14:29 Uhr
Die Fünfte Wand: Das Recht auf Welt und Weißraum

“Graffiti and your next stop could be jail.” Anti-Graffiti-Werbung für die Transperth Bus Company, Perth, Australien, von Cooch Creative.
When a man throws an empty cigarette package from an automobile, he is liable to a fine of $50. When a man throws a billboard across a view, he is richly rewarded. (Pat Brown, 32nd Governor of California, 1959–1967. Zitiert nach David Ogilvy, Ogilvy on Advertising. New York: Vintage, 1985. 213–14.)
Diese Anti-Graffiti-Werbung ist, natürlich, auch ein Plakat. Der Zusammenhang zwischen Graffiti und Plakatwerbung ist zunächst vielleicht nicht offensichtlich. Beides geschieht im öffentlichen Raum und konfrontiert Menschen mit einer visuell aufbereiteten Botschaft. „Konfrontiert“ ist in diesem Zusammenhang vielleicht sogar zu schwach: Der Begriff „aufzwingen“ liegt nahe. Werbung und Graffiti auszublenden will gelernt sein, und vor allem Werbung sucht an diesen Abschirmungen vorbei nach immer neuen Wegen zum Bewußtsein.
Der Kunst-versus-Knast-Kampf um Graffiti, in den Spätsiebzigern eingeläutet, tobt seit Mitte der Achtziger Jahre richtig. Der Kampf um Billboards und andere weltverdeckende und/oder verkehrsgefährdende Werbung tobt schon etwas länger, nämlich seit den Fünfzigern. In Westeuropa wurden viele Exzesse im Laufe der Jahre legislativ unterbunden. In Spanien beispielsweise wurde Billboard-Werbung in Landschaften Ende der Achtziger praktisch vollständig verboten — mit Ausnahme des Toro de Osborne, der durch fortschreitende Gesetzgebung hinsichtlich Mindestabstand zu Straßen nicht nur immer größer geworden war (14 Meter!), sondern als spanisches Kulturgut empfunden wurde. Danach mutierte der nun werbeaufschriftlose und vollständig schwarze Stier auch mehr und mehr von einem kulturellen zu einem politischen Symbol. Die Erfolge in Amerika im Kampf gegen metastasierende Werbung sind dagegen eher bescheiden: im Eintrag zu Supergraphics! findet sich dazu die eine oder andere Quelle.
Meine persönliche Haltung zu Graffiti ist gespalten. Zwei Faktoren spielen hierbei eine Rolle: Der Kontext und die Aufwandshöhe. Mit „Kontext“ meine ich, daß mir Graffiti auf den Betonwänden trister Industrieanlagen willkommen sind, auf weißgekalkten Wänden adretter Einfamilienhäuser nicht — weder als künstlerische noch als kulturpolitische Kommunikation. Dies hat nicht nur mit Ästhetik zu tun. Es gibt Untersuchungen, die nahelegen, daß eine aufgeräumte Lebensumgebung konstruktives Verhalten eher fördert und eine unordentliche eher nicht. Wie ich persönlich es empfinde: Auf Wohnhäusern trägt Graffiti zur allgemeinen Entropie bei, in industriellen Betonwüsten wirkt sie ihr entgegen. Das ist natürlich diskutabel. Aber mit “Graffiti”, und hier kommt der Faktor Aufwandshöhe ins Spiel, meine ich gewiß nicht die sogenannten “Tags”, die die Weißräume ebenso wie die Grauräume unserer Städte flächendeckend als optische Pinkelmarken befüllen.
