06.07.09
14:37 Uhr

F*** Them — Just Do It


Nike—Lance Armstrong “Driven” von Wieden+Kennedy, Portland

Ich finde es sehr schwer, sich eine Meinung über Lance Armstrong zu bilden, aber ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt Sinn ergibt, sich eine solche Meinung „bilden” zu wollen. Die Doping-Vorwürfe? Eine Anhäufung von unbestätigten, zum Teil konfusen und oft genug wieder zurückgeruderten Aussagen, “bad company” (Michele Ferrari) und einem gesunden Anteil an Zeugen und Medienaufbereitungen von der Sorte, wie sie in den USA in WingNutDaily Country benutzt werden um zu beweisen, daß Obama in Kenia geboren wurde und nicht in Honolulu und damit kein Recht habe, Präsident der USA zu werden. Auf der anderen Seite gibt es genügend Hinweise, daß im Profi-Radsport, und nicht nur dort, Bedingungen herrschen, die Drahtseilakte auf der Grenze zwischen Legalität und Illegalität fast schon zu einer Pflichtübung werden lassen. Vergleiche mit Brot und Spielen kommen in den Sinn: Vor der Glotze Leistungssport zu konsumieren, sich über endemisches Doping aufzuregen und dabei gierig alle blauen Dünste aufzusaugen, die ein Idol mediengerecht vom Sockel stoßen könnten wie griechische Tragödienhelden oder unterlegene Gladiatoren, fällt ebenso unter Hybris wie ein Medienverhalten, das solche Nano-Bilderstürme zyklisch um der Auflage willen produziert. Wobei die Gehobeneren und/oder Schlaueren sich angetackerter Statements bedienen ähnlich den Fußnoten von Telekommunikationsanbietern:

[The files] are filled with conflicting testimony, hearsay and circumstantial evidence admissible in arbitration hearings but questionable in more formal legal proceedings. (LA Times)

Nike hat genügend Leichen im Keller, um das Unternehmen für sozial Aufmerksame nicht allzu kuschelig erscheinen zu lassen, aber einem Sportler die Marke anzuvertrauen, der fast ununterbrochen unter medialem Beschuß steht und auch den Leuten unverblümt sagt, was er von ihnen hält, finde ich generell kein schlechtes Zeichen (und um Klassen besser, auf jeden Fall, als das Corn Flakes-Disaster um den Joint von Michael Phelbs):

The people that bitch about it and say all these bad things, they view the Lance Armstrong Foundation as a sham, and pardon my French, but fuck them.

Aber nicht nur Nike, auch die Lance Armstrong Foundation und mit ihr Lance Armstrong selbst sind eine Marke. Unter Beschuß steht diese natürlich auch; aber unter dem Strich, und das sehe ich ganz pragmatisch, steht diese Marke für einen starken Beitrag zur Krebsforschung. Und nicht nur in diesem Zusammenhang, sondern auch ganz allgemein, finde ich es ziemlich abstoßend, wenn Kritik wie diese von Sebastian Moll in der Zeit ihr Mütchen kühlt an der Person und — als „USA-Korrespondent“ — an dessen Herkunftsland und dabei unter handverlesener Quellenlage Armstrong im Titel als „Der Totengräber der Tour de France” und die USA als „[Armstrongs] devoten Zielmarkt” apostrophiert. Auch die rhetorische Manipulation im Teaser-Absatz, welche durch das nachfolgende „versöhnen” das vorangegangene „gelogen/betrogen“ am Modalverb „soll“ vorbei als Quasi-Fakt erscheinen läßt, vermag meiner Begeisterung für Qualitätsjournalismus weiter Auftrieb zu verleihen. (Titel & Teaser-Absatz eines Artikels, das sollte hinzugefügt werden, haben in der Qualitätsjournalistenkette oft andere Menschen zu verantworten, aber das ist keine Entschuldigung, sondern ein Teil des Gesamtproblems.)

Ich selbst sehe mir die Tour de France zwar nicht an, weil ich (okay, mit Ausnahme von Baseball) noch nie einen Sinn für Passivsport entwickeln konnte, weder live noch als Konserve, aber ich bin mir sicher, daß es spannend wird und wünsche allen, die sich dafür interessieren, viel aufregenden Spaß. Zum Abschluß hier noch ein Link zum Kurzinterview mit Armstrong zum Ergebnis des Auftakt-Zeitfahrens auf Spiegel Online.

2 Kommentare

  1. Abacus

    Passt gut zu dem Sportsüchtigen Thema auf dem Nike sonst auch gerne rumreitet und wird bei der Zielgruppe bestimmt breite Zustimmung finden und das passende Gefühl auslösen. Also ein guter Spot der bei den gewünschten Leuten auf die richtigen Knöpfe drückt. Keine Kunstwerk, aber solide und effektiv.

  2. Brothel Pianist

    schon ein rhetorisch raffinierter – und perfider – zug, sich als prügelknabe der antiglobalisierer einen anderen prügelknaben ins haus zu holen, dessen gute werke für’s eigene image zu nutzen und dann auch noch den (in den USA sicherlich vorhandenen) identifikationseffekt mit der echten person/ dem sportshelden LA für die die eigene marke mitzunehmen.
    aber hey – that’s advertising…

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Eure Kommentare

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  • Armin: Na ja, ich habe ja immer das Gefuehl dass 90% der Clips die bei YouTube unter “banned commercial” zu finden sind genau dies...
  • crazsam: ich weiß nicht! der 1. spot ist vielleicht ein wenig grenzwertig, aber schmunzeln muß man irgendwie doch! und die beiden schwulenspots...
  • ralf schwartz: @torsten “Die Kampagne wird von der Bevölkerung alles andere als angenommen.” Erzähl doch mal mehr dazu.
  • Torsten: Das Ding ist nen Rohrkrepierer. Die Agenturleute können sich als “Ausländer” nicht in die Mentalität der Magdeburger...
  • ralf schwartz: Danke für die Infos. Es geht doch nichts über alerte Leser … Ganz schön unspektakulär für den Aufwand, der dort getrieben...
  • Roland: Genau Christian, skalierbar ist denk ich das Stichwort, was Rivva technisch und konzeptionell auf eine nächste Stufe heben könnte. Für ganz...
  • crieger: Rivva braucht die aktiven Nutzer. Bisher war alles einfach gegeben.. Für die “etwas persönlicher” Twitterliste musste man...
  • Jana: @Julian: Schau mal auf diese Studie http://www.robertundhorst.de/v 2/img/downloads/gfkstudie_2007 .pdf –> wurde 2003, 2005 und 2007...
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