29.07.09
14:31 Uhr

Steve Jobs


Steve Jobs Stanford Commencement Speech 2005

Was ich gestern über Jeff Bezos und Amazon vs. Kindle sagte, gilt auch und in noch größerem Maße für Steve Jobs und Apple vs. iPhone — “Yes. I want to love the iPhone. It’s my kind of gizmo.” Anfangs hielt mich die Zwangskoppelung an den hiesigen Vertragspartner davon ab, mir ein iPhone zuzulegen, aber dann addierten sich so viele Gründe im Umfeld der App Store-Politik dazu, daß ich auch davon Abstand nahm, mir ein „freies“ Gerät in einem der Länder zu kaufen, wo der Bündelungsterror gerichtlich unterbunden wurde.

Das neueste beschämende App Store-Kapitel betrifft das Ablehnen von Google Voice und das Herauskehren aller damit zusammenhängenden Applikationen, wobei verschärfend hinzukommt, daß AT&T, vor denen Apple hier in die Knie ging, Google Voice auf ihrem gebündelten BlackBerry zum Beispiel durchaus zulassen. (Was viele Kommentatoren zunächst auch zum Anlaß nahmen zu behaupten, AT&T könne nichts damit zu tun haben, daß “everything Google Voice” vom iPhone verbannt wurde.) Aber, wie gesagt, dies ist nur das neueste Kapitel in einer langen, unschönen und völlig inakzeptablen Geschichte: Zensur (zum Beispiel das Bannen einer Project Gutenberg App, weil sie Zugriff auf die Kamasutra erlaubte), Feuerwälle zwischen Developern und ihrer Kundschaft (wie hier bei Garrett Murrays “Ego” App), unerschütterliche Zahlungsgemütlichkeit und unfaire Refund-Politik gegenüber Developern (hier und hier) und insgesamt so kapriziöses “Muahaha! I am Nero!”-Daumen-runter-Daumen-rauf-Verhalten beim Akzeptieren oder Ablehnen von Apps (wie die Crudebox/Prudebox-Episode), daß John Gruber so bösartige Glossen wie “Excerpts From the Diary of an App Store Reviewer” schrieb und Blogs mittlerweile versuchen, die „ungeschriebenen Regeln des App Store“ zu sammeln (ebenfalls via Gruber). Welcher Natur nochmal sind und waren die politischen Systeme auf der Welt, die Angst und Terror schon ganz einfach dadurch verbreiten, daß sie die Menschen im Unklaren darüber lassen, was verboten ist und was erlaubt? Und auch das Fehlen verläßlicher Daten darüber, welche Geräte und Versionen und Betriebssysteme vom iPhone überhaupt im Umlauf sind, wird zunehmend zum Problem für Entwicklerinnen und Entwickler.

Auch hier gilt, wie beim Kindle: Dies ist nicht die Zukunft, die mir vorschwebt. Aber auch hier gilt, wie bei Jeff Bezos: Steve Jobs ist ein Mensch, den ich durchaus bewundere. Jobs ist ebenfalls “obsessed” in vieler Hinsicht; vielleicht nicht uneingeschränkt “obsessed with customers”, aber sicherlich zum Beispiel “obsessed with consumer experience”. Jobs ist das, was ich “super-demanding” nenne: Menschen, bei denen es nicht zählt, ob du 1000 Arbeiten perfekt erledigt hast, sondern ob du diese 1001ste Arbeit perfekt erledigst. Und über den seit jeher Gerüchte im Umlauf waren, daß er im Aufzug im Hauptquartier in Cupertino schon mal einzelne Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter nach “justify your existence!” fragt, was bis heute zahllose Witze und Glossen inspiriert.

Natürlich, die Welt ist voller “Fake Steve Jobs”, und damit meine ich nicht “the real Fake Steve Jobs”, sondern die zahllosen “Steve-Jobs”-Persönlichkeiten, die die Medien generieren, und die Apple und Steve Jobs die Medien ja auch generieren lassen. Aus diesem Grund habe ich das einführende Video gewählt, Steve Jobs’ Commencement Speech in Stanford 2005. Es ist die mit Abstand beste Festrede, die ich je bei einer Abschlußfeier gehört habe. Steve Jobs spricht, wie die YouTube-Info-Zeile richtig sagt, “about getting fired from Apple in 1985, life & death”, aber das auf eine Art, die so radikal persönlich ist, daß sie mir nicht nur etwas über Steve Jobs, sondern auch etwas neues über die Welt erzählt. Und einen zweiten Grund gibt es, warum ich gerade diesen Clip gewählt habe und nicht eines seiner phantastischen, charismatischen Auftritte für Apple — nämlich der brutale, nackte, häßliche Kontrast zur Festrede des „geladenen Externen“ auf meiner eigenen Absolventenfeier letzte Woche. Geladen war da ein ehemaliger Student des jetzigen Dekans der Phil-Fak, nun Leiter einer PR-Agentur, der einem Saal voller abgeschlossener Graduierter aus B.A., Master, Magister- und Promotion eine halbe Stunde lang wohl vorführen wollte oder sollte, daß auch aus Geisteswissenschaftlern noch etwas nützliches werden kann im Leben. Und dessen 45 (!) Folien nicht nur eine Reise durch die Höllenkreise von Typographie und Clip-Art waren, sondern auch die berüchtigte und vielbelachte “Lord Privy Seal”-Dokumentartechnik* für Illustrations-Shots und -Folien inkarnierte, die Martin Oetting in seinem Vortrag auf der next09 so genial parodierte. Und der mit seinem Vortrag auch sonst alle Vorurteile herzhaft zu bestätigen wußte, die über PR-Menschen im Umlauf sind. Als externe Abschlußrede für die Phil-Fak-Absolventen der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität nicht nur eine absolute Zumutung, sondern auch symptomatisch für “Bologna” und die Demontage unserer humanistischen Universitätskultur ganz allgemein. (Wenn ich den Namen dieser PR-Agentur hier nicht nenne, dann keinesfalls aus Rücksicht auf geschäftliche Empfindlichkeiten, sondern um meinen Groschen dazu beizutragen, diesen Namen so schnell wie möglich wieder ins Reich des gnädigen Vergessens zu versenken.)

