20.05.09
02:22 Uhr

what’s next09 #2 — Umair Haque: Capitalism 2.0


Umair Haque — Capitalism 2.0

In Umair Haques Präsentation “Capitalism 2.0” auf der next09 konnte ich endlich einmal das Präsentations-Tool Prezi in Aktion sehen, und das war schon ziemlich chic. Ebenso wie der Inhalt seines Vortrags bekamen auch seine Prezi-“Slides” insgesamt gute Kritiken, lediglich am Vortragsstil haperte es zuweilen, vor allem zu Beginn. Ich persönlich fand das völlig akzeptabel, aber akademische Zusammenhänge härten ab. (Ein wesentlich tödlicheres Kaliber in dieser Hinsicht durfte ich auf der next09 dann etwas später aber auch erleben.)

Haque sprach gleich nach Jeff Jarvis und knüpfte an diesen inhaltlich fast nahtlos an, wenn auch mit anderem Vokabular und unterschiedlichem Hintergrund, zu dem ich gleich noch komme. Laut Haque ist Kapitalismus im Wandel begriffen — weg vom Kapitalismus 1.0 und hin zu einem „konstruktiven Kapitalismus“, der Zerstörung minimiert und Nutzen maximiert. Dazu paßte es auch gut, daß Haque und Jarvis am Folgetag gemeinsam in einer Q&A-Session auftraten.

Mit der Formel “minimize destruction, maximize benefits” verweist Haque auf die Zerstörung von Ressourcen auf der einen Seite und die Schaffung von Mehrwert auf der anderen. Das Thema Zerstörung von Ressourcen kennen wir; nicht so offensichtlich ist der schrumpfende Mehrwert. Bruttosozialprodukt, Lebensqualität, Unternehmensgründungen und -faltungen: Es scheint, als sei das Volumen unserer Bruttosozialprodukte nicht mehr kongruent dazu, wie es uns wirtschaftlich im einzelnen tatsächlich bessergeht. Der Zuwachs an Aufwand und der Zuwachs an Lebensqualität stimmen nicht mehr überein. Auf Seite der Unternehmen gilt dies ebenso: “we’re seeing companies struggle, work much harder, die faster, to create much less value”.

Einen der wesentlichen Faktoren für diesen Trend sieht Haque in der Unfähigkeit gerade gesellschaftstragender Industrien wie Banken, Versicherungen, Telcos, Content-Industrie und Publikationswesen, neue Strategien zu konzipieren, um Mehrwerte zu schaffen in unserer sich verändernden Wirtschaftswelt. Statt dessen kleben sie an ihren obsoleten Strategien des “Business as War”, in denen es um Vorherrschaft und Dominanz des Marktes geht — “Fortschritt” spielt sich hier ab als mehr- und mehrstöckiger Junk Food, immer geländegängigere Geländewagen und sechs Klingen statt bloß fünf für Naßrasierer. (Bis zum fünfblättrigen Gillette Fusion bin ich selbst noch mitgezogen, danach wurde es albern.) In Haques Terminologie befinden wir uns nicht einfach in einer Rezession oder Depression, sondern in einer “Great Compression”. Das alte Wachstumsmodell (“dumb growth”) kollabiert und mit diesem Modell auch sein immanentes — systemisches — Ausbeuten von Ressourcen als Rohstoffe, Menschen als Arbeitskräfte und Inhalten als Werbeträger: “using stuff up” funktioniert nicht mehr, ist nicht mehr wirtschaftlich.

