23:47 Uhr
Piratenkultur
Nun war es gestern soweit. Zum ersten Mal stellte sich der Vorsitzende der Piratenpartei Deutschland, Dirk Hillbrecht, in einem Streitgespräch den klassischen Medien bzw. genauer: er wurde in Begleitung des ZDF-Spartensenders Phoenix mit dem wohlgetrimmten Duett aus CDU-Vertreter Prof. Rupert Scholz und seinem Sidekick und Moderator Christoph Minhoff richtig schön auf das mediale und rhetorische Glatteis geführt.
Warum insbesondere die klassischen Wertschöpfungsketten, die bisher vor allem den Zeitungs- und Buchverlagen oder der Medienwirtschaft ihre Existenz und Daseinsbereichtigung sicherten, durch das Web massiv bedroht sind, wurde nicht einmal hinterfragt. Hingegen wurde von dem strukturkonservativen Duett gebetsmühlenartig darauf hingewiesen, wie wichtig ihm doch der Schutz geistigen Eigentums sei; besonders für die kreativen und schöpferisch tätigen Menschen in unserem Land.
Tatsächlich sind die immer wieder angeführten Themen rund um Urheber- und Verwertungsrechte vor allem für diejenigen (Groß-)Organisationen und Institutionen existenzrelevant, die nach den erworbenen Rechten damit eben den Großteil ihres Konzerndaseins finanzieren; die breite Mehrheit an schöpferisch tätigen Menschen muss sich schon längst selbst auf den Weg machen, um ihr Brot (zusätzlich) auf anderen Wegen zu verdienen. Die allerwenigsten Musiker, Autoren oder Journalisten profitieren vom industrialisierten Verwertungssystem der kommerzialisierten Inhalte, welche sich viel zu lang nach den bloßen Indikatoren Massenkonsum, Auflage und Rendite ausrichteten und von einem ebenso unzeitgemäßen Werbemarkt getrieben waren. Kulturelle Vielfalt und eine faire Verteilung der Erträge zwischen Urheber und Verwerter werden zwar gerne als Segen dieser alten Strukturen angeführt, alleine eben diesen Nachweis bleiben sie aber mehr und mehr schuldig.
Ich führe diese Gedanken an, weil der Moderator Christoph Minhoff ganz offensichtlich nicht ansatzweise verstehen kann, welche fundamentalen Veränderungen sich soziologisch und ökonomisch durch die Web-Technologien vollziehen. Der Nachwuchs (und damit die Zukunft) an kreativ arbeitenden Menschen setzt auf Wissens-Kollaboration, Vernetzung, Projektpartnerschaften und die Prinzipien der “Share Economy“: wer teilt, gewinnt.
In der Tat formen sich in diesem Prozess bestimmte Ertragsmodelle erst heraus, nach und nach; ganz sicher ist aber, dass die in dieser Share-Economy arbeitenden Menschen nicht dafür rackern werden, eine veraltetes Mediensystem zu finanzieren, was übrigens Prof. Wippermann auf der remix09 ebenfalls deutlich machte.
Die TV-Runde offenbart in erschreckender Form, dass ein bestimmter Teil der Medienvertreter und politisch aktiven Personen den “Schuss” tatsächlich noch nicht gehört hat. Viel schlimmer noch: Es ist deutlich spürbar, dass alte Modelle der Ertragsströme und Verwertungsketten in fast dogmatischer formaljuristischer und ökonomischer Konzeptrichtung auf ein völlig neues soziales und ökonomisches Gebilde namens “Internet” gestülpt werden sollen, im Namen des Volkes!
17 Kommentare
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- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...
- Ralf Hillmann: Da kann ich nur sagen, die Bezeichnung Video-Perle passt einfach perfekt. Da soll noch einmal jemand behaupten Werbung habe nichts...

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Am 24. Juni 2009 um 00:27 Uhr
Schon als die ersten Tweets reinkamen, wußte ich, daß ich mir das nicht antun wollte … meine Lunte für die Argumentationsmaschinerie der Interessenvertreter des Verwertungs-Mobs (einschließlich dieses sogenannten „Moderators“) auf der einen Seite ist genauso kurz wie für mangelnde Vorbereitung und rhetorische Hilflosigkeit auf der anderen, und ich hatte absolut keine Lust, eine halbe Stunde lang zwischen Wut und Fremdschämen hin und herzudengeln wie Homer Simpson “between a rock and a hard place”. Wer sich mit klassischen Medienvertretern auf ein Heimspiel einläßt, muß bitte ein etwas anderes Format mitbringen.
Am 24. Juni 2009 um 06:51 Uhr
Klar, Herr Hillebrecht war mies vorbereitet. Und die anderen beiden haben mächtig zusammengehalten. Aber die Diskussion hat auch gezeigt, auf welchem weltfremden Niveau wir im Web diskutieren. Die Unterstützung dieser Piratenpartei (auch jugendliche Freunde halten diese für eine Spaßpartei wie “Die Partei” oder die “APPD”), das Hochlebenlassen von Jörg Tauss (es stehen nunmal schwerwiegende Vorwürfe im Raum)und das schlicht Abbügeln jeglicher Kritik.
