12:45 Uhr
The Guardian und die Open Platform
Vielleicht muß ich meine ursprüngliche Ansicht, daß Magazine zur Zeit gefährdeter sind als Zeitungen, doch revidieren. In dem von 24/7 Wall St. syndizierten Artikel “The 10 Most Endangered Newspapers in America” (ursprünglich erschienen unter dem Titel “The Ten Major Newspapers That Will Fold Or Go Digital Next”) in Time Magazine heißt es:
Based on this analysis, it’s possible that 8 of the nation’s 50 largest daily newspapers could cease publication in the next 18 months.
Für den San Francisco Chronicle beispielsweise hat Hearst bereits angekündigt, die Print-Ausgabe einzustellen, wenn die Kosten nicht in Kürze unter Kontrolle zu bringen sind (die Zeitung machte letztes Jahr einen Verlust von 70 Millionen Dollar).
Im Time Magazine-Artikel “How to Save Your Newspaper” vor ein paar Wochen schrieb Walter Isaacson über die Zeitungskrise als eine Krise von “meltdown proportions”, die es vorstellbar mache, daß einige große Städte in naher Zukunft keine gedruckte Tageszeitung mehr haben.
Dies aber stehe in krassem Gegensatz zur Popularität:
There is, however, a striking and somewhat odd fact about this crisis. Newspapers have more readers than ever. Their content, as well as that of newsmagazines and other producers of traditional journalism, is more popular than ever—even (in fact, especially) among young people.
Ich hätte gerne die Zahlen gesehen, auf die Isaacson sich bezieht, aber unabhängig davon ist das Hauptproblem zweifelsohne das Geschäftsmodell. Nicht der Verkauf von Nachrichten, sondern das Anzeigengeschäft soll Geld einfahren, was aber wegen der sinkenden Anzeigenpreise nicht, oder nicht mehr, funktioniert. Naheliegende Lösungen, die immer wieder zur Sprache kommen, sind Abo-Modelle oder, wie auch von Isaacson vorgeschlagen, “an iTunes-easy method of micropayment”, entweder für Nachrichten oder für Meinungsartikel oder beides.
Das klingt sicher alles sehr vernünftig, kommt mir aber vor wie der Versuch, die Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken.
Wie läßt sich auf diesem Hintergrund der Schritt des britischen The Guardian beurteilen (Dank an @michaelgross), seinen kompletten Inhalt in einer Open Platform zur Verfügung zu stellen? Im Artikel “Guardian launches Open Platform tool to make online content available free” heißt es:
The Guardian today launched Open Platform, a service that will allow partners to reuse guardian.co.uk content and data for free and weave it “into the fabric of the internet”.
Open Platform launched with two separate content-sharing services, which will allow users to build their own applications in return for carrying Guardian advertising. [...}
Emily Bell, the Guardian News & Media director of digital content, described Open Platform as a “new chapter in our history and a new foundation for the future of our journalism”.
Dazu macht der Guardian auch seine Datensammlungen und Statistiken öffentlich und verwertbar zugänglich. Allein das macht schon schwindelig. Und das Business-Modell?
The Guardian is positioning its Open Platform as a commercial venture, requiring partners to carry its advertising as part of its terms and conditions [...]
Wird dieses Modell sich als trägfähig erweisen? Ich weiß es nicht. Aber es ist ein mutiger Versuch. Der britische Parlamentarier Tom Watson, zur Zeit Parliamentary Secretary im Cabinet Office, schreibt dazu in seinem Blog:
I’m not bowled over much these days. But Guardian Open Platform is a chasmic leap into the future. It is a work of simplistic beauty that I’m sure will have a dramatic impact in the news market. The Guardian is already a market leader in the online space but Open Platform is revolutionary. It makes all of their major competitors look timid.
Ich bin geneigt, Watson recht zu geben. Oder besser: Ich würde mir wünschen, daß er recht hat. Denn vergessen werden darf nicht, daß auch dieses Modell letztendlich vom Anzeigengeschäft abhängig ist. Um auch meinen eigenen Enthusiasmus für die Open Platform des Guardian hier etwas zu zügeln und um einen kleinen Dämpfer mit auf den Weg zu geben, hier noch ein phantastisches, William-Gibson-würdiges Zitat von Mandy Brown, das ich bei Gruber fand:
Any economy which charges ever less for ever more intrusive ads will eventually be successful not in creating wealth but in driving the readers away, until the only ones left to heed the ads are all the other ads, the cell phones searching in vain for a target market among the cellulite.
So sähe in etwa die dunkle Seite aus. Kann Open Platform die Zukunft sein? Ist das der Durchbruch, der Zeitungs- und Anzeigengeschäft nachhaltig verändern wird, oder ist dies bloß ein weiterer Sturm im Wasserglas?
4 Kommentare
Einen Kommentar schreiben
- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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