14.04.09
13:35 Uhr

Eine Chance für den Qualitätsjournalismus?

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Ein Reizthema besonderer Art mit vorprogrammiertem pawlowschem “Speichelfluss” ist die Diskussion darüber, ob der aufgeklärte Mediennutzer den Journalismus bzw. die Journalisten als Sortierer und Aufbereiter von Themen und Sachverhalten denn eigentlich in der klassischen Form noch bräuchte. Die neue online-gestützte Freiheit der Informationsbeschaffung  impliziert doch geradezu, dass sich der Leser “seine” Inhalte nach seinem ganz individuellem Informationsbedürfnis auch zusammenstellen kann. Wer braucht da noch den klassischen Vermittler und medialen Torwächter, der uns allen aus der Flut der Nachrichten und Informationen das vermeintlich “Relevante” herausfischt, auf-, zubereitet  und zeitverzögert präsentiert?! Ist der Mensch dazu nicht selbst willens und in der Lage?!

Frank Schirrmacher, Mit-Herausgeber der F.A.Z., hat dazu eine konkrete Vorstellung und Position:

In Deutschland nennen wir das, was wir tun, „Qualitätsjournalismus“, und gemeint ist ein Journalismus der großen Zeitungen, der nicht nur auf Verlässlichkeit setzt, sondern auch einer redaktionellen Ausstattung bedarf, die diese Verlässlichkeit sichert. Zeitungen sind Qualitätszeitungen, weil sie auch dort analysieren, wo vorläufig kein „Markt“ im herkömmlichen Sinn existiert, in der Latenz, in den politischen, wirtschaftlichen und kulturen Tiefenschichten des eigenen Landes und der globalen Gemeinschaft.

und weiter…

Jeder, der Augen hat zu sehen, wird erkennen, dass das nächste Jahrzehnt das Jahrzehnt des Qualitätsjournalismus sein wird; er schafft die Bindungskräfte einer medial disparaten Gesellschaft (…)
(…) Die, die sich nicht anstecken lassen, die ihre Qualität, also: ihre Inhalte unverändert lassen, werden sein, was diese Gesellschaft dringender benötigt denn je: der geometrische Ort, an dem die Summe des Tages und der Zeit gezogen wird.

Frank Schirrmacher spricht laut aus, was ich mir in der Tat inhaltlich für und von den sogenannten “Leitmedien” wünschen würde. Viele ehemals renommierte Tages- und Wochenzeitungen bzw. ihre Online-Ableger praktizieren allerdings genau das Gegenteil. Sie nehmen schon längst federführend an der Beschleunigung von Ticker-Nachrichten und Klick-optimierter News-Replikation teil, getrieben von einer sich inflationär nach Masse ausrichtenden Kalkulationsmatrix der Anzeigenmärkte.

Von bewusster Latenz, von Konzentration und Reduktion keine Spur. Im Gegenteil. Die Web-Auftritte der großen Print-Titel gleichen sich in Layout, Präsentation und Aktualisierungsgeschwindigkeit den Nachrichten-Aggregatoren an, denen sie jetzt den Kampf ansagen. Für die von Schirrmacher geforderte journalistische Reflexion und intellektuelle Eigenleistung bleibt auf diese Weise immer weniger Raum.

Der wohl größte Irrtum der Verlage und ihrer Publikationsmarken ist demnach auch, sich in den Wettbewerb der Beschleunigung überhaupt erst begeben zu haben. Journalistische “Qualitätsprodukte” sind eben grundsätzlich nicht geeignet, sich einem nach Zeit und Masse ausgerichteten Wettrennen zu unterwerfen, auch wenn der Spiegel mit seiner Tochter-Publikation “Spiegel Online” damit erfolgreich ist. Ein weiteres “Spiegel Online” jedenfalls wird in dieser Form in Deutschland nicht erfolgreich sein können; der Markt für diese Art publizistischer Portalangebote ist bereits besetzt und als zweiter, dritter oder gar zehnter Player und Wettbewerber wird eine Zeitungsmarke nur noch mehr an Profil verlieren.

