19.02.09
10:22 Uhr

Wann ist ein Blog ein Blog?

{lang: 'de'}

Üblicherweise keilen sich ja klassische Medien und Online-Medien, ein Thema, worüber wir immer wieder gern und sogar in Stereo berichteten — sei es „riw“ (hier und hier), Holger Jung (hier und hier), Andrew Keen (hier und hier) oder Ulrich Strauß (nur hier in Mono). Die Ausführlichkeit unserer Berichterstattung eklärt sich aber nicht nur allein aus den jeweiligen Neuigkeits- und Adrenalinwerten. Sie war auch besonders dadurch motiviert, daß wir in diesen Debatten keinen Nutzwert sehen. Im Gegenteil: Wir finden, daß es höchste Zeit ist, Klassik und Online miteinander bekannt und vertraut zu machen. Zum Zweck der gegenseitigen Befruchtung und zu unser aller Nutzen. Um so bestürzender ist es, wenn plötzlich Online und Online damit beginnen, einen medialen Grabenkrieg zu führen.

Respectfully, I’m floored that this discussion is taking place at all in 2009

Seit letztem Freitag stand Richard MacManus, der Gründer und Redakteur von ReadWriteWeb, mit einer Reihe von Wikipedia-Administratoren über das Blacklisting von ReadWriteWeb auf der englischen Wikipedia im Ring. Verwirrend an dem Blacklisting war zum Beispiel, daß RWW das einzige Technologie-Blog ist, dessen Zitieren auf Wikipedia verhindert wurde. Verwirrend ist auch, daß einige der Verantwortlichen offenbar denken, RWW müsse mit Wikipedia-Linkspam die eigene Webpräsenz aufbrezelen — ein Gedanke, der mir für eine Website, die sich unter den ersten 20 Most Popular Blogs befindet, die bei der “Technology”-Seite der New York Times syndiziert ist und eine zeitungs- bzw. magazinähnliche redaktionelle Struktur aufweist, nicht gerade einleuchtet. Insbesondere auch darum nicht, weil das Linkspam-Argument für alle anderen Most Popular Blogs ja ebenfalls gelten müßte, aber offenbar nicht tut.

Die inzwischen archivierte vollständige Diskussion findet sich auf Wikipedias Spam-blacklist-Seite und ein längerer Eintrag von MacManus dazu auf RWW.

Was ich statt dieser verwirrenden Details jedoch am interessantesten finde, ist die Auffassung einiger Wikipedia-Pfleger zum medialen Stellenwert von Blogs. Hier zwei Zitate mit Argumenten für ein generelles Blacklisting von Blogs:

Blogs, and Blog sites are Link normally to be avoided
ReadWriteWeb Fails Wikipedia’s core content policies:
“Verifiability”
“Questionable_sources´”
“Verifiable Reliable Sources”
“Self-published sources (online and paper)”
“Reliable sources”
“Self-published sources”

Blogs despite the quality or form of publishing, still remain a WP:SPS which has inherent problems. (Hu12)

Oppose removal atm from what I can trace through the page histories this blog site was listed originally as being like suite101.com where by the blogs are written by freelance writers and published without editorial review. The writers are then paid by the number of hits to the article which meant that the writers were spaming WP articles with links back to their article. (Gnangarra)

Das hört sich alles eigenartig an. Nicht nur für meine Ohren: Hier zwei Stimmen gegen das generelle Blacklisting von Blogs aus dieser Diskussion:

As someone who has written for blogs before professionally, that is hogwash. No blog that reaches the top 20 of Technorati gets there by paying based on the number of hits, it’s just plain ineffective. Writers are paid a flat rate per post, just like in the regular print business. (Steven Walling)

They do not merely recycle press releases but actually engage directly as journalists, talking directly to technology leaders and performing original reporting. The question of whether it is a “blog” and therefore does not merit inclusion is a red herring as the very definition of “blog” is vague (chronologically ordered website? the same could be said of the New York Times). Really a “blog” is just a content management software package that runs underneath a website but does not dictate what the site’s purpose is. (azizhp)

In der Tat. Das generelle Blacklisting von Blogs als Blogs wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. Wo sind bei großen, journalistisch geführten Blogs die Grenzen zwischen “published” und “self-published”? Warum sollte Online-Journalistik generell weniger vertrauenswürdig sein als Print-Journalistik? Welche Quellen könnten darüber hinaus noch als dubios gekennzeichnet werden, wenn bei der Beurteilung die Art der Bezahlung für das Schreiben eines Artikels eine Rolle spielt?