Insofern habe ich Steve Jobs’ Commencement Speech quasi als meine „eigentliche“ externe Festrede „adoptiert“. Aber, wie gesagt, in Bezug auf Apple bleiben ebenso wie in Bezug auf Amazon eine ganze Reihe an Fragen offen. Ich kann nur hoffen, daß die App Store-Politik sich mittel- oder langfristig ändern wird; der ursprüngliche iTunes-Store mit seinen alternativlos formatproprietären, verlustbehafteten, abspielsperrenverseuchten Liedern Hinter Gittern hat sich ja mit der Zeit ebenfalls geöffnet in Richtung einer halbwegs akzeptablen Verkaufspolitik — zumindest für diejenigen, die bereit sind, etwas mehr Geld für abspielsperrenbefreite und aufnahmetechnisch vollständige Lieder auszugeben. Aber iPhone und App Store haben diesen langen Weg noch vor sich.

Yes. I want to love the iPhone. It’s my kind of gizmo.

____________________
* “A favourite joke among the film-making community is the ‘Lord Privy Seal.’ Amateurs and novices in the making of documentaries can’t resist illustrating every significant word in the commentary by cutting to a picture of it. The Lord Privy Seal is an antiquated title in Britain’s heraldic tradition. The joke imagines a low-grade film director who illustrates it by cutting to a picture of a Lord, then a privy, and then a seal.” (zitiert nach Richard Dawkins) (zurück)

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10 Kommentare

  1. ralf schwartz

    Hi J, here are some more you should inhale.
    Viel Spaß!

    ralfschwartz.typepad...

  2. ralf schwartz

    Hi J, here are some more of those great moments!
    Viel Vergnügen!

    Ellen ist richtig gut:
    ralfschwartz.typepad...

    Hier eine ganze Sammlung:
    businessinsider.com/...

  3. J. Martin

    @ralf schwarz Great, thx!
    Werde ich mir mit Vergnügen ansehen.

    Die Standord-Rede von Steve Jobs war damals eines der allerersten YouTube-Videos, die ich mir gebookmarkt hatte, und ich bin davon heute noch genauso begeistert wie damals.

  4. ralf schwartz

    Ja, und ich hatte aus der Ansprache schon 2005 das “Stay hungry!” extrahiert und hier (rsc.cc/rsclit.html) integriert (bis vor wenigen Monaten) – mit dem Hintergrund, dies sei die einzig alleinige Anforderung um im Business und Leben erfolgreich zu sein: ‘Stay hungry’, im Sinne von ‘Bleibe neugierig, wißbegierig, gib niemals auf, etc.’ und deshalb müsse man eben ua. viel lesen …
    ;-)

  5. Brothel Pianist

    nur nicht zu ideologisch werden. ist doch schade sich schöne dinge aus einer intellektuellen redlichkeit (andere würden sagen: verbissenheit;) heraus zu verbieten.
    natürlich ist die apple politik in vielerlei hinsicht scheisse (nicht nur beim iphone). aber hey, momentan (noch) ist es trotz aller einschränkungen von der usability das geilste “telefon” ever (was allerdings auch ein wenig vom nutzenszenario abhängt, biste email? dann blackberry! usw.)
    also, locker bleiben, jetzt iphone geniessen, in 2 jahren eben android oder was auch immer.
    wenn apple so weiter macht, demontieren sie sich sowieso bei allen, die nicht jeden morgen das apple loge mit dem deostick unter ihre achseln malen

  6. Brothel Pianist

    nachtrag: have gerade das gesehen: techcrunch.com/2009/...

    tja, apple muss echt aufpassen, den wenn die usability in einem weiteren sinn nicht mehr stimmt, dann graben sie ihr kernversprechen an…

  7. J. Martin

    @ralf schwarz Ellen DeGeneres’ Turane 2009 Commencement Speech—awesome!!! [ You might want to update the link in your blog to youtube.com/watch?v=... ]

    Ellen DeGeneres at Tulane’s 2009 Commencement Speech

  8. iBrick | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » iBrick

    [...] meinem Beitrag “Steve Jobs” gab ich einen Überblick über die App Store-Geschichte aus Developer-Sicht und [...]

  9. between drafts | "Stay Hungry, Stay Foolish": Steve Jobs Stanford Commencement Speech 2005

    [...] connect. I hadn’t thought about this speech for a while; the last time I mentioned it was in a Werbeblogger post about the iPhone, not coincidentally a few days after my own faculty ceremony in 2009. So why now? In a most [...]

  10. J. Martin

    Die erste autorisierte Biographie von Steve Jobs, verfaßt von Walter Isaacson, hat noch vor der Veröffentlichung einen neuen Titel bekommen: Steve Jobs. I couldn’t agree more :-)

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Eure Kommentare

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  • Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
  • Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
  • Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
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