14:19 Uhr
Was auch Agenturen für den Journalismus tun können
Erst einmal gar nichts, könnte man meinen. Es gibt sogar eine große Zahl an Menschen, die der Meinung sind, dass Werbung der Anfang vom Ende des unabhängigen Jounalismus sei. Je mehr eine Publikation wirtschaftlich von Werbeerträgen abhinge, desto größer die potenzielle “Gefahr”, tendenziös und nicht wirklich unabhängig berichten zu können. Schließlich schlachtet man für kurzlebigen redaktionellen “Beef” doch besser nicht die Kuh, die einem nachhaltig Milch gibt, oder?
Als Tim und ich mit Karen Heumann (Vorstand Strategie bei Jung von Matt) unser letztes Gespräch führten, brachte Karen aus persönlicher Sicht und als Vielleserin von Zeitungen und Magazinen klar zum Ausdruck, dass sie die bedrohliche Entwicklung der Medienbranche mit Sorge erfülle und sich durchaus bewusst sei, dass auch Agenturen einen Beitrag dazu leisten können, qualitativ hochwertigen Publikationen mittelbar mit Werbung ihrer Agenturkunden zu unterstützen – oder eben auch nicht.
Gerade die Markenkommunikation sucht ein qualitativ hochwertiges redaktionelles bzw. inhaltliches Umfeld, in welchem die eigene Werbung platziert werden kann. Oder umgekehrt: Viele Marken scheuen sich bekanntlich nach wie vor, z.B. auf Social-Networks oder auch Youtube Werbung zu schalten, weil das inhaltliche Umfeld nicht klar konturiert ist. Neben hochwertigen Videoproduktionen und echten Perlen findet sich eben auch eine große Zahl an wenig ansprechendem Videomaterial bis hin zu geschmacklosen Veröffentlichungen, in deren Umfeld eine Marke nun einmal nicht werben wird.
Guter Journalismus bzw. gute Inhalte, egal ob online oder offline, müssen aber entwickelt und bezahlt werden und es sieht im Moment durchaus nicht so aus, dass der Verbraucher tendenziell bereit wäre, in Zukunft mehr für bezahlte Inhalte auszugeben. Ganz besonders gilt dies für das journalistische Web-Umfeld bzw. für die Verlage und Media-Agenturen, die den Nutzen von Werbung durch Massenstrategien, Banner-Overkill, Wild-West-Marketing und lange Zeit durch völlig falsche Messmodelle selbst entwertet haben.
Das aktuell schwierige wirtschaftliche Umfeld könnte gar viele Medienschaffende und Agenturen dazu bringen und stellenweise auch dazu zwingen, die Preise für Werbung und ihre Entwicklung noch weiter nach unten anzupassen. Das Ergebnis ist voraussehbar: noch mehr Bannerflut auf Webseiten, noch mehr Durchschnitt, noch mehr Masse statt Klasse, noch mehr Page-Impression-optimierte Klickstrecken, noch mehr lieblos dargebotener Anzeigenanteil in Print-Publikationen, noch mehr werbemüde Verbraucher, noch größere Streuverluste, noch geringere Effizienz.
Viele Journalisten sind frustriert. Wenn Festanstellungen aufgelöst und Inhalt nur noch nach der Anzahl niedergeschriebener Worte oder Buchstaben bezahlt wird, wenn es keine emotionale Bindung der Schreiber mehr an ihre Publikationsmarke gibt, wenn der Wert der eigenen Arbeit nicht mehr anerkannt wird, dann ist höchster Alarmzustand angesagt, DEFCON 1, sozusagen. In einer Gesprächsrunde schnappte ich kürzlich eine Idee eines Journalisten auf, der mit anderen Kollegen über einen “Journalistenselbstverlag” im Web nachdenkt und gezielt Kollegen in den erodierenden Redaktionen anspricht…
Egal, welche alternativen Publikationsformen und Wege sich noch eröffnen werden; Qualität muss bezahlt werden. Wir als Leser, Verbraucher und Konsumenten kommen an der Frage nicht vorbei, was es für uns und die “vierte Gewalt” wirklich bedeutet, wenn Journalismus in seiner wertvollen Form zunehmend nicht mehr stattfinden kann, bei aller berechtigter Kritik an den auch existierenden Dünnbrettbohrern und Trittbrettfahrern der Branche. Wenn wir gleichermaßen unwillig sind, für Inhalte zu bezahlen, zugleich aber auch fundamental die Werbung kritisieren, mit der u.a. nun einmal zur Zeit auch noch der Journalismus finanziert wird, dann verlieren wir strukturell einen wichtigen Teil des öffentlichen Meinungsbildes.
