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Gutenblog
Da gerade eher konservative Zeitungen wie FAZ und Welt dafür bekannt sind, mit beeindruckender intellektueller Wattzahl dem Blog als Medium heimzuleuchten, überrascht es dann doch schon, in der Welt Online einen Artikel mit dem Titel “Die Blogosphäre ist der Albtraum für Kontrolleure” vorzufinden. In welchem sich historische Referenzen finden zu den Umbrüchen im Umfeld des Buchdrucks und Sätze wie:
Vor der Erfindung des Buchdrucks wurde nur das verbreitet, was Mönche mühselig abschrieben. Die Kirche kontrollierte das Schreiben und also das Denken. Mit Gutenberg wanderte die Kontrolle des geschriebenen Wortes in die Hand des Verlegers. Wer keinen Verleger fand, existierte für die Welt nicht. Jetzt liegt die Kontrolle in der Hand eines Kollektivs namens Blogosphäre. Ich werde geklickt, also bin ich.
Mehr dazu gleich. Und weiter:
Merkwürdigerweise reagieren die gleichen Kulturkritiker, die vor einigen Jahrzehnten ihr Geld damit verdienten, den Niedergang des Schreibens zu beklagen, nun auf diese Explosion des Schreibens mit noch größerer Verstörung.
Ganz so überraschend ist dieser Artikel aber dann doch nicht, denn verfaßt ist er von Alan Posener, der schon öfter gezeigt hat, daß er auch für lebhafte hausinterne Überraschungen durchaus zu haben ist.
Interessant finde ich, wie gerade dieser dem Medium Blog durchaus freundlich gesinnte Artikel selbst eine ganze Reihe von Eigenschaften reproduziert, die Blogs oft vorgeworfen werden. Da gibt es (oder gab es: dies wurde mittlerweile korrigiert) erheiternde Tippfehler wie „genau wie Guttenbergs Erfindung des Buchdrucks“, zu dem Kommentatorin oder Kommentator „Memesis Virtualis“ (20.07.2009, 12:01 Uhr) schreibt: „Der Bundeswirtschaftsminister mag ja vieles in Bewegung setzen wollen, aber die Bibel hat er im 15. Jahrhundert bestimmt nicht gedruckt”. Oder das Übersehen einer Zitatanalogie im besprochenen Buch say everything von Scott Rosenberg, worauf Kommentator „Reisender53“ (20.07.2009, 12:44 Uhr), wenn auch nicht vollständig korrekt, hinweist: „[D]der Gedanke über ‚das Verfassen der Gedanken‘ stammt nicht von Rosenberg, sondern von Kleist. So viel Zeit muss sein.“ (Kleists Original findet sich in dieser Ausgabe.) Als nächstes wäre klarzustellen, daß Gutenberg nicht der Erfinder des Buchdrucks ist, sondern des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Und die (medien-)historischen Perspektiven? Da wäre der Griff zu Marshall McLuhan, dessen medientheoretisch gehobenes “The Medium Is the Message” mittels eines griffigen „Und die Botschaft der Blogs: Wir wollen gelesen werden!“ steil zum Landeanflug ansetzt. Oder — ebenfalls via Rosenberg-Besprechung — die monumentale Minimalisierung der von vielen Faktoren, aber vor allem vom Buchdruck ausgelösten und getragenen Konflikte im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit auf das (Ab-)Schreibmonopol der Klöster.
Der Artikel, so ließe sich sagen, ist sparsam recherchiert, unaufwendig editiert und hinsichtlich der inhaltlichen Tiefe klar im Kinderbecken anzusiedeln, aber dafür stilistisch durchaus vehement. Welchem Medium nochmal werden diese Dinge unaufhörlich vorgeworfen, wenn auch mit anderen Worten? Ah, ich komm gleich wieder drauf.
Und gegen Ende findet sich noch der folgende imposante Strohmann:
Auch Blogger begreifen das Wesen dieses neuen Mediums nicht. Wer keine Online-Kommentare zulässt, verschließt sich der Diskussion. Das ist wie ein Telefonat, bei dem der Partner nur angeschrien wird. Irgendwann wird er auflegen.
Selbst nach langem Nachdenken kann ich mich nicht entsinnen, wo und wann ich das letzte Mal einem Blog mit abgeschalteter Kommentarfunktion begegnet wäre. Auftritte jedoch, bei denen die Kommentarsektion im ungünstigsten Fall abgeschaltet und im günstigsten Fall zensiert moderiert ist, da fällt mir eine bestimmte Sorte Seiten eigentlich auf Anhieb ein.
4 Kommentare
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- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 3. August 2009 um 13:25 Uhr
Ein vielleicht sachdienlicher Hinweis auf einen guten und etablierten Blog mit abgeschalteter Kommentarfunktion: Seth Godin’s Blog unter sethgodin.typepad.co...
Viel mehr fallen mir aber auch nicht ein und insgesamt kann ich nur zustimmend nicken.
Am 3. August 2009 um 17:03 Uhr
Doch, es gibt solche Blogs mit abgeschalteter Kommentarfunktion: Soviel ich weiß, hat Anke Gröner seit etwas 2 Jahren (geschätzt) auf ihrem Blog die Kommentare dicht gemacht.
Ansonsten: Interessanter Bogen von Gutenberg bis Blog. Wobei Bögen die unerfreuliche Angewohnhet haben, irgendwann wieder runterzugehen (daher “Bogen”). Vielleicht markiert das Blogzeitalter ein solches “Ende”: Ein Zuwachs an Kakophonie, ein Weniger an Orientierung?
Aber das ist immer so, wenn Kontrolle abgegeben wird. Völlig normale Erscheinung. Wir haben die Wahl auf dem Schieberegler von absoluter Kontrolle über Information (damals bei den Mönch-Kopiisten) über den Weg der breiten Volks-Bildung (ab der Luther-Vibel, da sie ein völliges Novum darstellte: verstehbar^^, da statt in Latein endlich auf Deutsch) bis zur Alphabetisierung, bis zu völligem Müll-Chaos, weil alle lesen/reden und “informieren” wollen oder was loswerden wollen = Stufe 10 auf dem Ende des Schiebereglers.
Wir sind erst ungefähr bei Stufe 5. Also wo ist das Problem? :-)
Das Schöne an der Blogkultur und -unkultur ist: man muss sie doch nicht lesen. Sie macht keinen Lärm. Und sie desinformiert deutlich weniger als Politikerreden – und man kann Blogs als moderner Netzbürger einfach ingorieren. Das geht mit der lärmenden Dauer-Kakophonie von der Autobahn deutlich weniger gut. Die ist ein echtes Problem.
Die Tatsache, daas es der FAZ nicht gelingt, Blogs und ihren “Müll” zu ingorieren, ist ein klars Zeichen für mich. Ein Zeichen, dass die FAZ irgendetwas ärgert. Sonst hätte sie kein Jota an Papierplatz, Zeit und Schreiberhonorar darauf verwendet…
Tja, die Hüter des guten Worts…, Blogger versauen deren Ranking. ;-)
Am 4. August 2009 um 12:00 Uhr
Auf blogmedien.de gibts auch seit einiger Zeit keine Kommentarfunktion mehr. Fällt mir so spontan ein.
Am 9. August 2009 um 21:33 Uhr
Unter den A-Blogs gibt es mindestens das BildBlog und Fefe, die noch nie eine Kommentarfunktion hatten. Außerdem fällt mir spontan noch USAerklärt ein (Wie BildBlog mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet).