31.05.09
15:22 Uhr

Die Kunst der Variante: Alte Geschichten in neuen Gewändern

haudenlukas
Compromiso no10

Das Grundgerüst, mit dem diese Kampagne von Remo, Madrid, das „Versprechen Nr.10“ der Valencianischen Bank Bancaja bewirbt, läßt sich wie folgt zusammenfassen:

Mensch wird Unrecht getan. Mensch läßt seine Wut an anderen Menschen aus. Mensch wird durch Wiedergutmachung des Unrechts besänftigt.

Dieses Grundgerüst ist klassisch und sehr wirkungsvoll — Varianten über dieses Thema lassen sich in den ältesten überlieferten Geschichten finden. Hier jedoch die Bancaja-Variante:


Bancaja — Compromiso no10

Der Clip erzählt zum einen über diesen Kern hinaus gar keine Geschichte, zum anderen verwandelt sie das ursprünglich charakterzentrierte Motiv (meist als Tragödie oder Komödie, aber durchaus auch als Romanze oder Farce) in einen Prügel-Clip. Insofern handelt es sich weder um eine echte Variante noch um das passende Genre. Dazu ließe sich natürlich auch die Frage stellen, ob das 70er-Jahre Western-Prügel-Genre nebst prominentem Hauptdarsteller wirklich eine Renaissance verdient. (Gar nicht zu reden von der begleitnervenden Country-&-Western-Variante von “Born to Be Alive”.)

Das inszenierte „Versprechen Nr.10“ ist eigentlich rasch umrissen — wer Geld aus einem Fremdautomaten ziehen muß, weil ein Bancaja-Automat nicht funktioniert, erhält den doppelten Betrag der gezahlten Fremdgebühr zurück. Ich sage „eigentlich“, weil es doch nicht so einfach zu sein scheint. Denn es lassen sich auffallend viele Formulierungsvarianten für dieses „Versprechen Nr.10“ in nächster Nähe zueinander finden:

Si nuestra cajero no da dinero, pagamos el doble de la comisión cobrada.
Si nuestro cajero no da dinero, pagamos el doble de la comisión cobrada por usar un cajero de otra entidad.
Si nuestro cajero no funciona y se ha de utilizar un cajero de otra entidad, pagamos el doble de la comisión.
No hay que ser Bud Spencer para que en Bancaja te paguemos el doble de la comisión cobrada si nuestro cajero no funciona.
No hay que ser Bud Spencer para te paguemos el doble de la comisión cobrada, si nuestro cajero no funciona.

Vielleicht war das ursprünglich angedacht als Werbespiel (wer findet die meisten Varianten?), bevor Remo sich durchsetzte mit einer anderen Idee: Tranquilo Bud. Das Spielprinzip: Durch rechtzeitiges Klicken auf den roten Button gilt es, Buds Prügelschläge aus dem Clip möglichst zeitidentisch mit smack, pum, pang-Geräuschen zu veredeln, um ein T-Shirt zu gewinnen. Zum Inspirieren gibt es zusätzlich eine Seite mit eingebundenen YouTube-Clips aus Bud-Spencer-Prügelklassikern.

Es geht auch anders. Hier eine Geschichten-Variante für die Banco de Credito BPC, Peru, von der noch homepage-losen Agentur Spectacular Holistic Circus, gegründet 2008 von Juan Carlos Gómez de la Torre Marquina (vormals Creative Director bei JWT, Ogilvy, Young & Rubicam, Leo Burnett). Das Grundgerüst:

Mensch besitzt Fähigkeit. Fähigkeit richtet sich gegen Mensch selbst. Mensch findet (Er-)Lösung nach Queste.

Hier die Variante dieses Grundgerüsts:


Pigeons

Und auch bezüglich „Prügel-Clip“ als solches würde ich gerne noch ein „es geht auch anders“-Beispiel vorstellen, und zwar von Duval Guillaume, Brüssel, für das belgische Mineralwasser Spa, ebenfalls mit einem klassischen Erzählkern (wer hat Lust, den zu formulieren? ;-)). Varianten sind nicht beschränkt auf Inhalte, sondern können sich auch in der Form abspielen, wobei die Form zum Inhalt wird (verwandte Stichworte: “the medium is the message“, “the content of the form”). Im Spa-Clip liegt die Variante nicht darin, was erzählt wird, sondern wie erzählt wird, einschließlich moderner Akzente und Filmzitate (speziell From Dusk Till Dawn kommt in den Sinn):


Spa Very Sparkling Water — Bar Fight

Dazu DavidGuillaume im Begleittext zum Clip:

[The] action scenes [...] are completely filmed under water. Erik Bulckens directed the film, which was shot in a gigantic underwater tank in Berlin. The actors and stuntmen had a hard time, but the hardest job was for the cameraman, who had to spend a whole day underwater.

Der Bezug zum Produkt ist bei “Very Sparkling Water” für Spa zwar schwächer als bei “Pidgeons” für Banco de Credito Peru, da die Metapher nicht ganz so nahtlos anschließt. Aber beide, Form- und Inhalts-Variante, haben den Produktbezug. “Compromiso no10” für Bancaja dagegen ist ebenso produktbezugs- wie form- und inhaltsvariantenfrei.

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3 Kommentare

  1. nilsn

    Teile deine Meinung bezüglich der Spots. Gerade der Erste ist an Schlicht- und Uninspiriertheit kaum zu überbieten, wie die alten Bud Spencer Filme halt auch. Insofern irgendwie wieder konsequent. ;-)

    Die beiden anderen finde ich dann aber deutlich besser. Wobei ich “Pigeons” im guten Durchschnitt ansiedeln würde, “Bar Fight” ist dann aber genaue mein Ding. Cooler Spot, mit einem einfachen und schlüssigen Konzept!

  2. Markus Roder

    Abgesehen davon, dass ich mir noch mehr “Sparkle” in dem Wasser, in welchem der “Bar Fight” stattfindet gewünscht hätte (Priming… der Zuschauer soll ja quasi auch eine Vorschau für sein limbisches System erhalten ;) finde ich den SPA-Spot ganz hervorragend.

    Würde mich mal interessieren, ob es zu der Kampagne Tracking-Ergebnisse gibt, welche vom Hersteller herausgerückt werden…

  3. Six

    Bud Spencers Filme haben noch nie durch intelligente Plots bestochen. Seine Prügeleien funktionieren genau so wie herzhafte Rülpser und Furzkissen – für die Wissenschaft unbegreiflich aber verlässlich.

    Natürlich schlechte Werbung, aber immer schön, dem alten Herrn bei der Arbeit zuzusehen.

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