02.04.09
14:21 Uhr

Cocooning in Zeiten der Krise

wintergarten_innen

Cocooning ist wahrlich kein neuer Begriff der Trendforschung. Schon in den 80ern wusste Faith Popcorn etwas über den zunehmenden Wunsch der Menschen zu berichten, sich öfter in “häusliche Gemütlichkeit” zurückziehen zu wollen. Kuschelige Videoabende auf dem Sofa also statt kühler Kinoatmosphäre, Essen mit Freunden am eigenen Esstisch statt Restaurantbesuchen, ein schönes Buch auf der Liege, Freude am eigenen Garten, Urlaub zu Hause bzw. allenfalls in den Bergen oder der Küste in bekannten und nahen Gefilden…

Es mag “nur” eine partielle Trendbeobachtung in bestimmten westlichen Kulturkreisen sein, die harten wissenschaftlichen Erhebungen in der Soziologie noch nicht standhalten kann, aber zumindest trägt die aktuelle weltweite Finanzkrise alleine schon aus ökonomischen Vernunftserwägungen erneut zu dieser Entwicklung in vielen Haushalten, Familien und sozialen Gruppen bei.

Dabei stellen sich Menschen (ohne außerordentliche Finanzmittel) natürlich die konkrete Frage: Wie und wo kann ich jetzt sparen? In der Regel werden dann von den gleichen Leuten, die  in wirtschaftlichen Hoch-Zeiten noch bekennende Konsum-Junkies waren, Antworten gegeben, die sich sogleich in eine Art “Cocooning-Sprech” verwandeln:

“…zu Hause schmeckt es eh am besten…”, “wofür brauche ich ein neues Auto, das alte tut es doch noch wunderbar…”, “Fahrrad fahren ist sowieso viel gesünder…”, “…in Deutschland gibt es auch schöne Urlaubsorte…”, “…es muss nicht immer Kaviar sein…”, “…der Anzug sieht doch noch fabelhaft aus…”, “…ich stehe ja auch mehr auf natürliche Schönheit…”, “…wofür haben wir denn den Garten, wenn wir ihn nie benutzen würden…”; “…überheizte Wohnungen sind ungesund…”, undsoweiterundsofort….

Notwendigerweise wird es sich also zu Hause “schön” gemacht, machmal auch einfach nur schön geredet.
Es gibt aber sicher auch noch mindestens einen weiteren Grund, warum ggf. der Trend zum Cocooning wächst: Das Web.

Der soziale Kontakt außerhalb der direkten Familie, der früher nur durch das Telefon, Briefe und vor allem durch die persönliche Begegnung und an externen Orten stattfand, kann heute auch bei losen Kontakten und via Internet gratis aufrecht erhalten werden. Der Desktop ist vor allem für die jüngere Generation (ergänzend zum TV) fester medialer Bezugspunkt und ermöglicht durch Flatrates jederzeit den Eintritt in die digitale, interaktive Welt, ohne das eigene Heim verlassen zu müssen, Shoppen inklusive.

Wirtschaftlich schwierige Zeiten führen schließlich auch insgesamt zu einem Zusammenrücken der Menschen im inneren Familien- und Freundeskreis, zumindest aber steigt die Sehnsucht nach dieser “sozialen Gemütlichkeit”.

Wenn durch eine weltweite Finanz- und Wirtschaftkrise an allen Ecken und Enden des eigenen beruflich-ökonomischen Umfeldes das Vertrauen schwindet, sucht der Mensch eben wieder die Nähe und ggf. den Schutz seiner “wahren Vertrauten” und soziale Werte außerhalb neoliberaler Markt- und Konsumgläubigkeit erhalten neues Gewicht.

Es darf also mit Interesse beobachtet werden, ob ein wenig dieser Erfahrungen in breiter Erinnerung bleibt, wenn das Tal der Wirtschaftskrise durchfahren ist…

Keine Tags vorhanden

Verwandte Artikel

8 Kommentare

  1. Karen Heumann auf der Kuschelkautsch (Teil 2) | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Karen Heumann auf der Kuschelkautsch (Teil 2)

    [...] aber kuschelige Sitzgelegenheiten mitbringt… Ebenso inspirierte uns die gemütliche Umgebung zum ausgiebigen Plausch, so dass wir diese Ausgabe in zwei getrennten Episoden [...]