Meine persönliche Haltung zu Werbeplakaten ist ebenfalls gespalten. Natürlich habe auch ich schon für Werbeplakataktionen verantwortlich gezeichnet. Nicht nur kommerziell: Da war zum Beispiel eine 1997er Plakataktion, die ich im Rahmen des damals noch erfolgreichen “Lucky Strike” für den AStA der Düsseldorfer Uni (in freier Mitarbeit) gegen die Einführung von Studiengebühren durchführte. Aber auch als politischer oder kommerzieller Werber habe ich Probleme damit, wenn jeder erdenkliche landschaftliche und urbane Weißraum vom Billboard bis zum Klopapier mit Werbebotschaften bedeckt wird. Nicht zu reden von Glückskeksen als Nano-Billboards. Ähnlich wie Graffiti kann Werbung zur Entropie beitragen oder nicht, und im Rahmen der oben angesprochenen Verhaltensprognosen wäre ein Übermaß von Werbung ebenso fähig, destruktives Verhalten zu fördern, wie Graffiti. Clutter ist Clutter, Wirrwarr ist Wirrwarr.
Ein interessantes Konzept finde ich das sogenannte “Reverse Graffiti”, wenn Wandgemälde nicht durch Auftragen von Farbe, sondern durch Entfernen von Schmutz entstehen:
Ich frage mich, ob sich für Plakatwerbung nicht Konzepte entwickeln ließen, die in eine ähnliche Richtung gehen? Eine Idee, wie so etwas aussehen könnte, findet sich in dieser mit Cutouts realisierten Werbung von JWT India für die Farben der indischen Firma Berger:
Eine weitere Idee in dieser Richtung wäre diese vom Pop_Down Project:
The Pop_Down Project aims at symbolically restoring everyone’s right to non-exposure: Just stick a “Close window” button on any public space pollution.
Pseudograffitigefüllte Wände wären analog dazu aber nicht Fenster, sondern Browser — was die Sache schwierig macht. (Obwohl es ja tatsächlich Menschen geben soll, die ihren Browser schließen.) Hier könnte eine andere Art von Stickern helfen, wie diese vom London College of Communication, eine Werbeaktion für die Art School:
Aber wie auch immer.
An eines sollten wir als Werbemenschen beim öffentlichen Kommunizieren immer denken: Wie und wo ich eine Botschaft plaziere, ist immer und automatisch Teil der Botschaft.
6 Kommentare
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- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 24. Februar 2009 um 17:10 Uhr
In Wien wurde die ganze Stadt mit Plakaten zuplakatiert, auf denen geschrieben steht “Plakatieren verboten”.
Wie “kreativ” denkt sich augenverdrehend der Kunstversteher. Aber nein, das ist ernst gemeint, weiß der Einheimische.
Am 24. Februar 2009 um 17:31 Uhr
aah da: optische Pinkelmarken. Seitdem frage ich mich, warum Hunde so fraglich legal den Raum vollkacken während sprayer sich auf Leinwände zurückziehen müssen. Ich würde Tags auf meiner Brille (egal welche) akzeptieren, müsste ich nicht täglich zwangsweise zehn Mal TierShice sehen.
Am 24. Februar 2009 um 20:30 Uhr
[...] via Werbeblogger [...]
Am 25. Februar 2009 um 15:28 Uhr
Ach, die Deutsche Bahn klebt doch schon Registrierungs-Sticker mit Datum und Uhrzeit über Panels auf ihren eigenen Bahnen. Und DAS sieht bescheuert aus. Zudem schreckt es natürlich nicht ab. So ein Quatsch. Ich finde besonders die Idee aus Perth amüsant, aber vollkommen wirkungslos. Wer würde schon die Ordnungshüter rufen, wenn Sturmhauben-tragende Jungs durch den Wagon fegen? ;D
Paradox ist es zudem. “Werbung” mit Werbung bekämpfen…
Am 17. April 2009 um 10:26 Uhr
[...] für selbstverständlich, daß wachstumshormonbehandelte Logos auch den letzten Fetzen Frei- und Weißraum okkupieren. Auf der anderen Seite wird unsere Fähigkeit des Ausblendens ebenfalls zunehmend [...]
Am 4. Dezember 2009 um 15:39 Uhr
[...] zur werblichen Befüllung auch der letzten freien Fläche? Mach Platz! Initiativen zur Erhaltung von Welt und Weißraum? So 2009! Der Rest der Welt und speziell Amerika zieht nach: Werbung auf Aufzugstüren und [...]