft des Kundendienstes. Aber auch wenn die Geschichte damit zu Ende ist, empfehle ich allen, die des Englischen mächtig sind, den langen aber extrem kurzweiligen Originaleintrag auf Armstrongs Blog zu lesen. Der, nebenbei, noch von einem anderen Thema durchzogen ist neben defekten Waschmaschinen und windelfüllenden Babys, nämlich den empörten E-Mails und Kommentaren, die Armstrong regelmäßig zu ihren Blogeinträgen erhält, und die sie zwischendurch brüllend komisch parodiert. Und die regelmäßig schließen mit einer Variante von “THEY WILL NEVER READ ME AGAIN.”
7 Kommentare
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- ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
- Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
- ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
- ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
- ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
- Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
- Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
- Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!

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Am 31. August 2009 um 19:14 Uhr
Twitter und Blogs, die moderne Form der Beschwerdeeingabe. Naja.
Am 31. August 2009 um 19:23 Uhr
Klar, die charmanten Varianten (u.a. auch United breaks Guitars) mag ich auch. Und Gründe liefern die Serviceabteilungen ja auch mannigfaltig. Aber in vielen Fällen ist es einfach auch freudloses Genörgele. Wenn sich früher jemand benachteiligt fand, sagte er am Schalter “Ich bin aber Journalist!” Heute heißt das “Ich bin aber Blogger!” ;-)
Am 31. August 2009 um 19:17 Uhr
@Paul Tatsächlich finde ich es bemerkenswert, wie lange Armstrong durchhielt, ohne darüber zu twittern … erst nachdem alle anderen Möglichkeiten und Beschwerdeeingaben rundum gescheitert waren. Eine Disziplin, die ich nicht gehabt hätte :-)
Am 31. August 2009 um 19:43 Uhr
Ja, auf die Fließbänder der “Underground Rage Factory” aufzuspringen ist auch viel einfacher, als es erstmal über die normalen Kanäle zu versuchen, und davon heben die genannten Beispiele sich wohltuend ab. (Vermutlich sind diese „freudlosen Nörgler“ letztendlich vom gleichen Schlag wie die Leute, die uns auf der anderen Seite der Kundendienst-Hotlines zur Raserei treiben …)
Aber die Raser und Nörgler gibt’s zuhauf, zusätzlich zu denen, die im Social Web ihre persönlichen Vendetten führen. Und das kann auch Unternehmen mit den weltbesten Kundendiensten treffen. Nicht zuletzt um dieses Art von “Feedback” auffangen zu können müssen Unternehmen im Social Web adäquat vertreten sein. Aber erstaunlich viele werden von diesen Medienstürmen immer noch völlig überrascht und reagieren erst, wenn sie längst zum Orkan geworden sind.
Am 31. August 2009 um 20:44 Uhr
Alle versprechen immer das Blaue vom Himmel herunter, aber die wenigsten setzen es dann auch um.
Vielleicht muß man öfter auch mal, wie Ihr, die positiven Beispiele (Bosch) schildern, damit die anderen (Maytag) davon lernen können, auch wenn die ersteren meist die langweiligeren sind.
Am 1. September 2009 um 10:26 Uhr
Das hat nix mit dem Medium zu tun, sondern mit Bekanntheit.
“Power of Twitter” stimmt deshalb nur bedingt. Was käme wohl dabei heruas, wenn ich das mit meinen (von mir sehr geschätzten) 121 Followern mache?!
Insofern: Das Medium mag neu sein, den Mechanismus gibt’s schon lange. Trotzdem eine gute PR-Aktion von Bosch!
Am 2. September 2009 um 10:51 Uhr
[...] Werbeblogger war Vorgestern eine äußerst interessante Zusammenfassung von der Interaktion von Kundenservice [...]