Meine These: Es wird nicht mehr lange dauern, bis das reine weltweite Nachrichtengeschäft im Web von Google und anderen nativen Web-Unternehmen oder ggf. gleich selbst und direkt durch die Nachrichtenagenturen übernommen wird. Die Tageszeitungen werden weder auf der eigenen Website noch -und erst recht nicht- im Print in der Lage sein, diese Flut sinnvoll redaktionell zu verarbeiten.
Vielmehr werden sie sich auch aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen deutlich mehr als heute auf Themenschwerpunkte und Ressorts konzentrieren müssen, die sie im Sinne des Schirrmacherschen Qualitätsverständnisses tatsächlich journalistisch aufbereiten können. Diese Schwerpunkte verleihen der Publikation zudem wieder ein stärkeres Markenprofil, was eine Grundvoraussetzung darstellt, Anzeigen auch außerhalb reiner Volumenpreismodelle im Web vermarkten zu können.

Zudem dürfte es bei steigender schöpferischer Höhe auch wieder deutlich leichter für den Verbraucher erkennbar sein, warum bestimmte publizistische Erzeugnisse einen besonderen “Wert” darstellen und in Folge die Bereitsschaft steigen, diese auch mittel- oder unmittelbar zu vergüten, egal ob als Zeitung, Internet-Ausdruck oder auf neuen digitalen Leseformaten

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11 Kommentare

  1. Eine Chance für den Qualitätsjournalismus? « Remix Hamburg 09

    [...] Eine Chance für den Qualitätsjournalismus? Gespeichert unter: Artikel am 14. April 2009 um 13:35 Uhr [...]

  2. Chancen von Qualitätsjournalismus | Smart Content, All Media

    [...] Hier mal ein interessanter Beitrag des Werbebloggers zu den Chancen des Qualitätsjournalismus angesichts der sich ändernden Mediennutzung. Trackback: werbeblogger.de/2009... [...]

  3. Brothel Pianist

    spannender artikel dazu (auf FAZ-net, hehe): http://bit.ly/2lPqwz

  4. Philipp

    Deiner These, Robert, kann ich nicht ganz zustimmen. Ich denke, wir müssen das Thema Tageszeitungen doch etwas differenzierter betrachten. Produkte wie die FAZ arbeiten überregional, dort muss man sich durch die Qualität von automatisierten Angeboten wie Google abheben. Den Großteil der Zeitungen machen allerdings regionale Blätter aus, deren Leser lokale News wünschen. Diese gehen nach wie vor zumeist an Google vorbei, machen aber die starke Bindung zwischen Leser und Zeitung aus. Bei diesen Blättern besteht natürlich dringen Innovationsbedarf, aber eine Berechtigung haben sie trotz Webangeboten immer noch. Chefredakteure sollten auf diesem Sektor stärker jüngere Zielgruppen ansprechen, dann hätten diese Blätter auch trotz den “bösen” neuen Webtrends eine Chance.

  5. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Philipp: Meinst du mit Robert Roland? Dann passts ;-)
    In der Tat,die regionalen Blätter unterliegen etwas anderen Gesetzmäßigkeiten. Auch sie haben -natürlich- eine Berechtigung, genauso übrigens wie eine FAZ oder Zeit.
    Mir geht es vielmehr um die Frage, wie News redaktionell aufgenommen und redaktionell bearbeitet werden. Ich brauche von einer Zeitung (egal ob on-oder offline) nicht die reduntante Abbildung von News, die ich schon längst kenne, ob aus TV, Radio oder dem Web. Wenn ich aber -durchaus mit einem oder zwei Tagen “Latenz”- einen Artikel lesen kann, der meine Sicht der Dinge erweitert, mich über den Horizont einer extrem vergänglichen News-Meldung oder Schlagzeile hinwegschauen lässt, dann bin und bleibe ich dem “Blatt” verbunden und schätze ganz bewusst auch die Lantenz, Ruhe und Lesekonzentration, die eine Papierzeitung mitbringen kann.

