24.03.09
17:46 Uhr

Advertisin’ Like It’s 1984!

Trashcans
“These chemicals won’t be used in a bomb because a neighbor reported the dumped containers.”

CCTV Cameras
“A bomb won’t go off here because weeks before a shopper reported someone studying the CCTV cameras.”

Die Print-Elemente aus der aktuellen “Counter Terrorism”-Kampagne für die London Metropolitan Police, von Miles Calcraft Briginshaw Duffy, London. Im Begleittext auf der Website der London Metropolitan Police dazu heißt es:

Don’t rely on others. If you supect it report it.

Londoners are being asked to trust their instincts and report suspicious behaviour to help combat terrorist activity.

Just one piece of information could be vital in helping disrupt terrorist planning and, in turn, save lives.

This national publicity campaign across England and Wales raises awareness of the Anti-Terrorist Hotline and gives the public examples of suspicious activity and behaviour. The public are encouraged to trust their instincts and report anything confidentially to the Anti-Terrorist Hotline, where specialist officers will take their call.

This campaign utilises London specific media: radio and press, posters at tube and rail stations.

Aber das ist noch nicht alles. Die Kampagne soll schließlich auch die letzten Ecken und Winkel von George Orwells Airstrip One erreichen, einschließlich der “minority communities”:

As part of the national campaign there will also be national press and national commercial radio advertising, large outdoor posters and advertising on the rears of buses. To ensure the campaign reaches minority communities, there will also be advertising in minority media press titles.

Press advertising will appear in national newspapers and on main commercial radio stations. In London, this includes the Evening Standard, Magic, Heart, Total LBC, Smooth and Capital FM.

The press ads seek to raise awareness of some of the items/activities which may be needed by, or be of use to, terrorists. It asks the public to consider whether they have seen any activity connected with them which may have made them suspicious.

Radio advertising has been devised to complement the press ads and reiterates how any piece of information could prove vital and asking the public to call the confidential Anti-Terrorist Hotline on 0800 789 321.

Gefunden, wie fast alles über dieses Thema, via Cory Doctorow auf Boing Boing oder Craphound.

Kürzliche Geschehnisse und Verordnungen in England wie dies oder diese gehören dabei durchaus zum Kampagnen-Kontext. Interessant ist auch, wie nicht nur Aktivisten auffällt, daß hier durch die Hintertür die mittlerweile offenbare und faktisch verbriefundsiegelte Nutzlosigkeit der flächendeckenden Kameraüberwachung in Großbritannien zur Verbrechensverhütung und -bekämpfung mit einem Kunstgriff schöngeworben wird: Überwachungskameras sind gut, weil es auffällt, wenn jemand sie sich genauer ansieht. Noch nicht ganz Doublespeak, aber schon durchaus in die Richtung.

Auch hier wäre sicher eine Ethikdiskussion angebracht, nicht unähnlich der, die hier in den Kommentaren zur Forum Nucleair-Kampagne läuft — an der ich mich selbst allerdings nicht weiter beteilige, weil es meiner Ansicht nach nichts mehr zu diskutieren gibt, wenn einmal die Nazivergleiche auf dem Tisch sind.

Um Cory Doctorow zur Kampagne der London Metropolitan Police zu zitieren:

It’s hard to imagine a worse, more socially corrosive campaign. Telling people to rummage in one another’s trash and report on anything they don’t understand is a recipe for flooding the police with bad reports from ignorant people who end up bringing down anti-terror cops on their neighbors who keep tropical fish, paint in oils, are amateur chemists, or who just do something outside of the narrow experience of the least adventurous person on their street. Essentially, this redefines “suspicious” as anything outside of the direct experience of the most frightened, ignorant and foolish people in any neighborhood.

Even worse, though, is the idea that you should report your neighbors to the police for looking at the creepy surveillance technology around them. This is the first step in making it illegal to debate whether the surveillance state is a good or bad thing. It’s the extension of the ridiculous airport rule that prohibits discussing the security measures [...], conflating it with “making jokes about bombs.”

Das ist aber noch nicht alles. Denn wartet! Da ist noch mehr! Vorletztes Jahr brillierte Miles Calcraft Briginshaw Duffy nämlich im Rahmen einer „Überwachung-ist-toll!“-Kampagne noch mit dieser hundertprozentig themenkongruenten Plakatwerbung in London:
Watchful Eyes
“Secure Beneath the Watchful Eyes”

Würde eine Agentur beauftragt, Scheinwerbung für Orwells 1984-Staat zu entwerfen, würden die Ergebnisse von diesen echten Plakaten wahrscheinlich kaum zu unterscheiden sein.

Ich finde es beängstigend, wie hier und jetzt in Europa im 21. Jahrhundert der Welt älteste Demokratie im modernen Sinne und George Orwells Airstrip One sich für das betrachtende Auge verhalten wie eine Duck-Rabbit-Illusion.

Keine Tags vorhanden

4 Kommentare

  1. Denunziation - the easy way! bei Metronaut.de - Big Berlin Bullshit Blog

    [...] Mehr zum Thema bei Werbeblogger.de [...]

  2. Six

    Ich hab da gemischte Gefühle. Einerseits hat London ein reales Terrorproblem und der Aufruf zur Wachsamkeit, zur Mithilfe des Volkes wäre berechtigt. Andererseits gibt es die Orwell-Assoziation, die befürchtete totale Überwachung, in der der hilfreiche Bürger zum Instrument ebendieser wird. Und dann gibt es den Missbrauch der Staatsgewalt (Guantanamo, unschuldig Gefangen und Gefolterte), der einen sehr wohl zögern lässt hier aktiv zu werden. Aber dieses Thema hat für Deutsche oder Österreicher wahrscheinlich einen ganz anderen Stellenwert als für Briten.

  3. Ferrero Kinderschokolade, oder: Kann gute Werbung schlechte PR auffangen? | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Ferrero Kinderschokolade, oder: Kann gute Werbung schlechte PR auffangen?

    [...] auch eine Frage der Ethik; eine Frage, die wir auf dem Werbeblogger in letzter Zeit in mehreren Beiträgen und Kommentarsträngen [...]

  4. between drafts | The Latest in "Loose Lips Sink Ships"---Now With More Twitter, Facebook, and Foursquare!

    [...] the neo-Orwellian tendencies in contemporary Britain; check out, e. g., my Werbeblogger post Advertisin’ Like It’s 1984! (commentary’s in German, but all the sources and quotes are in English so you’ll get the [...]

Einen Kommentar schreiben

Eure Kommentare

Feed
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
  • Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
  • Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
  • InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...
  • Ralf Hillmann: Da kann ich nur sagen, die Bezeichnung Video-Perle passt einfach perfekt. Da soll noch einmal jemand behaupten Werbung habe nichts...
  • ralf schwartz: @Gerry K. Ich selbst rege mich immer am meisten über irgendwelche Tricks der Agenturen und Werbungtreibenden auf, aber die Angabe...
  • Brian: Der Titel ist genial. Danke :).
Adscene: The Kaiser Report
Werbeblogger Late Night Podcast
Werbeblogger Podcast auf iTunes abonnieren



Wordpress-Blogsoftware
blogoscoop