14:43 Uhr
Die wohl unwahrscheinlichsten “viralen Produkte” der Welt
Bei Herrn Oetting im Blog gibt’s ja die durchaus löbliche und lehrreiche Kategorie “Ansteckende Produkte”. Am Beispiel von Nudie Juice oder dem Aufstieg des Yuppie-Putzmittels “Method” wird dort erklärt, wie Produkte beschaffen sein müssen, damit sie weiterempfohlen werden. Üblicherweise geht es um einen Dreiklang aus hoher objektiver Qualität, impliziten Netzwerk-Effekten und cleverer replikativer Werbung, der sich (so die Idee) in so wunderbaren Produkten wie etwa dem Nintendo Wii oder Apples iPhone manifestiert.
Bisher nicht in dieser illustren Reihe erschienen: Das Snuggie.
Warum wohl nicht? Es glänzt immerhin durch:
- Mediokre bis miserable Produktqualität
- Zweifelhaften Einsatzzweck
- Mögliche Notwendigkeit zum Eigen- oder Fremd-Schämen,
wenn man selbst oder ein Bekannter damit erwischt wird
- Formales Fehlen jeglicher “Konversationshaken” oder Weitererzählbarkeit
- Eine Website mit 2002-Charme
Und vor allem -- bizarre Low-End-Werbespots, scheinbar ohne Mundpropagandapotenzial:
Das Ergebnis dieser Kombination?
Ein Mega-Seller mit mehr als 4 Millionen verkauften Einheiten, jeder Menge Mundpropaganda, Dauer-Witzen (und Fanbekundungen!) in Late Night Shows, ein Dauerthema um den Watercooler in Corporate America und eine komplette kultartige soziale Bewegung: Auf “Snuggie Sightings” traten rabide Fans bereits vor Monaten eine Welle los, die immer noch andauert. Nicht nur, dass sich diverse Snuggie-Träger mit Outings auf der Website übertreffen wollen -- das Ganze ist sogar ins Nightlife von Weltmetropolen übergeschwappt:
Das Ganze ist natürlich ein “viraler Unfall”, der vom Unternehmen wohl kaum in seiner jetzigen Form geplant war. Man hatte einfach Glück, dass der memetische Trigger “Einbettung ins Zeitgeschehen” perfekt auf das Snuggie passte: Während Finanzkrise und drohender Massenentlassungen wollen Menschen über sich selbst ihre zum Teil bizarren Sparversuche lachen. Da kommt eine überdrehte Idee wie das Snuggie als Fokus dieses Bedürfnisses gerade recht. Dass es dazu noch so viele Anhaltspunkte zur Selbst-Erniedrigung (im Englischen passend: “Self-deprecation”) bietet, ist ein weiterer viraler Verstärker.
Der “Schuss durch das Herz der Tontaube” ist jedoch die perfekte Nutzung von sowohl echten Fans als auch “Feinden”… und dass es für Letztere der Gipfel derVerulkung ist, sich selbst ein Snuggie zu kaufen. Mit Videos wie diesem hier wird der Kult gerade von Kritikern des Snuggie noch weiter getragen, was eher mehr als weniger Snuggies verkauft:
Zumindest ein weiteres Beispiel für einen ähnlichen Effekt gibt es aus der jüngeren Vergangenheit: Head-On, mit dem wohl ätzendsten Werbefilm aller Zeiten:
Das Produkt verkaufte sich ebenfalls sofort millionenfach und brütete zahlreiche Line-Extensions aus.
Erstaunlich dabei: Der lange Atem der trashigen “Viral-Produkte”. Wo man annehmen könnte, dass nach dem initialen Hype ein totaler Crash folgen sollte, passiert nichts derartiges. Head-On verkauft seine wirkungslose Kopfschmerztherapie immer noch in Millionen-Einheiten -- u.a. aufgrund der Produkt-Placebo-Effekte.
Fazit: Snuggie und Head-On sind Indizien dafür, dass virale Werbung alleine auch schon wirkt. Vielleicht nicht so zuverlässig und planbar wie integriertes virales Marketing mit wirklich ansteckender Produkt- und Beiziehungspflege. Aber abschreiben und im Vorhinein verdammen sollte man “aus dem Zusammenhang gerissene virale Kommunikation” auch nicht. Sie kann erstaunlich lange Hypes auslösen. So lange, dass das Wort “Hype” schon fast ad absurdum geführt wird.