Neben dem Bewusstsein und Verständnis auf Verbraucherseite wird es allerdings auch dringend Zeit für eine breite Qualitätsoffensive der Inhalteproduzenten, Werbewirtschaft und auch der Markeninhaber. Hardselling, Abverkaufsstrategien und Abwrackprämien allenthalben oder auch Werbekommunikation ohne spürbaren Bezug zum Markenkern ist austauschbar, beliebig und nicht effektiv, die weder durch eine Erhöhung der Media-Spendings bzw. billige Werbeplätze ausgeglichen werden kann. Es kommt “unten” nicht automatisch mehr “Kunde” heraus, nur weil “oben” in den großen Werbetrichter immer mehr hineingefüllt wird.
Auch wenn viele Werbetreibende nach diesem Masse-Prinzip handeln, richtiger und vor allem effizienter wird es dadurch nicht – schon gar nicht im “Print”, wobei ich es gleich deutlich dazu sage: “Print” ist für mich das geschriebene Wort, egal ob auf gedruckten oder digital publizierten Schrifterzeugnissen; genauso, wie die “newspaper” vermutlich noch “newspaper” heißen wird, auch wenn sie gar nicht mehr auf Papier gedruckt wird.
Das lange funktionierende Zusammenspiel zwischen Journalismus, Werbung und Leserschaft ist äußerst instabil, einseitige Beschuldigungen an der Misere aus der einen oder anderen Richtung an der Tagesordnung. Was als Hoffnung bleibt, sind Initiativen, die aus den festgefahrenen Grabenkämpfen in der Mediendebatte eine offene Qualitätsdiskussion ableiten, bei der auch der Leser erkennt, dass es Qualität grundsätzlich nun einmal nicht dauerhaft zum Nulltarif geben kann, egal ob online oder offline.
Allerdings werden sich zugleich die Verlage und auch die Werbewirtschaft genau überprüfen müssen, wo sie -am Ende zu Lasten des Verbrauchers bzw. der Preise- nicht mehr das abliefern, was man als Wert bezeichnen kann, den der Verbraucher auch durch einen wirtschaftlichen Beitrag (an-)erkennt.
10 Kommentare
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- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...
- Ralf Hillmann: Da kann ich nur sagen, die Bezeichnung Video-Perle passt einfach perfekt. Da soll noch einmal jemand behaupten Werbung habe nichts...
- ralf schwartz: @Gerry K. Ich selbst rege mich immer am meisten über irgendwelche Tricks der Agenturen und Werbungtreibenden auf, aber die Angabe...

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Am 25. März 2009 um 11:59 Uhr
da kann ich nur aus einem adage-artikel zitieren (auf den du dich ja vielleicht auch ua beziehst?):
“The audience doesn’t imagine that all cars want to be free, or that all toasters want to be free, or that all paper towels want to be free, but it somehow believes that all content wants to be free. That’s an indefensible ethic, but moral high ground doesn’t repay the creditors.” adage.com/article?ar...
karen heumann in ehren. toll, dass jemand noch für news bezahlt, ich kann mich nämlich nicht erinnern, wann ich die letzte TAZ oder süddeutsche BEZAHLT hätte. da müssen gerade wir online afficionados uns auch an die eigene nase fassen.
trotzdem: was ist denn “quality content”? spiegel (online)?? diese BILDzeitung für “intellektuelle” mit ihren marktschreierischen headlines. oder die dröge ZEIT mit ihren so offensichtlich komplexitätsreduzierten artikeln (da könnte man fast schon sagen: “und immer an den leser denken…”)?
oder doch eher sowas wie vice mag etc. was man ja so ohne weiteres online (noch) gar nicht abgebildet bekommt – und was noch dazu FREE ist, bezahlt via advertising;) – womit sich der kreis schliesst.
