04.03.09
11:38 Uhr

Cisco “The Realm” — Die Superluft (snarky)

Cisco The Realm
Cisco: The Realm

Für das Sortiment der Sicherheitsprodukte hat Cisco eine Graphic Novel in vier Episoden fürs Web produziert. Die erste ist gerade erschienen, unter dem Titel “Déjà vu”. Umgesetzt wurde das von Your Majesty für Ogilvy, mit Artwork von Mike Mayhew.

Ein Wort zunächst zum Konzept und zur Umsetzung. Die Episodenform ist zur Zeit ja wieder „in“, und einige Projekte finde ich auch durchaus interessant, wie zum Beispiel Sony-Ericssons Who is Johnny X für das Xperia X1 (mehr dazu bei °flo auf madvertising). Bei gut geplantem Spannungsbogen und gewecktem Interesse kann das Konzept, Menschen durch das Aufteilen von Geschichten in Episoden zur Wiederkehr zu bewegen, auch im Web aufgehen, keine Frage.

Aber schon die gewählte Medienmischung hier ist seltsam. Es setzt Flash auf statische Bilderwelten an und beraubt es dadurch seiner wesentlichen Eigenschaften, nämlich Dynamik und Interaktivität. Die Dynamik muß dann durch die Hintertür wieder hereingelassen werden, indem Bewegung simuliert wird mit Panning und wechselndem Fokus. Das will schon in den vorbereitenden Sequenzen nicht so richtig funktionieren. Nach Kräften dilettantisch wird und wirkt es aber spätestens dann, wenn die nachfolgenden Actionszenen mit den Äquivalenten ruckartiger Kamerabewegungen, wüster Schnitte und Extreme Close Ups simuliert werden wie einst die “Martial-Arts”-Sequenzen in den späten Filmen des alternden Steven Seagal.

Nun zum Inhalt.

Welcome to the Digital Era on Earth. In this new era, there exists a new class of criminals. To stop them, a select group of Cisco engineers have been appointed to develop a state-of-the-art security force.

Diese “Security Force” besteht aus drei Superhelden und einer Superheldin mit den Namen Defender Trace, Defender Wall, Defender Vixa und Defender Jux. (I’m not making this up.) Der Soundtrack ist ein Neo-Morricone-Loop in Untergröße, “The Realm” eine Art New Port City light, die Botnet-Bots Matrix-Sentinels mit Fransen. Und die vier Superhelden wurden offenbar gecastet nach Boygroup- oder Girlgroup-Vorbild. Zu erwähnen wäre auch, daß die Bedeutung von “Déjà vu” offenbar nicht ganz verstanden wurde — außer natürlich dann, wenn es als sprachliches Easter Egg gemeint war für den diskreten Hinweis, daß hier alles, was nicht gnadenlos generisch ist, wiedererkennbar abgekupfert wurde.

Meh.

Nein, stop. Da ist noch das Voiceover und die Dialoge. Die sind so unterirdisch, daß es an Realsatire grenzt. Das fällt nicht mehr unter “meh”, das ist aktiv debil.

Artwork, wie gesagt, ist von Mike Mayhew. Mayhew ist in erster Linie Cover Artist, der viele nette Sachen gemacht hat, auch für Marvel und DC. Artist. Hmmm … wir ahnen schon, da fehlte was? Zum Beispiel eine Person, die eine Geschichte dazu schrieb?

Und Charaktere. Nach der ersten Episode bin ich nicht einmal sicher, ob “The Realm” wenigstens einen Plot hat — eine Geschichte jedenfalls hat es nicht. Wie sollte auch, wenn niemand engagiert wurde, um sie zu schreiben! Das Schreiben von Graphic Novel Scripts hat seine eigenen technischen Herausforderungen, die genauso gelernt sein wollen wie beispielsweise jene für das Schreiben von Drehbüchern für Filme oder Spiele. Das läßt sich nicht mal eben aus den Ärmeln von Werbemenschen schütteln. Und daß für diesen Job ein ausgesprochener Cover Artist gewählt wurde, ist bezeichnend auch noch aus einer anderen Perspektive: Menschen, die für Verlage wie DC, Marvel oder Dark Horse schwerpunktmäßig Storys zeichnen, hätten sich ohne eine Skriptkollegin oder einen Skriptkollegen aus Gründen des guten Rufs wahrscheinlich gar nicht dafür engagieren lassen.

Wenn nun statt auf das Erzählen von Geschichten Wert gelegt wird aufs visuelle Protzen, wäre das theoretisch ja noch irgendwo in Ordnung. Bloß: auch Mayhews Artwork reißt mich nicht vom Hocker. Kein Wunder: Ohne Story, ohne Inspiration und ohne Charaktere kann der visuelle Ansatz nur technisch sauber und optisch bieder bleiben.

Tja. Eine schwache Umsetzung, die wie eine Countryfritte um ein Stück heiße Superluft gewickelt wurde. Da finde ich Ciscos leibhaftige IT-Superheldinnen und -Superhelden überzeugender und interessanter.

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2 Kommentare

  1. Six

    Das Ding sieht aus wie ein visualisierter Grundschulaufsatz.

    Aber mal davon abgesehen. Funktionieren solche Projekte überhaupt jemals? Setzen sich Zielgruppen über Comics oder Episodenfilme mit Produkten auseinander? Gibts da auch positive Beispiele?

  2. J. Martin

    @Six LOL! Deinen Kommentar sehe ich ja erst jetzt, sorry.

    Genau.

    An positiven Beispielen fällt mir nur Lurchis Abenteuer ein.

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Eure Kommentare

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  • Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
  • Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
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