11.08.09
04:23 Uhr

Satz ohne Gesetz: Warum der Buchdruck neue Regeln braucht

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Kloster-Spiegel, Handschrift 33/1609

Die Lesende

Marktplatz Buchdruck, Lesende im Salon: Während an der Oberfläche des gedruckten Reichs tausend bunte Blumen blühen, wuchert im Wurzelwerk darunter ein Pilzgeflecht aus Intrigen, Täuschung und Terror.

Marktplatz Buchdruck

Freiheit Unendlich

Längst ist die Welt des gedruckten Buchs ein Paralleluniversum. Die Refugien der Aufrührer, Rufmörder, Teufelsanbeter entziehen sich weitgehend der Kontrolle der Obrigkeit. Nur einer transnationalen Instanz kann es gelingen, Ordnung zu schaffen. Das Ziel: die globale Druckmonarchie.

Der Kampf ums Buch findet im Verborgenen statt. In einem gesichtslosen Bibliothekskeller im Dominikanerkloster im Bistum Eichstätt sitzt im Halbrund aus fünf Lesepulten Bruder Benedikt, 47, Kreuz, schwarze Kutte, und sucht im Dickicht der mit Bleilettern gesetzten Seiten nach den Stichworten des Bösen.

Mit seinem Index-Brevier durchforstet der Fahnder der Domini Canes (DC) die Buchseiten nach Obszönitäten und Lästerungen. „Wir machen jetzt mal eine Stichprobe“, sagt er. Er blättert durch die Seiten, bis eine Kombination aus Ziffern auftaucht, darunter eine 3. „Aufschlagen.“ Schon erscheinen auf dem Folio 329 Beschreibungen von Succubi und Incubi.

Spurensicherung im bleisatz-sterilen Raum: Wenn die Hunde des Herrn auf schmutzige Wörter stoßen, erstellen sie sogleich eine Dokumentation, die nur wenig später bei den Inquisitoren landet — als Vorlage für eine hochnotpeinliche Befragung. Innerhalb von zwei Monaten haben Benedikt und seine Mitmönche Beweismittel gesammelt für rund 9000 Ermittlungsverfahren, davon 1000 gegen Buchnutzer im heimatlichen Stammesherzogtum.

Sie sind ganz schön weit, die Kämpfer um die Hoheit in der Buchdruckszene.

Die an der anderen Front aber auch. Die Flagge mit dem schwarzen Segel auf weißem Grund weht schon in unmittelbarer Nähe des Klosters. „Hände weg vom Buchdruck“ lautet die Forderung der Protestierer an alle, die wie Papst Urban VIII. („Zensurban der Achte“) mit kirchlicher und staatlicher Gewalt die Nutzer vor den Gefahren des Buchlesens schützen, ein bisschen Ordnung in den schier unendlichen Kosmos bringen wollen.

Wieviel Freiheit geht in der Lesewelt? Kann der Staat den Buchdruck sich selbst überlassen? Ist die Lesewelt ein riesiger Raum der Unabhängigkeit, der Emanzipation von Staat und Bevormundung, ein Raum der Freiheit, des Glücks und der Gerechtigkeit?

In Lesewelten tost nicht nur Karneval, es herrscht auch Krieg. Der Buchdruck dieses Jahrhunderts ist in der Hand von globalen Mächten des Kommerzes und ausländischer Tyrannen. Die Grauzonen dieser neuen Weltordnung werden vom organisierten Verbrechen genutzt. Während an der Oberfläche des gedruckten Reichs tausend bunte Blumen blühen, Abenteuer, Dialoge, Schöngeistiges, wuchert im Wurzelwerk darunter ein Pilzgeflecht aus Intrigen, Täuschung und Terror.

Das Buch, so sehen es manche, bedroht den Frieden der Welt. In dieser jungen, unübersichtlichen Welt geht es mancherorts zu wie im Dickicht der Völkerwanderung nach dem Zusammenbruch des Römischen Imperiums: Soziale und moralische Verwahrlosung erstickt in weiten Teilen der neuen Galaxie den Freiheitsgeist der Gründergeneration.

Mehr als vor einem „Großen Bruder“ muss der unschuldige Leser sich fürchten vor dem Heer der kleinen Brüder, vor der Gemeinheit und Missgunst von Pamphletautoren. Viele Exemplare der zahllosen deutschsprachigen Pamphlete und Traktate enthalten Pöbeleien, Vulgäres, das die Bürger im Land der Dichter und Denker sich nicht einmal unter vier Augen sagen würden. In dieser Parallelwelt haben sich junge Leute jeder Geisteshaltung, die „Generation Buchdruck“, an Umgangsformen gewöhnt, die früher nur als Unterschichtenphänomen von der Obrigkeiten besorgt beobachtet wurden. Unverschämtheiten, Rufmord, Beschimpfungen sind in den Flugblättern jugendlicher Schreiber weit verbreitet.

