24.07.09
16:58 Uhr

Über strukturelle Verhältnismäßigkeit und Relativität


Muehlehalde Home for the Blind Zurich—Wildlife

Davon mal abgesehen, daß dieser Spot von Ruf Lanz, Zürich, insgesamt von Konzeption bis Realisation einen hohen Kopfkratz-Faktor aufweist und mich in der Art des „Vorführens” von Bedürftigen auch an die Kampagne der Starlight Children’s Foundation erinnert, möchte ich ein paar Worte über die Handlungsaufforderung verlieren und diese zum Schluß auch in Beziehung setzen zu einigen Aspekten im Umfeld der entgleisten Vodafone-Kampagne. Die Handlungsaufforderung im Spot lautet:

People in Switzerland donate lots of money for animals. Hopefully for blind people as well now.

Und der Infotext auf YouTube lautet:

Lots of money is donated for animals in Switzerland, especially exotic ones. But there are also people closer to home who desperately need financial support as well.

Nicht nur, daß hier mit einem infamen Subtext ein schlechtes Gewissen erzeugt werden soll, für „weniger wichtige“ Dinge zu spenden. Der Spot bedient sich dazu auch einer besonders perfiden Art der Falschmünzerei: dem Ausgeben von „Relativität“ als „Verhältnismäßigkeit“. Laßt mich erklären.

Wichtig zum Beispiel für das Fällen eines Gerichtsurteils sind zwei grundsätzliche Perspektiven, die nicht immer vollständig in Einklang zu bringen sind. Das eine ist der Blick auf den individuellen Tatbestand an sich, seinen Grund, seine Wirkung und seinen Kontext. Das zweite ist das Verhältnis, in dem dieser Tatbestand strukturell zu anderen Tatbeständen im aktuellen Rechtsgefüge steht. Das Wegfallen der einen wie der anderen Perspektive wird bis zu einem gewissen Grade auch intuitiv als empörend empfunden. Wir sind zum Beispiel so daran gewöhnt, daß Rechtssysteme in demokratischen Gesellschaften beim Strafmaß Absicht, Motivation, Intention berücksichtigen, daß wir recht sensibel darauf reagieren, wenn Strafen in weniger komplexen Rechtssystemen (um es mal euphemistisch auszudrücken) verhängt werden auf der Grundlage von Straftat–Strafe–Kreuztabellen. Aber wir neigen ebenso zur Empörung, wenn die strukturelle Verhältnismäßigkeit subjektiv und/oder objektiv zu wünschen übrig läßt; wenn beispielsweise, um einen aktuellen Fall aufzugreifen, eine Frau 2 Millionen Dollar zahlen soll für 24 gestohlene Popsongs.

Die Falschmünzerei beginnt, wenn „Kopf & Zahl“ dieser wichtigen strukturellen Verhältnismäßigkeit mißbraucht werden für das „Relativieren“ von Tatbeständen zu eigenen Gunsten wie in diesem Fall, wo die Hilfe für „exotische Tiere im Ausland“ ausgespielt wird gegen „hilfsbedürftige Blinde in der Nachbarschaft“. Ein typisches Kennzeichen für diesen Mißbrauch ist, daß er sich nahezu infinit weiterführen läßt: die Blinden in der Züricher Nachbarschaft ließen sich ausspielen gegen die Erdbebenopfer in China oder den Abruzzen, die Erdbebenopfer gegen die Flüchtlinge und Kindersoldaten in Sri Lanka, die wiederum gegen die Opfer der Massaker im Kongo und so weiter, asymptotisch fortschreitend bis zu Massenmord und Genozid. Die Logik dieses Argumentes ist fatal.

Wie treffen Menschen Entscheidungen, für welche Sache sie spenden und/oder sich engagieren? Medien und Werbung — was passiert und wie es aufbereitet wird — spielen natürlich eine große Rolle. Aber (und jetzt kommt wegen des integrierten Feedback-Loops ein langer Satz): Die Entscheidung hängt letztendlich ab von den individuellen Lebensumständen, Interessen und emotionalen Befindlichkeiten jedes und jeder Einzelnen, Faktoren, die weder zufällig sind noch determiniert, und die in großer Zahl — in Deutschland 82 Millionen — dynamisch das aktuelle Gefüge bilden, das wir „Gesellschaft“ nennen, das wiederum die strukturellen Bedingungen bereitstellt für unsere Lebensumstände, Interessen und emotionalen Befindlichkeiten, aus denen heraus die persönlichen Spenden-Entscheidungen getroffen werden. (Und spendenbereitschaftsmäßig steht Deutschland zur Zeit auch gar nicht schlecht dar, trotz der Krise.)

