13:18 Uhr
Microsoft und das, uh, Lokalkolorit
Heute vormittag twitterte Roland (es gibt einen weiteren Grund, warum ich das wörtlich zitiere, zu dem ich später noch komme):
Kann nicht sein, oder? Microsoft photoshoppt sich durch die Rassen—je nach Bedarf
Worum geht es? Wie Ina Fried auf CNET nach einer Beobachtung von Laura June auf Engadget berichtet, gibt es auf der U.S.-Website von Microsoft ein Stock-Photo mit drei Geschäftsleuten, das auch auf der polnischen Microsoft-Website zu finden ist — bloß, daß dort der Mensch in der Mitte, ein African-American, durch einen kaukasischen Typ ersetzt wurde:

Microsoft Polen
(Update: Microsoft hat das veränderte Photo auf der polnischen Präsenz mittlerweile durch das Original ersetzt)
Und, um schon mal die erste humoristische Implikation abzufeiern, von denen später noch weitere folgen (gefunden in den CNET-Kommentaren):
Doch zunächst die ernsthaften Aspekte. Was wäre dazu zu sagen?
Davon mal ganz abgesehen, warum ein milliardenschweres Unternehmen kein Geld dafür übrig hat, passendere Stockphotos für seine Länder-Präsenzen einzukaufen, stellt sich natürlich die Frage, ob es sich hier um Rassismus handelt. Die Diskussion in den CNET-Kommentaren zeigt recht schnell eine Polarisierung: Die Fraktion, die das Herausretuschieren von Schwarzen eher ethisch-geschichtlich und als verabscheuungswürdig beurteilt, und die Fraktion, die ganz pragmatisch sagt, daß der Anteil an schwarzer Bevölkerung in Polen vernachlässigbar ist und es legitim sei, ein Photo an die lokalen ethnischen Verhältnisse anzupassen.
Ich bin zwar ein großer Freund pragmatischer Erwägungen, aber persönlich muß ich hier der geschichtlichen und ethischen Perspektive Recht geben. Ich könnte mir zudem vorstellen, daß Microsoft diese unterirdische Entscheidung im Hinblick auf CD-Erwägungen getroffen hat, damit „alles einheitlich aussieht“, was den Vorfall konzeptionell nur noch beängstigender macht. Das Streben nach Uniformität ist, wie wir wissen, sowohl in geographisch-globalen wie auch in zeitlich-geschichtlichen Gesamtzusammenhängen für „Andere“ in den seltensten Fällen gesund.
Dazu kommt, daß ein close reading dieses Photos auch die pragmatische Perspektive demontiert. Denn das Original ist wahrhaft “political correct” (das ist jetzt nicht als Kritik gemeint) — zwei Männer und eine Frau, darunter ein kaukasischer Typ, ein African-American und ein Asian-American:
Und selbst gesetzt den Fall, daß mehr Asiaten als Schwarze in Polen leben (was durchaus der Fall sein könnte), sind Asiaten dort ebensowenig ein natürlicher Bestandteil des ethnischen Lokalkolorits wie Schwarze.
Abschließend noch einige Einzelheiten der Diskussion um diesen Vorfall mit eher humoristische Aspekten …
Gleich der erste Kommentar auf CNET fragt ganz naiv, “Ina, do you suppose MS really photoshopped the image, or do you think maybe they used one of their own graphics tools?” Nun, zuallererst wäre festzuhalten, daß diese Qualitäts-Retusche durchaus auch in MS Paint entstanden sein könnte, aber ich denke, daß “photoshopped” sich mittlerweile als Gattungsname verselbständigt hat (ähnlich Tempo oder Kleenex) für das digitale Verändern von Photographien, und daß es nicht mehr notwendigerweise oder zwingend den Gebrauch von Photoshop voraussetzt. Ein anderer Kommentar bemerkt, “Is it just me or does the laptop in that photo look like a macbook with the logo edited out?”, was in der Tat sein könnte und ja auch nicht das erste Mal wäre … allerdings könnte eine solche Retusche auch schon vorher vorgenommen worden sein, irgendwo in der Stock-Photo-Kette. Dann wäre auch noch dieses Kuriosum in Ina Frieds Artikel zu erwähnen:
Although Microsoft would be within reason to use a different photo on its Polish site—the country is very racially homogeneous—the company is coming under significant criticism for simply photoshopping a head onto someone else’s body.