So ist der Buchdruck zwar die größte Befreiung des Geistes seit der Erfindung der Schrift, aber zugleich ein Massenspeicher für alle Übel, die Menschen sich ausdenken, vom schlichten Schmutz bis zu den schlimmsten Auswüchsen der Phantasie.

Das neue Jahrhundert steht im Zeichen der Begrenzung der unendlichen Freiheit. Weltreiche wie Spanien bauen machtvolle Zensurbehörden auf. Spätestens seit Thomas Münzer gehen auch die anderen Reiche strenger mit dem Laisser-faire in der Welt des gedruckten Buches um.

Was ist erlaubt im gedruckten Buch? Um die Antwort ringen alle mit allen. Leser und Schreiber wollen ihre Unabhängigkeit verteidigen. Klöster und Höfe sehen in der Freiheit des Buchs eine Einladung an Piraten, die Rechte von Kirche und Adel zu kapern. Die Obrigkeit ringt mit sich selbst: Soll sie, kann sie für dies alles die Verantwortung übernehmen? Zur Disposition steht nicht nur die Rolle des Reiches als Ordnungsmacht der neuen Buchgesellschaft. Es geht um die Möglichkeit, gesellschaftliche Entwicklungen weiterhin friedlich, also durch Recht, zu ordnen. Ist es möglich, Menschenwürde, Freiheitsrechte, den Erhalt der Recht von Kirche und Adel, also all jene Grundwerte der in diesem Jubiläumsjahr so pompös gefeierten Rechtsordnung, im Buch zu bewahren und durchzusetzen? Oder zerfällt das Recht im Leseraum?

„Ein Alptraum des Rechtsstaats“, so drückt es Buchforscher Tomás aus, sei der „Code“, das Geflecht der satztechnischen Konstrukte und Regeln, die das Leben einer Welt des Buchs bestimmen — schon deshalb, weil die Möglichkeiten von Bleisatz und Druckerpresse nationale Rechtsordnungen einfach überwuchern. Das Buch macht, was es will, und das ist kein Ausdruck von Freiheit, sondern von Gefahr: „Der Leseraum, sich selbst überlassen, kann das Versprechen der Freiheit nicht erfüllen“. Es muss etwas passieren in der Welt des Buchdrucks. Nur: Wer soll das Notwendige in Gang setzen — und wie? Der Vorstoß von Papst Urban VIII., Vorkehrungen gegen die Buchveröffentlichung von Häretikern zu treffen, hat die Hilflosigkeit unserer traditionellen Ordnungsmächte erst richtig deutlich werden lassen. Weil praktisch jedes Buch jederzeit in deutschen Landen erworben werden kann, muss sich die Welt am Recht des Reiches Deutscher Nation messen lassen. Und das hiesige Legalitätsprinzip verpflichtet Ermittler, jedem Anfangsverdacht konsequent nachzugehen, jedem Titel, jedem Schimmer von Unrecht in Bibliotheken. Dabei sind die Wahrer der einheimischen Gerechtigkeit schon jetzt mit ihren Kräften am Ende.

Einem Staat, der die Kontrolle über die Parallelwelt des Buchdrucks zurückgewinnen will, bleibt ein letztes Mittel: Ausweiskontrolle. Bevor die Bürger in die Bibliotheken und Buchläden abschweben, so könnte es gehen, müssen sie sich mit Name und Adresse identifizieren. Die Reichsjustiz, die solche Modelle prüfen lässt, hat den Hauptbuchgelehrten auf ihrer Seite: „Der Trend zur Identifikation im Schreib- und Leseraum ist nicht zu stoppen“, das verkündet Laurens zu Lessig seit langem.

Gleichwohl kommt der Staat, der die Identität der Schreiber und Leser überwacht, den Gefahren der Buchdruckwelt nicht wirklich näher. Die Verursacher des Bleisatzmülls dingfest zu machen ist nahezu unmöglich. Eine Art Inhaltspolizei müsste in die Lage versetzt werden, über Druckeigenschaften die Spuren des Mobs zu seinen Äußerungen zu sichern, also Inhalte und Personaldaten zuzuordnen und zu registrieren. Einzelne Staaten können dies nur unter Abschottung ihrer Grenzen versuchen — sie müssten ihre Bürger vom globalen Buch- und Bibliothekswesen ausschließen. Je wilder und gefährlicher die Welt des gedruckten Buches wird, desto deutlicher scheint sich die Frage nach dem Erlaubten zu verbieten. Mit Gewalt ist nichts zu machen. Mit Recht auch nicht. Wer will da noch aufräumen?

Es geht nicht.

Es muss aber.