Verwandte Aspekte dieses Ausgebens von Relativität als strukturelle Verhältnismäßigkeit finden sich auch in der Diskussion um die Kommentarkultur im Umfeld der Vodafone-Kampagne. Zunächst einmal: Solche Flankenmanöver, daß „über diese Kommentare nicht diskutiert werde“, sind symptomatisch für das Grundproblem. Die Kommentarkultur muß diskutiert werden und wird diskutiert, wie sich selbst bei flüchtiger Lektüre der bekannteren Blogs und Kommentarstränge mühelos feststellen ließe. Sie kann und darf aber nicht die entscheidende Frage sein, wenn über den Sachverhalt als solches diskutiert wird. Wer das verlangt, injiziert genau jene „Relativitäts“-Strategie, von der die Rede ist: „Okay, was hier los war, war nicht in Ordnung, aber die Kommentare dazu sind noch viel weniger in Ordnung, also etc.“. Nonsens. Über beides muß diskutiert werden, aber nicht relativistisch. In der Diskussion zur Kommentarkultur muß in der Tat die Frage der Verhältnismäßigkeit gestellt werden, aber in der Diskussion zum Sachverhalt hat die Relation zwischen Sachverhalt und Kommentaren nur marginalste Relevanz. Das alles sollte eigentlich keiner Erwähnung bedürfen. Wenn eine Person Rede und Antwort stehen soll, warum sie jemanden angegriffen hat, kann sie sich nicht damit verteidigen, daß die andere Person zu hart zurückgeschlagen hat. Dafür hat die andere Person, die zu hart zurückschlug, separat Rede und Antwort zu stehen.

Die Kommentarkultur im Internet ist in der Regel katastrophal und eskalativ, eine Art “Web Rage“ in Analogie zu Road Rage. Auch dieses Verhalten ist weder zufällig noch determiniert: die gewachsenen strukturellen Bedingungen der Kommentarkultur im Internet bringen diese Verhaltensweisen hervor, die wiederum die strukturellen Bedingungen dynamisch konstituieren. Es ist immer wieder interessant zu beobachten, wie viele Menschen die Strategie, erzürnte und entflammende Kommentare gegen diese Kommentarkultur zu schreiben, für eine gute Strategie gegen diese Art der Kommentarkultur halten. (Da ich auch nicht gerade bekannt bin für fortgeschrittenes Weichspülen in meinem Kommentarverhalten, muß ich zugeben, daß auch ich diese Kultur bis zu einem gewissen Grade nähre.) Wie läßt sich Abhilfe schaffen? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich halte es weder für richtig, Trolle toben zu lassen (was vielleicht die Eskalation verhindert, aber Kommentarstränge ungenießbar macht), noch halte ich es für richtig, Trollbeiträge zu löschen (was Kommentarstränge genießbar macht, aber Fragen zu Zensur eröffnet). Aber nicht alles ist verloren, und auch solche Panikreaktionen wie die der Information Architects halte ich weder für sinnvoll noch für nötig. Ich finde es zum Beispiel ziemlich klasse, wie Achim Schaffrinna auf seinem Design Tagebuch mit diesem Problem umgegangen ist und weiterhin erfolgreich umgeht, nachdem ihm einmal so richtig der Kragen geplatzt war. Ja, wir können Dinge ändern, aber nur sehr langsam und emergent unter den schwierigen Rahmenbedingungen des beschriebenen Feedback-Loops.

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6 Kommentare

  1. Peter

    Wow. Beeindruckender Text, weil ich schon immer derartige Werbung komisch fand, aber nie genau sagen konnte, warum. Jetzt weiß ichs. Danke.

  2. J. Martin

    @Peter Danke :-) Es ist immer gut, bei solchen Sachen auf das „komische Gefühl“ zu hören, denn es ist oft ein guter Indikator dafür, daß jemand versucht, uns zu manipulieren. Wenn diese „Bauchkontrolle“ versagt und wir nicht mehr instinktiv improvisierte Grenzen ziehen können zwischen Überzeugtwerden, Überredetwerden und Manipuliertwerden, passieren in der Regel üble Dinge …

  3. Vroni Gräbel

    Gute Beobachtungen, J. Martin!

    Doch ist es wiklich so, dass Änderungen immer nur sehr langsam gingen? Gerade erwähntest du Schaffrina mit “…weiterhin erfolgreich umgeht, nachdem ihm einmal so richtig der Kragen geplatzt war.”

    Das ging schnell. Nicht langsam.

    Wenn wir dennoch immer noch feste glauben, alles Gute müsse halt verdammt noch mal immer langsam gehen… dieser Glaubensatz wurde doch gerade wiederlegt.

    Ich denke, es sollte einem öfter mal – konstruktiv – wie Schaffrina der Kragen platzen. Erst dann verändert sich etwas. Es verändert sich aber nie etwas, wenn wir nur milde, abgeklärt analysieren und die Dinge in eine Schublade tun. In Die Schublade “ist halt so”…

    Wenn Schaffrina so abgeklärt analysierend gedacht hätte, hätte er sich damit abgefunden, dass es eben im Internet so sei, dass Kommentaristen Blödsinn ablaichten. Er sagte sich aber klar: “Aber nicht auf meinem Blog!”

    Find ich klasse.

  4. J. Martin

    @Vroni Du hast völlig recht, aber das eine spielt mit dem anderen zusammen. Je mehr einzelne Blogs es schaffen, den Kommentarton nachhaltig zum Positiven zu verändern, desto größer wird die Chance, daß sich die Kommentarkultur auch ganz allgemein verändert und irgendwann der Trollton plötzlich die Ausnahme ist und nicht mehr die Regel. Aber selbst wenn ersteres (wie beim Design Tagebuch) unter bestimmten Umständen sehr schnell gehen kann, wird letzteres unter allen Umständen sehr langsam gehen.

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  • Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
  • ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
  • ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
  • ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
  • Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
  • Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
  • Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!
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