  2. Johnny

    Hallo,

    ich glaube, die Finanzkrise wird überbewertet. Bleiben nun Konsumenten zu Hause, so heißt es, jene Konsumenten wollen sich nun das zu Hause schön reden, aufpeppen durch obige Zitate. Ich glaube, es geht hier nicht nur um Euphemismus in Krisenzeiten. Wer ein „schönes“ zu Hause hat, der präferiert diesen Ort. Ganz gleich, ob eine Krise ihr Unwesen treibt. Oder nicht.
    Das Internet ist in der Medienlandschaft unersetzbar. Nicht aber im Leben. Ich gucke kaum Fernsehen, bin dafür aber den ganzen Tag online. Ob nun „away from keyboard“ oder aktiv. Ich bekomme alle Informationen, kann meinen Hobbys frönen, mich austauschen, Neues erfahren.
    Das Internet definiert mich jedoch nicht als Mensch. Das, was ich bin, was ich sein werde, hängt von anderen Faktoren ab. Nicht von Medien.
    Außerdem finde ich es schon sehr armselig, wenn das Internet dazu benutzt wird, gesellschaftlich und sozial aktiv zu bleiben. Ob im zerrissen Schlafanzug oder im Jackett. Die Welt da draußen kann nicht durch das Internet, Blogs, Skybe, youtube, ersetzt werden. Es macht nur manches leichter und kurzweiliger.
    Vielleicht sollte der Mensch die Finanzkrise als Chance verstehen. Es ist die Suche nach Authentizität. Der Mensch will authentisch sein, sich von der Affektiertheit und Oberflächlichkeit lösen. Eine Krise bringt die Menschen auf den Boden zurück. Dahin, wo sich vielleicht schon immer hin wollten. Zu Hause ist es am schönsten. Das Fahrrad ist gesünder. Die Freunde im eigenen Heim unverwechselbar. Der Garten, die Blumen, meins.
    Ich glaube, der Mensch will a posteriori kein Konsummensch sein. Er passt sich an. Er sucht, wie in der Maslow-Pyramide beschrieben, nach Anerkennung. Der Mensch hat ein Geltungsbedürfnis. Und dieses Bedürfnis auszuleben ist für manche Menschen einfacher mit Geld auszuleben, mit Marken, die imponieren, ein Zerrbild aufbauen, als mit sich selbst. Ich.
    Wir leben nunmal in einer Welt, in der wir Menschen nach verschiedenen Kriterien beurteilen. Der Mann mit den grauen Schläfen kann kein schlechter Mensch sein. Der mit der HUGO BOSS Jeans hat Stil, hat Geld, hat Erfolg. Da lassen wir uns gerne täuschen. Die Marke als Lernmodell (Kurt Lewin). Ich will so sein, wie der und der.
    Konsum, tut mir leid für diesen Idealismus, ist sozial erlernt. Eine Finanzkrise bietet die Chance, Neues zu lernen, aus alten Denkgehegen auszubrechen.
    Ich trage selbst BOSS. Und ich bin schlecht.
    Aber authentisch. ;-)

  3. Johnny

    Nochmal:
    Ich schrieb: “Ich glaube, der Mensch will a posteriori kein Konsummensch sein.”

    Es müsste “a priori” heißen. Also vom Frühen her, aus der Vernunft gewonnen. Posteriori wäre das Gegenteil, aus der Erfahrung her.

  4. Die Krise und ihre Auswirkungen auf Agenturen, Teil 3 « Yamaoka PR Blog

    [...] Heinlein nannte es neulich beim Essen das neue Cocooning. Allein sein ist schrecklich. Es bilden sich, wie in einem Westernfilm, kleine Wagenburgen, zum [...]

  5. Wieviel Social Network braucht der Mensch? | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Wieviel Social Network braucht der Mensch?

    [...] Bedürfnis, sich zunehmend mehr persönlich zu treffen, noch einmal verstärkt durch soziologische Effekte aus der aktuellen Finanz- und Wirtschaftkrise. Da unser Zeitkontingent aber nun einmal endlich ist, [...]

  6. Benjamin Franklin Roosevelt — Silber ist das neue Grün | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Benjamin Franklin Roosevelt — Silber ist das neue Grün

    [...] andere und bessere Strategie, die sich auch ganz auf der Linie des vielzitierten “Cocooning” (Cocooning | Trendtag | 3.Tag Remix) bewegt, ist das sogenannte “Fakeaway”: A homemade meal that is [...]

  7. Indoor Landscaping | synecstasy

    [...] Krisenzeiten findet ja oft ein Rückzug ins Private statt. Cocooning nennt sich das Biedermeier-Phänomen und da kommt so ein grünes Konkon gerade recht. Aber auch [...]

  8. Hamburg Mark

    Ja, bleibt es. Gerade im Winter 2010.

    Glückwunsch: Platz 3 bei Google bei dem Begriff “Cocooning”!
    ;0)

Einen Kommentar schreiben

Narrative & Innovation

Eure Kommentare

Feed
  • Petar: Für uns wirken die japanischen Spots ja immer etwas grotesk. Ob es umgekehrt wohl auch so ist?
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: @Nico. Ja klar. Bin grad zurück und hier nun die Auflösung: Audiobooks from dig2go.com http://adsoftheworld.com/me...
  • Fabian: Über die großartige Idee möchte ich gar nicht streiten, aber an der Umsetzung wurde meiner Meinung nach gespart. Lassen Sie sich nicht von...
  • Nico Düsing: Löst das noch jemand auf?
  • J. Martin: @hobbystatistiker Dein Kommentar in Youtube-Qualität — und unter Mißachtung all dessen, was Roland und ich bereits zum Thema...
  • hobbystatistiker: Allmählich ist das ein Gadget-und I-irgendwas-Blog und ihr solltet euch Gadgetblogger nennen. Statt Werbeblogger. Das Geplänkel...
  • Bastian: Erst mehr oder weniger aufwändig eine eigene Welt & Story erschaffen und dann auf der Microsite doch ganz banal auf die...
  • Georg: Guter Artikel! Ich glaube übrigens nicht, dass das Messen des RoI lediglich eine Schwierigkeit bei Social-Media ist. Schon immer gab es...
Adscene: The Kaiser Report
Werbeblogger Late Night Podcast
Werbeblogger Podcast auf iTunes abonnieren



Wordpress-Blogsoftware
blogoscoop