“In this day and age, this is shocking,” wrote Twitter user Barry McCauley. “Unacceptable.”
Ein Kommentar dazu ließ nicht lange auf sich warten:
Thank God we have the opinion of Twitter user Barry McCauley!
Tweets sind natürlich prinzipiell uneingeschränkt zitierfähig wie Aussagen aus jedem anderen Medium auch, und ich habe ja auch Roland oben zitiert. Aber Roland ist allen Lesern und Leserinnen hier bekannt, quasi eine lokale Celebrity ;-), und er war meine Quelle für diesen Artikel. Im Kontrast dazu bin ich nicht sicher, ob die Meinung von Twitter-Nutzer “mcbazza” geeignet ist, in einem journalistischen Artikel von CNET/CBS-Interactive als Stellvertreter für das globale Stimmungsbild zu dienen … wobei Ina Fried zum Abrunden dann noch auf den Account statt auf den Tweet verlinkt. Well done.
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20 Kommentare
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Am 26. August 2009 um 17:05 Uhr
Das ist ja ein interessantes Thema. Aber musst du eigentlich jedesmal eine Doktorarbeit schreiben? Wir müssen doch alle noch nebenbei arbeiten.
Am 26. August 2009 um 17:13 Uhr
@Ex M Soso.
Am 26. August 2009 um 23:55 Uhr
@Ex M: Wollen wir nur Häppchenwerbeblogger mit Boulevard-Meldungen oder noch ein wenig mehr Durst? Ich danke J. jedenfalls für die Recherche und Position…
Am 27. August 2009 um 09:11 Uhr
Wichtig ist, dass das nicht der erste Vorfall dieser Art ist,
Ford ist 2006 verprügelt worden, als sie auf einer ungarischen Seite farbige Mitarbeiter des Englischen Werks durch kaukasische Gesichter ersetzt haben. Zu recht!
Am 27. August 2009 um 10:18 Uhr
Mich würde mal interessieren, ob es die gleiche Aufregung gäbe wenn Microsoft für den südafrikanischen Markt in ein Bild einen Schwarzen/eine Schwarze eingebaut hätte. Oder in einem asiatischen Markt einen Asiaten/eine Asiatin?
Ganz ehrlich: Das Originalbild sieht schon verdammt nach einem typischen amerikanischen Stockbild aus. Das zweite Bild sieht könnte schon deutlich eher in Polen spielen. Zugegebenermaßen, mit ein wenig Sensibilität hätte man sich dafür entschieden ein komplett neues Stockbild zu nehmen.
Am 27. August 2009 um 10:20 Uhr
Wenn du schon so direkt fragst: So ein schöner Mittelweg zwischen Häppchenwerbeblogger und ellenlangen, total fundierten, betulich-drögen, un-unterhaltsamen und unpointierten Abhandlungen würde mir persönlich gefallen.
Am 27. August 2009 um 10:33 Uhr
ich glaube, was hier den faden beigeschmack macht, ist die lieblosigkeit, mit der einfach der kopf eines schwarzen aus dem bild geschnitten und durch den eines weißen ersetzt wurde.
hätte microsoft für jeden teilmarkt (z.b. nord-, mittel- und südamerika, ost-, mittel- und westeuropa, etc. pp.) ein foto bei einer lokalen agentur in auftrag gegeben – lediglich mit der vorgabe “konferenzsituation, drei akteure, gerne pc.” -, dann wäre das resultat ähnlich gewesen, aber ganz sicher anders (positiver) aufgenommen wurden.
Am 27. August 2009 um 10:50 Uhr
In den diversen Werbeagenturen die ich durch eigenes arbeiten dort kenne ist es Usus amerikanisches Stock-material dahingehend zu bearbeiten und Dunkelhäutige zu entfernen.
Ich sehe darin auch nichts schlimmes, es stört halt einfach den Werbeeffekt des Fotos und macht es unbrauchbar. Genauso entferne ich Kinder & Senioren egal welcher Hautfarbe, wenn sie nicht zur Werbebotschaft passen.
