15:11 Uhr
Alkohol: Zwischen Werbeverbot und verantwortlichem Handeln
Für unsere remix09 hatte ich ein Panel vorbereitet zum Thema Wirksamer Verbraucherschutz mit Werbeverboten? mit Volker Nickel und zwei interessanten Menschen von der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen e. V., das wir aber leider kurzfristig absagen mußten; ich hoffe, daß wir das in einem ähnlichen oder anderen Rahmen irgendwann nachholen können. Im Umfeld meiner Vorbereitungen für das Panel hatte ich mir auch den Videostream von der Phoenix-Runde vom 19.05.2009 angesehen, vom Sender beschrieben wie folgt:
„Saufen bis der Arzt kommt? — Jugendliche und Alkohol“ — Gaby Dietzen diskutiert in der PHOENIX RUNDE mit Gabriele Bartsch (Deutsche Hauptstelle Suchtfragen e.V.), Matthis Morgenstern (Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung), Volker Nickel (Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft) und David Hugendick (ZEIT ONLINE).
Der Link zum Videostream versteckt sich auf dieser Seite; dort im Browser dann nach dem Stichwort „saufen” suchen. (Schon das Fehlen einer permanenten URL flößt kein Vertrauen ein, daß der Stream auch für andere Medien als nur Windows Media zur Verfügung steht. Ich hoffe, ich irre mich.)
Diese Runde bis zum Schluß durchzuhalten, kostete mich einiges an Nerven. Top-vorbereitet war eigentlich nur Nickel; Gabriele Bartsch bestach nicht nur mit ihrer persönlichen Anekdotenkollektion, sondern auch mit ihrer Ruderleistung, wenn sie auf Widersprüche zwischen ihrer Darstellung und zurückliegenden Studien der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen selbst angesprochen wurde; und Gaby Dietzen lockerte das ganze auf mit einem New-Age-Groove zum Mitschunkeln durch ihre periodisch wiederkehrenden ahnungsfreien Mantras zum Thema Studien und Statistiken. Unterirdisch. Eine der Sachen, die ich mit am interessanten fand, kam fast zum Schluß: Daß die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen sich weigert, in Sachen Suchtprävention mit Unternehmen zusammenzuarbeiten, die Alkohol produzieren und verkaufen. Sicher, eine solche Zusammenarbeit benötigte strikte Regeln, damit Initiativen nicht als Werbe- und PR-Trittbrett mißbraucht würden, aber mir scheint, als stünden hier ideologische und nicht praktische Erwägungen im Vordergrund.
Gut zu diesem Thema paßt dieser Spot von Bacardi, auf den ich gestern abend aufmerksam wurde — zwar nicht zur Suchtprävention, aber zu Alkohol am Steuer:
Bacardi—Michael Schumacher Drink Drive Simulation
Das Konzept der „Simulation”, um Schumachers Vorbildfunktion 100%ig aufrechtzuerhalten, finde ich brillant. Und witzig ist es allemal. Überhaupt, hieße Alkoholfirmen generell die Mitarbeitarbeit an der Suchtprävention zu verwehren nicht letztendlich, ihnen zu unterstellen, Geld mit der Verführung zur Sucht verdienen zu wollen? Als wäre Alkohol ein Suchtmittel wie Tabak? Oder Heroin? Ich glaube in der Tat, daß das unterschwellig demagogisch mitgemeint ist, obwohl Alkohol nicht wie Tabak ein Suchtmittel per se ist, sondern süchtig machen kann — wie Kaffee, Sex, Computerspiele, Lakritz, Joggen und praktisch alle Dinge auf dieser Welt, die sich in irgendeiner Form direkt oder indirekt mit unserer Neurochemie unterhalten. Mit zahllosen wichtigen Suszeptibilitätsfaktoren aus genetischer Disposition, sozialem Umfeld und vielem mehr. Dazu ist es auch keinesfalls so, als wüßten wir bereits alles über die Alkoholsucht, und wie davon loszukommen wäre.
Bei den immer wieder aufgekochten Diskussionen zu Werbeverboten für Alkohol stellen sich mir folgende Fragen. Wie sinnvoll und praktikabel wären Werbeverbote überhaupt hinsichtlich eines allgemeinen Ziels, verantwortliches Handeln durch Medienmündigkeit zu fördern? Und wie sinnvoll wären Werbeverbote, die nicht auch in den Neuen Medien durchgesetzt werden könnten? Hinsichtlich letzterem bin ich jedoch zuversichtlich, daß die üblichen Verdächtigen auch hier früher oder später ihre Verbote durchsetzen wollen würden, und dank #zensursula werden sie auch bald die nötige Infrastruktur haben, um damit nach Herzenslust zu spielen. (Was dann noch fehlt an Überwachungstechnik, können Nokia Siemens Networks bequem beisteuern.)
Aber ich verstehe schon. In einem Land, wo das gesamte Ausbildungssystem, von Schulen bis zu Studiengängen, so enthusiastisch vor die Wand gefahren wird und wurde wie in Deutschland, und wo mittels „PISA-Studien“ der öffentliche „Diskurs“ über Bildungsinhalte faktisch von einem Verein für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung monopolisiert wird, da wird uns früher oder später auch gar nichts anderes übrigbleiben, als all das, was in irgendeiner Form einen aufgeklärten, verantwortungsvollen Umgang erfordern würde, zu verbieten.
Ein Kommentar
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- ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
- Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
- ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
- ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
- ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
- Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
- Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
- Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!

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Am 26. Oktober 2009 um 18:03 Uhr
[...] wir uns periodisch widmen, speziell im Zusammenhang mit Werbeverboten für Alkohol (hier oder hier) und für Junk Food/Süßigkeiten (hier, hier oder [...]