Haques „Kapitalismus 2.0“ sehe ich hier weniger beeinflußt von post-marxistischen Gedanken wie bei Jarvis, sondern von etwas, das ich am ehesten Post-Libertarismus nennen würde. Wiedererkennbar ist die namhafte und respektable Idee, daß unter günstigen Voraussetzungen partieller Egoismus zu allgemeinem Wohlbefinden führt — Haque ist hier, zumindest indirekt, gar nicht so weit entfernt von post-Hobbesian und Mandeville’schem Gedankengut.* Haque spekuliert darauf, daß die neuen Grundbedingungen dafür sorgen, daß sich Dinge ändern: In dem Moment, wo Ausbeutung nicht mehr wirtschaftlich ist, sondern Nachhaltigkeit und das Schaffen von Mehrwert, sorgt der Egoismus dafür, daß es uns allen bessergeht. Damit geht einher das Stichwort der „Entinstitutionalisierung“, auf das ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte, sondern in kommenden Einträgen zum Interview und zum Vortrag Andrew Keens mit seinen sehr wichtigen und, wie ich finde, sehr richtigen Einwänden dazu. Dieser tatsächliche oder erforderliche Niedergang von “institutions [that] constrain human interaction” ist wiederum eng verbunden mit der Jarvis’schen Kollaboration, die Haque auch wörtlich zitiert. Seine “Great Compression” ist “the big change”, innerhalb dessen “rate, frequency, and the richness of interaction exploded”.

Konkret kreist Haques Kapitalismus 2.0 um fünf definierte Punkte. Als erstes wäre die Erneuerung von Ressourcen statt deren Ausbeutung zu nennen. Ein Beispiel ist Wal-Marts Versprechen, “zero waste” in der Wertschöpfungskette anzustreben und ausschließlich Produkte zu führen, die nicht schädlich für die Umwelt sind. Der zweite Punkt, nahezu deckungsgleich mit Jarvis’ kollaborativen Geschäftsmodellen, wären „radikal demokratischere Wege, um zu entscheiden, was produziert wird“: zentralisierte Autoritäten und Design-Abteilungen im stillen Kämmerlein “are unable to grapple with complexity and the rate of change in a hyperconnected world”. Beispiele wären hier Threadless, die jene T-Shirts produzieren, für die die meisten Menschen stimmen, und Walkers, die kollaborativ Geschmacksrichtungen für Chips vorschlagen lassen, die beliebtesten davon in “pilot batches” produzieren, und davon in einem zweiten kollaborativen Prozess die gelungensten/beliebtesten in die reguläre Produktion geben und ins Sortiment aufnehmen.

Der dritte Punkt ist “waging peace” statt “waging conflict”: Hier, wie für Jarvis, ist Google das Modell für neue, nicht-dominierende Unternehmensstrategien. Für Haque reicht das Beispiel Google weit: “Google works hard at leveling the playing field” und “page rank is the biggest democracy in the world, it would fall apart if Google weren’t waging peace”. Ich denke nicht, daß irgendjemand Mühe hätte, Einwände gegen diese Sichtweise zu produzieren — auch denke ich, daß die Argumentation von Jarvis wie auch von Haque an dieser Stelle auf etwas sichererem Boden stünden, wenn es nicht nur ein großes Paradebeispiel für dieses neue Paradigma gäbe. Aber es läßt sich nicht bestreiten, daß Google Dinge anders macht als andere — insbesondere anders als Haques in der Tat gut gewählte Beispiele für das alte Dominanz- und Konfliktmodell: Musikindustrie (RIAA), Pharmaindustrie und Supermarktketten. Außerdem, und das kann ich gar nicht so gut und präzise ausdrücken wie John @gruber auf Daring Fireball:

I don’t think there’s any question that Google has a monopoly on search. But I don’t see how they’ve abused their success in anti-competitive ways. And they certainly don’t have a monopoly on advertising, which is what they’re actually selling.