Und wenn ein Foto nun mal ansonsten perfekt passt dann wird halt entfernt was nicht passt. Das hat nichts mit Antisympathien zu tun, es ist der Beruf der Agenturen.
Am 27. August 2009 um 11:01 Uhr
“African-American”?
Woher weist du das? Vielleicht ist er auch “African-Hispanic” oder “African-Indian” oder gar “African-African”. Schwarze gibt es überall. Warum muss man in einem Artikel, der sich über Rassismus mokiert, so dumme politically-correct Floskeln benutzten.
Am 27. August 2009 um 11:18 Uhr
wozu die ganze aufregung? wer will denn überhaupt noch dümmlich grinsende geschäftsleute (=diese geschäftsleute sind glücklich mit dem hier beworbenen produkt! jawohl!!) in einer (business)anzeige sehen? egal welcher hautfarbe.
Am 27. August 2009 um 11:47 Uhr
@ j.martin sch**sse, dann muss ich mich wohl korrigieren, der kram wirkt ja doch (noch). werde ab sofort meine (business)kampagenansätze auf den stand 1963-93 zurüchschrauben ;D
Am 27. August 2009 um 11:14 Uhr
@Jan Keine Ahnung von etwas zu haben ist nicht weiter problematisch. Sich damit lautstark als wissend zu entrüsten schon.
Am 27. August 2009 um 11:26 Uhr
@BrothelPianist Wahr gesprochen!!! Eine Perspektive, die mir tatsächlich noch gar nicht in den Sinn kam. Im Grunde sind diese Stockbilder das Business-Pendant zu den journalistischen „Super-Symbolfotos“, über die Stefan Niggemeier sich so gerne hermacht. Aber mit höherem Brainwash-Faktor (mich selbst offenbar eingeschlossen).
Am 27. August 2009 um 11:49 Uhr
@BrothelPianist LOL
Am 27. August 2009 um 13:05 Uhr
Wenn jemand ein Stockfoto für ne Damenbindenwerbung gekauft und dann den einzigen Mann auf dem Bild per Photoshop geext hätte..
… ja dann könnt ich die ganze Aufregung verstehen.
Am 27. August 2009 um 13:45 Uhr
Ich hätte mir an der Stelle von Microsoft eher zu dem Macbook, das vor der Person steht, Gedanken gemacht :-))
Am 27. August 2009 um 17:06 Uhr
Ungeachtet dessen, ob es nun politisch korreket ist, oder ob diese Bilder überhaupt gut sind, frage ich mich, ob sich Microsoft überhaupt darüber Gedanken macht, dass irgendwo in der Welt da draussen genug flinke Menschen gibt, die dies sofort bemerken werden und dies ein gefundes Fressen für die ist, die sich gerne über Microsoft das Maul zerreissen?
Am 28. August 2009 um 09:55 Uhr
Ergänzend dazu:
cracktwo.com/2009/07...
Am 28. August 2009 um 09:47 Uhr
@Ex M achso.
Natürlich. Und während wir dabei sind, unsere Beiträge nach Deinen Wunschvorstellungen zu gestalten, reichen wir Schnittchen und ein Glas Prosecco.
Ich hatte ja lange überlegt, ob Dein ursprünglicher Kommentar pointiert-witzig verstanden werden wollte oder bloß tiefer und mit breiten Schluppen. Bis zu Deiner Antwort auf Rolands Kritik, die mich eines Besseren belehrte, hielt ich ersteres für minimal plausibler.
Schon atemberaubend, wie Du mit der anspruchsgesättigten Edelsouveränität eines Davidoff-the more you know-Connaisseurs uns Bloggern mal erklärst, was ein guter Beitrag ist und wie wir ihn für Dich anzurichten haben. Dafür danken wir Dir auch recht herzlich.
Am 28. August 2009 um 12:22 Uhr
@Patrick Whoa, THX — das ist ja eine echte Juwelen-Sammlung!
In den Kommentaren dazu verlinkt jemand auf diese alte Onion-Satire. Der aktuelle Stand neun Jahre später: Wirklichkeit vs. Fiktion 20:0.