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11 Kommentare
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- Alex: Diese Praxis ist tatsächlich schon sehr sehr alt und wird auch aktiv von der Bahn bekämpft – allerdings ohne Erfolg. a) Es funktioniert...
- Roland Kühl-v.Puttkamer: @klara: nicht jeder ist vermutlich so “aufgeklärt” und in der Szene wie du… Vielmehr geht es mir darum,...
- klara: wo ist der neuigkeitswert des artikels? diese praxis gibts schon so lange wie es gruppentickets gibt. habe mich selbst schon häufiger an...
- Tobias: Ich fahre öfters von Aalen mit (vier) Freunden mit dem Baden-Württemberg-Ticket nach Stuttgart – ganz legal. Einer muss den Namen vor...
- Patrick Breitenbach: Social Media als Phänomen steht im krassen Widerspruch zur klassischen Werbung. Wann kapiert das endlich mal einer? Top-Down...
- sascha: Schon schlimm genug, dass der Prenzlauer Berg von lauter Schönwetter-Hipstern mit Fixies bevölkert wird, aber sich dann auch noch...
- ralf schwartz: @Bauknechtärger Interessante Seite, kannte ich noch nicht. Nicht nur für Bauknecht treffen dort sehr unterschiedliche...
- seven: vegan ist sehr wohl eine Lösung (wenn auch nicht meine). Die durch Verzicht auf tierische Produkte auftretenden “Mangelerscheinungen...

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Am 1. April 2009 um 23:49 Uhr
[...] Quelle: werbeblogger.de/2009... [...]
Am 2. April 2009 um 11:32 Uhr
snuggisten kommen auch im deutschsprachigen raum nicht zu kurz…
.~.
Am 2. April 2009 um 11:39 Uhr
@dot tilde dot:
Vielen Dank für die Rückmeldung – hatte bislang im deutschsprachigen Raum noch nichts zum Thema gefunden…
Am 2. April 2009 um 15:29 Uhr
Wie auch immer die virale Werbung wirkt – wenn ich es dann kaufen will, sollte die Landingpage (in dem Fall Amazon Deutschland) was her machen:
amazon.de/Snuggie-Ro...
“Snuggie “Die Decke mit Armel” ist die aufregende, superweiche, dicke und luxuriose Flaushdecke mit uberdimensionale Armel. Sie konnen ganz warm sein and Ihre Heizungrechnungen billig haben (…) Sie konnen ganze bequemlich lesen, Computer nutzen, essen, mit das Baby kuscheln und die Haustiere nahe bei halten. Perfect fur Manner, Frauen, Kinder. Ideal um angenehmwarm wahrend die Aussenwettkampfe zu bleiben.”
wenn man das produkt dann immer noch kauft, war die werbung wohl gut genug :)
Am 2. April 2009 um 16:58 Uhr
@ Henning,
Ich denke mal, in Deutschland ist auch der Rest der “Kampagne” noch nicht so richtig angekommen ;).
Am 2. April 2009 um 18:08 Uhr
[...] via Werbeblogger [...]
Am 3. April 2009 um 10:21 Uhr
@ henning
so ähnliche texte habe ich dauernd in meinem spamfolder – nur dass es sich dann weniger um snuggies als um mio. banktransfers und lotteriegewinne handelt. hmmm, ob die alle die gleiche agentur haben? peter arnell…?
Am 6. April 2009 um 09:39 Uhr
“Ideal um angenehmwarm wahrend die Aussenwettkampfe zu bleiben”… ganz Groß!
Am 7. April 2009 um 15:21 Uhr
Die neue Uniform für die Nationalmannschaft im Sackhüpfen
Am 25. Februar 2010 um 15:31 Uhr
[...] dem wohl unwahrscheinlichsten „viralen Produkt“ der Welt läßt sich noch eins draufsetzen: Die Pajama [...]
Am 10. März 2010 um 20:58 Uhr
[...] ist, ist der schamlose Versuch, auf der “Viral Trash”-Welle mitzusurfen, über die Markus hier schrieb und ich hier. Andererseits, die Freizeit- und Berufsbekleidungsmode kommt und geht. Ich [...]