Wir müssen die normalen Menschen dort abholen, wo sie stehen. Wir können Netzsperren nicht kritisieren, weil diese bald auch gegen Killerspiele und illegale Downloads eingesetzt werden könnten. Denn die “normalen Menschen” halten es doch für possitiv, wenn verbotene Inhalte verhindert werden. Und wir können nicht sagen, urheberrechtlich geschütztes soll kostenlos angeboten werden und z.B. die Musiker sollen sich über Konzerte finanzieren. Das hört sich für den Normalbürger an als sage ich: Nur weil Autos geklaut werden, muss ich sie kostenlos anbieten – und die Händler sollen sich über die Werkstatt finanzieren.
Unsere Argumente sind schlecht aufbereitet, selbst wenn der Inhalt ja korrekt ist.
Zwei Punkte müssen wir durchdeklinieren:
- Welche gesamtgesellschaftlich relevanten und erwünschten Inhalte könnten durch Netzsperren unterbunden werden? Und bitte ohne Beispiele wie China oder Iran. Die sind wirklich nicht vergleichbar.
- Wie soll geistige Arbeit im Internet zukünftig honoriert werden? In einem Punkt haben die Kritiker dabei m. E. recht: Dass gegen ein Gesetz verstoßen wird, ist kein Argument für dessen Abschaffung.
Solange wir diese Fragen nicht überzeugend beantworten, werden wir immer wieder Probleme haben in solchen Diskussionen. Weil unsere Diskussionen nicht kompatibel sind mit den Vorstellungen der Mehrheit in unserer Gesellschaft. Weil diese uns nicht versteht.
Am 24. Juni 2009 um 08:44 Uhr
Mein Gott, ist das schlecht moderiert! Und vom Iran zu illegalen Downloads in der Einleitung zu springen ist ja wohl ne Frechheit.
Am 24. Juni 2009 um 09:02 Uhr
Ich muss Christian recht geben. Der Hype um die Piratenpartei findet nur im Netz statt. Die wenigen Menschen da draußen die schon mal was von der Piratenpartei gehört haben verbinden diese mit Computerfreaks die dafür kämpfen das “man Computerspiele und Pornos für umsonst herunterladen kann”.
Keiner mit dem ich bis jetzt gesprochen habe hatte eine glaubwürdige Idee wie Arbeit in Zukunft entlohnt werden sollte. Noch nicht mal das Veröffentlichen von Werken unter CC funktioniert wirklich, selbst eine einfache Bitte wie die Nennung des Urhebers wird doch in 99% der Fälle einfach ignoriert.
Am 24. Juni 2009 um 09:51 Uhr
Ich schließe mich Christian und Abacus an. Und ich behaupte, dass man das Abschneiden des Piraten nur bedingt auf dessen Debattierfähigkeiten schieben kann. Wer bei Frage nach dem Erlösmodell hilflos was von einem Freund faseln muss, der Sachen bei Youtube reingestellt hat und jetzt vor 400 Leuten auftritt, beweist damit, dass sein Argument auf sehr, sehr wackligen Beinen steht.
Da muss ich kein Rhetorik-Profi sein, um diese Beine umzusäbeln. Ich habe mich mit dem Abschnitt aus dem Parteiprogramm, der das Urheberrecht behandelt, sehr eingehend beschäftigt. Und das ist, wenn man es wohlwollend betrachtet, heiße Luft aus dem rosa Regenbogenland, in dem sich schon alles irgendwie fügen wird.
Wenn man es etwas schärfer angeht, ist es schlicht Enteignung, die aber nicht so genannt werden kann, weil es geistiges Eigentum nicht gäbe. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das Urheberrecht muss reformiert werden, keine Frage. Aber den Urheber zu entrechten, kann es ja auch nicht sein.
Am 24. Juni 2009 um 09:52 Uhr
Christian hat den Nagel auf den Kopf getroffen.
“Wie soll geistige Arbeit im Internet zukünftig honoriert werden? In einem Punkt haben die Kritiker dabei m. E. recht: Dass gegen ein Gesetz verstoßen wird, ist kein Argument für dessen Abschaffung.”
Erst wenn die liebe Webgemeinde das beantworten kann, wird sie in den Diskussionen ernstgenommen. Und kann diese sogar zu ihren Gunsten führen. Bis dahin bleibt sie der putzige bis bedrohende Anarcho, der idealistisch den Status Quo ändern möchte – ohne zu sagen warum und wie es denn büdde schön anschließend weiter gehen soll.
Am 24. Juni 2009 um 10:17 Uhr
Yes! Da muss man kein konservativer Betonkopf sein, um Zweifel anzumelden.
Am 24. Juni 2009 um 13:10 Uhr
Zur kulturellen Kluft:
blog.koehntopp.de/ar...