Es muss vor allem eine Denkblockade durchbrochen werden: Recht und Ordnung ohne Staat scheinen bislang nicht vorstellbar. Und ein Verzicht auf die herkömmlichen Mechanismen der staatlichen Hoheitsgewalt in der Buchgesellschaft scheint ins Chaos zu führen.

Der Fortschritt durch bewegliche Lettern könnte nun die zivilisierte Welt in die Zeit der Selbstjustiz, des Faustrechts zurückführen. Der Staat, will er überhaupt noch ernst genommen werden, muss sich, demütigend genug, mit den selbstherrlichen Lehnsherren der Druckmaschinen und Buchdrucker gemeinmachen. Das raffinierte System der deutschen Handschriftenlandschaft, die öffentlichen Herolde, die Ordnungsmacht der Kirche, die feinsinnig konstruierten Gremien für den Schutz der reinen Lehre, die Inquisition: Die in den Druckereien pfeifen drauf.

Von allein funktioniert die Monarchie in der Welt des Buchdrucks nicht, es werden Moderatoren gebraucht, Organisatoren, Vermittler, auch Aufpasser. Die erfahrensten Kräfte der Welt — aus der Welt der Handschriftenhüter. Da wartet eine dringende Aufgabe auf den Club der guten alten Obrigkeiten.

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Wer sich davon überzeugen möchte, wie erschreckend wenig für diesen Artikel verändert werden mußte, möge das Original in der dieswöchigen Print-Ausgabe des Spiegel lesen.

Wer an der Schnittstelle von Populismus und Propaganda nur oft genug das Schlagwort „rechtsfreier Raum“ beschwört für ein Internet, das mittlerweile mehr verregelt und verordnet ist als sonst irgendein öffentlicher Raum, wird irgendwann selbst zum Opfer jener Kräfte werden, die damit zunehmend ermächtig werden. „Rechtsfreier Raum“ entsteht durch das Einschränken der informationellen Selbstbestimmung, das Ausweiten der Zensur (die es nicht gibt) und das Perforieren der Grenzen im Rahmen der Gewaltenteilung — einschließlich der Absorption der „Vierten Gewalt“, der Presse, auf deren entgegenkommende Autodemontage sich die drei anderen Gewalten inzwischen fest verlassen können.

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10 Kommentare

  1. Wie weit ist es von der Buchverbrennung zur Internetzensur? at Eric Pöhlsen

    [...] Artikel dazu liest sich sehr ähnlich [...]

  2. mediaclinique | ralf schwartz

    5 Learnings, die wir Kerstin Kullmann verdanken…

    Der Spiegel schreibt eine stellenweise hanebüchene Titelstory über das Internet, die Spiegelredakteurin Kerstin Kullmann höchstwahrscheinlich nicht gelesen hat. Sie hat sich keine eigene Meinung gebildet. Sie weiß nicht, was wahr und richtig ist, ist a…

  3. J. Martin

    Totalitäres Gedankengut ist endlich wieder hoffähig:

    Regierung erwägt rückverfolgbaren ‚Internetausweis’ für alle“.

    In fünf bis zehn Jahren ist Deutschland eine Kreuzung aus acht Jahre Bush und China. Die Restauration ist in vollem Gange.

  4. Tim Bruysten

    Danke J. Eine hervorragende Zusammenfassung und ein weiteres Indiz dafür, dass die intellektuelle Elite offensichtlich weite Teile des klassischen Journalismus bereits verlassen hat… Und Danke an den Spiegel für den Nachweis der exorbitanten Bedeutung eines freien und unzensierten Netzes.

  5. “Deutschland am Montag… « BRD 2.0

    [...] attraktive Jungredakteurinnen im seichten Frühstücksfernsehen ihre fremdschämenswerte und völlig anachronistische TitelgeschichteCoverstory anpreisen lassen [...]

  6. Internet: Spiegel fordert mehr Kontrolle » Von Richard Schnabl » Beitrag » Redaktionsblog

    [...] den Spiegel-Artikel in das 17.Jahrhundert zu verlegen und den Buchdruck unter Kontrolle zu nehmen.(Klosterspiegel 1609) >Kommentar oder Leserbrief Aktuelles Heft Nr. 3-2009 [...]

  7. Google Wave als Raum und die Macht der Metapher in Zeiten der Restauration — Wavetank

    [...] das die häßlichen Flecken von Komplexität und Anderssein abschrubbelt und wegpoliert. In meinem gestrigen Werbeblogger-Eintrag zum Netz-Artikel des Spiegels schrieb ich dieses Internet-wie-der-Spiegel-es-versteht zum Buchdruck um, und dieses Umschreiben [...]

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    [...] von Verwertern als globale „Bestrafen-statt-Teilen“-Vision implementiert werden und die Restauration erst so richtig in Schwung kommt, kann Social Media für die kommenden Jahrzehnte auch ohne [...]

Eure Kommentare

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  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
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