  6. Paid Content - Klingelbeutel oder Kirchensteuer - oder beides? | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Paid Content - Klingelbeutel oder Kirchensteuer - oder beides?

    [...] der Verlage und schrumpfende Redaktionen allenfalls dezent textlich umformuliert, die eigene geistige Schöpungshöhe ist marginal bis nicht vorhanden. Was bliebe, sind (Hintergrund-) Berichte, Analysen, [...]

  7. Chris

    Hallo Roland ;), meine Meiung, im Nachvolgenden, ist eine durchschnittliche Betrachtung. Es gibt natürlich auch andere Beispiele. Über den Wert von werbegesteuerten sogenannten „Inhalten“ und journalistischen „Inhalten“ kann man heute wie schon immer geteilter Meinung sein.

    Insbesondere der Einfluss von Media + PR in den letzten 15 Jahren, seit dem massiven Abschwung nach Einbruch des Neuen Marktes, haben auch vermeintlich seriöse Medien wie Tageszeitungen zu “werbegesteuerten” Medien gemacht. Der wichtigere Kunde sind die Werber, vor dem Leser. Medien werden von Werbung stärker dominiert. PR-Texte teils direkt in Medien “eingekauft”. Der Journalismus hat darunter gelitten. Heute arbeiten vielerorts keine Journalisten, sondern PR-Text-verkaufende Werbeleute in der sogenannten “Redaktion”.

    Es gibt also nach wie Qualitätsjournalismus. Man muss ihn nur suchen (und ihn sich leisten können).

    Kurzum: Meine Meinung dazu habe ich ausführlicher unter cogitoergopublico.com formuliert. Einen Marketing-Lösungsansatz dafür hier: http.//www.cjournalist.com

  8. Share Economy - Das Wesen des Hyperlink | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Share Economy - Das Wesen des Hyperlink

    [...] Um es andererseits unmissverständlich deutlich zu machen: Ich bin davon überzeugt, dass der investigative Journalismus, der die Politik, die Wirtschaft, insgesamt also die Machtorgane in Staat und Gesellschaft kritisch beobachtet, ein ganz wesentlicher und bedeutender Teil der Informationskultur ist, auf die wir nicht verzichten können. Es stellt sich in diesem Zusammenhang auch überhaupt nicht die Frage, ob die Arbeit der Journalisten, Redakteure und Korrespondenten bezahlt werden sollte. Selbstverständlich muss das so sein! Niemand kann auf Dauer aus blanken Idealismus diese wichtige Arbeit leisten. Allerdings bleiben viele Verlage und Medienhäuser mehr und mehr den Beweis schuldig, dass genau diese Schlüsselaufgabe gelebte redaktionelle Realität ist. Im Gegenteil. [...]

  9. Linktipps und Werberätsel #56 | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Linktipps und Werberätsel #56

    [...] Die dpa als moderner Nachrichtenaggregator? Keine so dumme Idee. [...]

  10. Sind Verlage “systemrelevant”? | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Sind Verlage “systemrelevant”?

    [...] hindert die Verlagsredaktionen, Journalismus zu betreiben, der im Hinblick auf Qualität und eigene geistige Schöpfungshöhe einen Marktpreis rechtfertigt, den die Menschen zu zahlen bereit sind. Niemand verhindert kreatives [...]

  11. Wikileaks – der letzte Anschub für Qualitätsjournalismus? | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv

    [...] formulierte es Frank Schirrmacher noch vor kurzem: In Deutschland nennen wir das, was wir tun, „Qualitätsjournalismus“, und gemeint ist ein [...]

Eure Kommentare

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  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
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