04.08.09
22:41 Uhr

iBrick

In meinem Beitrag “Steve Jobs” gab ich einen Überblick über die App Store-Geschichte aus Developer-Sicht und erwähnte, wie sehr mich Apples iPhone-Politik an traditionelle Praktiken totalitärer Systeme erinnert. Dabei streifte ich „das neueste beschämende App Store-Kapitel“ nur am Rande: das Ablehnen von Google Voice und das nachträgliche Herauskehren aller damit zusammenhängenden Applikationen.

Was sich seitdem so tat in dieser Hinsicht, das verdient ein Update. Wie dieses paraphrasierte Transkript der Voice Central-Entwickler bei Riverturn sehr schön demonstriert, ist das App Store-Personal sehr höflich, aber so hilfreich wie ein Ziegelstein. Es lohnt sich, das gesamte Gespräch zu lesen. Die paraphrasierten Antworten paraphrasiert:

Your app has been removed.
I can’t discuss this with you.
I can only say it’s against our policy.
I can’t say, only that it’s not complying with our policy.
I can’t go into detail.
I can’t say.
I can’t help you with that.
I understand your point but I can’t help you with that.
I am the only one you can speak with on this subject.
You can only talk to me.
I will relay that to my managers.

Und das beste dabei ist: Der behauptete Grund für das nachträgliche Entfernen von Voice Central — wie für alle mit Google Voice verbundenen Applikationen — ist so unsinnig wie unwahr.

John Gruber schreibt:

This “duplicate functionality” explanation is worse than no explanation at all, because it just can’t be the true reason. If “duplicate functionality” were disallowed, there’d be no third-party note apps, or timers, or calculators. If Apple is not willing to say that they removed Google Voice apps because AT&T required them to [...], it’d be better if they just said “We will not explain the reasons behind this decision” than to offer an explanation that doesn’t make sense.

Kein Wunder, daß die ersten Entwickler auf dem Hintergrund dieser akkumulierenden Erfahrungen und Erlebnisse beginnen, von Bord zu gehen. Justin Williams:

With the latest app rejection being Google Voice, I am one step closer to selling off my iPhone products and focusing entirely on the Mac once more. I can’t help but feel that I’ve wasted the past 9 months of my life building on a platform that is so hostile and anti-developer.

Auch hier lohnt es sich, den gesamten Artikel zu lesen. Die Zwischenüberschriften “Baseless App Rejections”, “An unsustainable pricing structure”, “Piss-poor developer relations” und “Blackbox review system” vermitteln einen Eindruck. Und auch wenn Michael Arrington sicherlich kein Maßstab ist, außer vielleicht für Sleaziness, ist sein “I Quit the iPhone” durchaus Symptom der Misere.

Das Geheimhalten von Informationen gegenüber Markt und Presse über Produkte gehört bei Apple zum Geschäftsprinzip und hat auch seinen Platz und seinen Sinn. Das Geheimhalten von Informationen gegenüber Entwicklerinnen und Entwicklern über Entscheidungen und Entscheidungsprozesse einschließlich vorgeschobener Ablehnungsgründe, die einen solch hohen Grad an selbstbewußter Durchsichtigkeit besitzen, daß ich zögere, sie als „Lügen“ zu bezeichnen, ist dagegen etwas anderes. Nochmal Gruber:

Secrecy is fine. Paranoia is a problem.

Selbst wenn das iPhone noch so chic & slick ist, selbst wenn 40.000+ Apps vielleicht uneinholbar sind für WebOS und Android: Wo Entwicklerinnen und Entwickler im Kampf mit Apples Paranoia und privatwirtschaftlich wiederbelebter Staatssicherheitsnostalgie das Handtuch werfen, wird das iPhone von einem Symbol für Zukunftstechnologien zu einem gesellschaftlichen Ziegelstein — der als millionenfach verbreiteter handlicher Stopper mit die Türen aufzuhalten hilft für die allgemeine Rückkehr und Restauration von Praktiken, die wir zur Zeit allenthalben völlig parteienunabhängig in der Politik erleben.

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6 Kommentare

  1. Dermachtdieworte

    Sieh da: 25 Jahre nachdem Apple (laut Werbung) dafür gesorgt hat, dass 1984 nicht wie 1984 wird, macht man 2009 wie “1984″. So gesehen, ist das Unternehmen erstmals seiner Zeit hinterher.

  2. J. Martin

    Diese restaurative Reise in die Vergangenheit gewinnt sogar an Tempo — “It’s getting curiouser and curiouser” fängt nicht an, es zu beschreiben.

    Siehe dazu auch meinen Update-Beitrag.

  3. Emanuel

    auf jeden fall dürfte dieses geschäftsgebaren die open-source-community befeuern und ihr neue anhänger in die arme treiben. auch nicht das schlchteste :-)

  4. personalberater

    da stimme ich martin voll zu *schmunzel*

  5. Publikation 2.0: Nun fast in echt | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Publikation 2.0: Nun fast in echt

    [...] eines Splinternet, aber luftdicht abgeschlossene Systeme — Nordkorea oder der iPhone | App | Store kommen in den Sinn — haben eine natürliche Neigung zur Zensur. Und es beruhigt nicht [...]

  6. iPad, shmiPad: Eine Momentaufnahme vom Stand der Diskussion | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » iPad, shmiPad: Eine Momentaufnahme vom Stand der Diskussion

    [...] vor allem im Musikgeschäft. Dazu gesellt sich Apples Zensurmaschinerie, die nicht nur von mir “capricious” und “stalinesque” genannt wird, und deretwegen (von T-Mobile mal ganz abgesehen) mir ein iPhone [...]

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Eure Kommentare

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  • Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
  • Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
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