Beim vierten Punkt, den Haque “equity ideal(ism)” nennt, geht es ebenfalls um Marktdominanz: Ein Bestreben, das alle Unternehmen in einem Marktsegment dazu zwingt, die gleichen Ziele zu verfolgen (was fast zwangsläufig in zero-sum-Situationen mündet). Seine Beispiele sind Microsoft und Sonys Playstation 3. Unternehmen im Kapitalismus 2.0 dagegen versuchen nicht nur, neue Zielgruppen zu erschließen, sondern neue Zielgruppen insbesondere zu erschließen unter dem Motto “how can we serve chronically neglected, underserved, ignored markets? The chronically marginalized, the poor?” Seine positiven Beispiele sind hier Nintendo Wii, der Tata Nano (“everybody could have built this car in the last 20 years, but no one did”) und Unilevers Mikrokreditsystem in Indien.** Der fünfte und letzte Punkt schließlich ist die Fokussierung auf nachhaltige Ergebnisse und nicht bloß auf Produkte, die aufgebraucht und weggeworfen werden: Nike verkauft nicht mehr einfach bloß Sportschuhe “but helps you to become a better runner“; Hanover Supermarket verkauft nicht einfach nur Lebensmittel, “but helps you to become healthier” mit ihrer “health food database”.

Wal-Mart, Walkers, Unilever, Nike, Nintendo … die Beispiele fallen ins Auge und werfen Fragen auf. Eine davon wäre die der Moderatorin Monique van Dusseldorp: “These are all big companies. Will this revolution come from huge corporations, or from newcomers, outsiders?” Hier fiel Haque die Antwort noch leicht: die Revolution komme von verschiedenen Enden des Spektrums, und es komme auch nicht darauf an, woher sie kommt. Das klingt zunächst ein bißchen herausgewieselt, aber hier würde ich Haque unterstützen: Zum einen ist es auf dem Hintergrund seiner Prämisse der Wirtschaftlichkeit tatsächlich unerheblich, wo die Revolution herkommt, zum anderen sorgt diese Revolution ohnehin dafür, daß Platz ist für alle Enden dieses Spektrums. Aber es gibt noch weitere Fragen, und sehr wichtige — die besonders Andrew Keen in seiner Präsentation nach der Kaffeepause stellte, in seiner (für mich absolut überraschend) katastrophal klarsichtigen Ad-hoc-Kritik an Haque und Jarvis. Von der ich im dritten Teil (unser Werbeblogger-Interview) und im vierten Teil (seine Präsentation) berichten werde.

____________________
* Mandevilles satirisches Gedicht Fable of the Bees: or, Private Vices, Publick Benefits von 1714 (in der Erstveröffentlichung von 1705 The Grumbling Hive, or Knaves Turn’d Honest) empfehle ich als heiter-ernsthafte Lektüre. Kernaussage: “without private vices there exists no public benefit.” Wir wissen, daß die Dinge komplizierter sind, und mit Ausnahme der Dick Cheneys, Rush Limbaughs und Jabba the Hutts dieser Welt wissen wir inzwischen auch, daß in wirtschaftlichen Zusammenhängen stärkere staatliche (== institutionalisierte) Kontrollen in den letzten 20 Jahren begrüßenswerter gewesen wären, als wir dachten. Trotzdem ist dies keineswegs eine durch und durch „naive“ Theorie; in veränderter Form lebte gerade auch Mandeville in den letzten Jahren wieder auf, von Sprachwandeltheorie bis Chaosforschung. (zurück)

** Auch hier ist wieder das Mandeville’sche Zusammenspiel von Egoismus und allgemeinem Wohl im Spiel: Laut Haque war es für Unilever nicht wirtschaftlich, Distributionszentren in indischen Dörfern aufzusetzen, also begannen sie, an lokal ansässige Frauen (selten Männer, aus kulturspezifisch strukturellen Gründen, die jetzt zu weit führen würden), Mikrokredite für “microdistribution businesses” zu vergeben, von denen alle profitierten: Die Kreditnehmerinnen, die Dörfer, Unilever. Von solchen Systemen hören und lesen wir in der Regel nur Gutes, oft sogar sensationell Gutes, wie es das Leben aller Beteiligten zum Positiven hin veränderte. Aber es gibt auch Kritik (nicht speziell an Unilever, sondern ganz allgemein) an diesen Systemen, insbesondere aus dem Umfeld der Postcolonial Theory. Zum Beispiel beschreibt Gayatri Chakravorty Spivak dies in What’s Left of Theory?, aber auch anderswo, wie folgt:

As long as we remain only focused on the visible violence of world trade, endorse the credit-baiting of the poorest rural women of the Southern hemisphere in the name of micro-enterprise without any infrastructural involvement, the subaltern remains in subalternity. And we legitimate the world trade coding of the finance capital market by reversal. (Aus: “From Haverstock Hill Flat to U. S. Classroom, What’s Left of Theory?” What’s Left of Theory? New Work on the Politics of Literary Theory. Eds. and introd. Judith Butler, John Guillory, and Thomas Kendell. New York: Routledge, 2000. 1-39. 7.
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5 Kommentare

  1. Fischmarkt

    Reaktionen auf die next09 aus dem Web…

    In den letzten zwei Wochen habe ich versucht, möglichst alles zu lesen, was über die next09 im Web zu lesen war. Nun ist es Zeit für eine kleine Übersicht. Wer hier die englischsprachigen Wortmeldungen vermisst, dem sei ein Blick……

  2. what’s next09 #3 — Interludium: next09, winer06 und Werbung als Information in der Share Economy | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » what’s next09 #3 — Interludium: next09, wine

    [...] Zuge des next09-Themas generell und den angesprochenen Motiven in den Vorträgen von Jarvis und Haque (sowie eines nachgekleckerten Drive-By-Trollings zum Jarvis-Eintrag) fiel mir ein Zitat von Dave [...]

  3. Krieg | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Krieg

    [...] wird, ist nicht hoch, ganz im Gegensatz zu Krieg als Master-Metapher hinter den Kulissen. Denn was Umair Haque in seiner next09-Präsentation die „Strategien des ‘Business as War’ im obsoleten Streben um Vorherrschaft und Dominanz des [...]

  4. Business-Vordenker orakeln: Nach der Finanzkrise der Informationscrash? « Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

    [...] ständig auf ein noch schnelleres zu wechseln, zu rasant. An einem Tag kommt der „Kapitalismus 2.0„, der den „Zombiekapitalismus“ ablöst, am nächsten Tag wird der [...]

  5. Ziel, Strategie, Taktik: Und der Sinn dahinter? | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Ziel, Strategie, Taktik: Und der Sinn dahinter?

    [...] ist, ist sie nicht automatisch nützlich in einem Markt, in der dieses Gedankengut durchaus zur Belastung wird: Belastung für die Umwelt, die Menschen, die Marke und schließlich für das [...]

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  • Raoul: Mal unabhängig vom Produkt kann ich das Gefühl des Autors nachvollziehen. Alleine die Aussicht auf eine Kuscheldecke im Büro, im Flieger...
  • Thorsten: Da hat mal einer nachgedacht. Danke. Ich denk’ mit.
  • Hüseyin: In meinen Augen eine gute Gelegenheit aus einem anfänglichen Imageverlust als Gewinner mit einem blauen Auge davon zu kommen. Wirklich...
  • Nicole Haase: Das würde ich ja sehr begrüßen, wenn nicht nur die Werbung sich bei dem Produkt Weichspüler wieder auf Weichheit konzentriert,...
  • Bauknechtärger: Die volle Breitseite er Unfähigkeit seht ihr unter derzeit 96 Bewertungen unter: http://kundendienst-info.de...
  • Katharina: Durch “Abmahnanwälte”, die sich an dem schwer verdienten Geld anderer bereichern wird auch der Anwaltsberuf erheblich durch...
  • Sven Kaiser: Wow. Bis jetzt war ich vom iPad begeistert, aber das Courier Konzept macht neugierig! Handschrift-Erkennung unter Windows ist wirklich...
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