Zum Thema Urheberrechte:
Das Alte geht nicht mehr. Aber es hat keinen Sinn, als Alternative naive Vorstellungen dagegen zu setzen.
Eine m.E. idealistisch-realistische Position (und unterm Strich einfach das, was ich von einem Marketer erwarte):
boersenverein.de/de/...
(30 Min. Podcast)
Am 24. Juni 2009 um 13:44 Uhr
Danke für eure ausführlichen Kommentare und Positionen. Ich halte auch nichts von Naivität bzw. der Hoffnung, mit Luft und Liebe eine vollstandige “laisser faire”-Kultur im Netz laufen zu lassen. Allerdings finde ich es noch unerträglicher und heuchlerisch, immer wieder das Thema Urherber- und Verwertungsrechte anzuführen, welches institutionell vor allem einem schwächelnden Medienwirtschaftssystem in Quasi-Subventionsmanier auf die Beine helfen soll.
Am 24. Juni 2009 um 14:30 Uhr
Ich möchte noch einen Link hinzufügen zum Thema “Was im etablierten System beim geistigen Urheber (also dem, der an seinem Bleistift genagt hat und das Ausgangsprodukt verfertigt hat) ankommt”:
damaschke.de/notizen...
(dort der letzte Absatz)
Am 24. Juni 2009 um 13:40 Uhr
Unser aller Programm, nicht nur das der Piratenpartei, läßt hinsichtlich der Bezahlmodelle für Kreative in der Tat zu wünschen übrig. Aber zu denken, daß solch ein Modell, wenn es denn entwickelt wäre, die Probleme lösen würde, halte ich für maximal blauäugig — denn jedes denkbare Modell wird von jenen bis zum letzten Atemzug mit Zähnen, Klauen, politischem Lobbyismus und anwältlichen Heeren bekämpft werden, die am meisten zu verlieren haben, nämlich die Verwerter.
Das klassische Verwertungs- und Distributionsmodell, bei dem noch nie die „Entlohnung der Kreativen“ im Zentrum des Interesses stand (dieses gebetsmühlenartig wiederholte Krokodilsinteresse ist ein echter historischer Schenkelklopfer), entwickelt sich mehr und mehr zu einer Art Zombie-Economy.
Von daher halte ich das Entwickeln eines Bezahlmodells für Kreative und den Widerstand gegen Verwerter prinzipiell für zwei verschiedene Dinge, die erst in der Zukunft konvergieren werden. Für letzteres halte ich die Piratenpartei bereits jetzt für wichtig und wählbar, für ersteres ist sie zur Zeit leider noch völlig unbrauchbar. Der nächste Schritt, jedenfalls, sollte darin bestehen, die Kreativen zu mobilisieren und in den Lösungs- und Ablösungsprozeß miteinzubeziehen. Nur so kommen wir weiter.
Am 24. Juni 2009 um 14:29 Uhr
@Andreas Rodenheber LOL „Alte Männer mit Kugelschreibern“ gehört ab sofort zu meinem rhetorischen Arsenal. Tim Renners Vortrag ist nicht schlecht (ok er hätte etwas fixer zum Thema kommen können …), aber ich fürchte, das wird so nicht funktionieren. Erstens, weil die alten Männer mit Kugelschreibern das nicht begreifen werden, zweitens, weil das alte Verwertungs- und Distributionsmodell sich längst in die Phase der Präfinalität befindet, ohne es zu merken. Mit anderen Worten, es ist moribund. Wenn Renners vorgeschlagener Maßnahmenkatalog es am Leben halten könnte, dann nur als eine Art Eiserner Lunge.
@Roland Allerdings. Ich hoffe auf eine Zukunft, in der wir uns alle fragen, was in aller Welt diese komische Trennung zwischen Urheber- und „Verwertungsrechten“ damals zu bedeuten hatte.
Am 24. Juni 2009 um 18:28 Uhr
@Andreas Rodenheber Oh, boy.
Am 25. Juni 2009 um 01:22 Uhr
[...] seiner rhetorischen und argumentativen Unzulänglichkeiten in Bezug auf Zensur und Internetsperren medial hingerichtet wurde, zeigte die “Phoenix Runde” heute nacht, dass es auch anders [...]
Am 25. Juni 2009 um 08:57 Uhr
[...] war mir die Diskussion zuerst beim Werbeblogger aufgefallen. Er moniert zu recht, dass die zwei Vertreter der alten Medienwelt überhaupt keine [...]
Am 28. Juni 2009 um 21:32 Uhr
[...] Woche in einem seiner Beiträge einen guten Aufhänger für einen neuen Beitrag gegeben. Er schrieb Wer teilt, gewinnt. Zwar geht es in seinem Beitrag um die Verwertung von Urheberrechten und deren Gesellschaften (z.B. [...]
Am 16. Juli 2009 um 02:26 Uhr
[...] möchte ich, daß ich nicht zur “free-for-all”-Fraktion gehöre: Rechte und Interessen von Kreativen liegen mir mindestens ebenso am Herzen wie Rechte und [...]