Am 25. März 2009 um 12:12 Uhr
@Brothel Pianist: Stimme dir zu. “Quality Content” ist nicht einfach zu identifizieren und vor allem nicht für alle Menschen gleich. Wenn es um Journalismus geht, gibt es aber doch einige Kriterien, die zumindest Grundvoraussetzung für “Qualität” darstellen.
Dieses Thema würde aber zumindest diesen Kommentarstrang sprengen. Grund genug aber auch, ihm demnächst einen eigenen Beitrag zu widmen…
Am 25. März 2009 um 13:31 Uhr
@Roland ich frage mich ernsthaft, ob die DIY-kultur inzwischen in vielen wissensarbeiterbereichen dieses klassische qualitätsprinzip nicht längst überholt hat. ist es vielleicht nicht eher “handwerk” was du meinst? interessanterweise stellen ja zB viele autoren (und ausgebildete journalisten auch) immer wieder fest, dass ihre texte vor einem echten lektor (mithin einem handwerker) in punkto Deutsch nicht bestehen können. umgekehrt versteht man diese texte, auch wenn sie nicht durch die “approved by german lectioneering”;)-mühle gelaufen sind, dennoch oft ganz prima.
um bei der literatur zu bleiben: ist jetzt pynchon qualität, oder nur conspiracy theory getriebene wirrkopfhaftigkeit? handwerk ist sicher eine menge dabei, aber das scheint total selbstgebastelt. aber ok, in der literatur und kunst ist das ja anerkanntermassen eh längst kein kriterium mehr.
kurzum, vielleicht gibt es noch ein paar journalistische recherchestandards, die man einhalten sollte (handwerk), und natürlich ein einigermaßen verständliches deutsch (im journalismusumfeld) – und dann?
Am 25. März 2009 um 14:41 Uhr
@Brothel Pianist Ganz im Gegenteil: Pynchon hatte das Glück, von Anfang an absolute Top-Leute als Lektoren/Editors zu haben, allen voran Corlies Smith — mit Smith und Faith Sale für V., Smith und Edwin Kennebeck als line-by-line-Editor für Gravity’s Rainbow, Ray Roberts für Vineland, etc. pp. Und auch wenn die Meinungen der Menschen über Pynchons Werke oft heftig divergieren, gehört Pynchons Englisch zum stilistisch besten, interessantesten und innovativsten, was in den vergangenen 50 Jahren auf den Literaturmarkt kam. Und seine hart arbeitenden Lektorinnen und Lektoren hatten daran keinen unerheblichen Anteil.
Insofern verstehe ich zwar Dein allgemeines Argument, aber Deine spezielle Unterfütterung mit dem Beispiel Thomas Pynchon stellt mich vor ein mehrfaches Rätsel.
Am 25. März 2009 um 17:26 Uhr
@j. martin mag sein, steht ja in jeder sekundärliteratur zu pychon. deshalb ja auch in frageform. es ist dennoch imho nach wie vor ziemlich wirrköpfig-genialisch und erscheint dem nicht-muttersprachler (hab pynchon auf englisch und deutsch gelesen) mitunter ebenso rätselhaft wie joyce oder dos passos. wahrscheinlich war das literaturbeispiel sowieso ungünstig gewählt, da spielt, wie gesagt, “qualität” in von roland gemeintem sinne eh keine rolle (wenn! roland das so gemeint hat;).
vergessen wir also einfach den großen P, diesen irgendwie peeperkornschen seelenverwandten, und belassen es beim allgemeinem argument
Am 25. März 2009 um 17:27 Uhr
Nachtrag: und so manchen muttersprachler übrigens auch;-)
Am 25. März 2009 um 17:36 Uhr
@Brothel Pianist Ich verstehe es immer noch nicht. Wenn Pynchons aufwendige Lektoratsprozesse in jeder Sekundärliteratur stehen, warum benutzt Du Pynchon dann als Beispiel für unlektorierte Veröffentlichungen?
Am 25. März 2009 um 23:44 Uhr
echt, immmmer noch nicht verstanden? ok, dann noch mal ganz einfach: weil es sich so liest!
Am 25. März 2009 um 23:47 Uhr
Na endlich :-)
Am 30. März 2009 um 00:08 Uhr
[...] Was auch Agenturen für den Journalismus tun können Gespeichert unter: Artikel am 30. März 2009 um 00:07 Uhr [...]