Hier wiederum zwei Stimmen, die sich zu dieser Thematik äußern. Von der ersten (ohne Wikipedia User-Page) stammt auch das ganz zu Anfang angeführte Zitat:

Respectfully, I’m floored that this discussion is taking place at all in 2009. There are published tabloids and even minor newspapers with less credibility that ReadWriteWeb. This distinction between “blogs” and “newspapers” is worse than archaic; it fundamentally dismisses the immense disruption in the media industry. Blogs like that are more transparent and verifiable than many papers by virtue of their readership and topicality. […] I strongly urge the Wikipedia community to remove this blacklisting and reconsider its policy around blogs. It made sense in 2004. In 2009, there are now major blogs at the New Yorker, the Atlantic and the New York Times. Because the form is a reverse chronologically ordered list of entries, does it suddenly become an unreliable tabloid? I think not. (Alexander B. Howard)

Gnangarra’s argument is not only silly, it’s patently false: RRW does have extensive editorial review of all it content, and a proven track record of reliability. It’s sad to note that by this standard, National Enquirer would be a citable source on bigfoot, but, say, Richard Dawkins’ blog would not. The idea that paper media are good and online media are bad is nothing but an idiotic prejudice that relieves editors of the obligation to actually do the hard work of evaluating sources on genuine merit, and we should not condone such laziness and stupidity here. (Lee Daniel Crocker)

Für mich persönlich gibt vor allem Crockers letzter Satz den Ausschlag: Daß der Unterschied zwischen vorgeblich guten Print- und schlechten Online-Medien ein idiotisches Vorurteil sei, das nur der Dummheit und Faulheit Vorschub leiste, sich nicht der „harten Arbeit“ zu unterziehen und Quellen unabhängig von ihrer medialen Herkunft tatsächlich auf ihre Verläßlichkeit hin zu überprüfen.

Zu guter Letzt würde ich noch hinzufügen wollen, daß die Wikipedia selbst ein Online-Medium ist, und die zum Beispiel von Gnangarra und Hu12 vertretenen Argumente eine gewisse Rekursivität eröffnen.

Mit allem Respekt, aber ich finde schon das klassische Klassik-vs.-Online-Bashing kontraproduktiv genug. Und Online-vs.-Online-Bashing hilft weder hier noch woanders auf irgendeine Weise weiter.

Schlagworte (Tags): , , , ,

5 Kommentare

  1. Ben

    Jüngstes journalistisches Beispiel für eine Vernetzung von Online, Blogs und Klassik ist der Relaunch der Wochenzeitung „Der Freitag“ und freitag.de (Verleger ist übrigens Jakob Augstein der Sohn vom Spiegel-Gründer) – ein Besuch auf der Onlineplattform ist zu empfehlen. Gute bewertete Onlinebeiträge werden von der Redaktion selektiert und in der Print-Ausgabe publiziert. Umgekehrt bietet die Print-Ausgabe die Grundlage für User-Beiträge.

  2. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Ben: Ok. Damit haben wir freitag.de jetzt einmal schön werblich platziert und verlinkt. Schön. Und nun?

  3. Ben

    Werblich habe ich mit dem Freitag nichts zu tun.
    Der Autor des Beitrags schreibt davon, dass es höchste Zeit sei Klassik und Online miteinander bekannt und vertraut zu machen. Ich habe auf die Publikation hingewiesen – als Beispiel für einen Versuch Klassik und Online zu verzahnen. Das ist ja auch schon mal etwas.

  4. Christopher

    Zurück zum Thema:
    Warum hat sich das Image von Blogs so gewandelt? Das ist in der Blogsoftware zu sehen. Unabsichtlich ist aus der Tagebücher-Software ein mächtiges Content Managemen System geworden. Die herkömmliche CMS wie Joomla oder Typo3 haben kaum vernetzung und Community Feeling erlaubt. Dagegen waren die Blog-Programme eigentlich dafür geschaffen.
    Die Vorteile leigen auf der Hand: jeder der einigermaßen schreiben beherrscht, kann Verleger von eigenen Inhalten sein – Kosten liegen bei knapp Paar Euro für ein Webpack auf dem Server.

  5. Johannes

    Ein Blog ist dann ein Blog, wenn er die Definition (Google: „define: weblog“) eines Blogs erfüllt. Ich denke nicht, dass es unsinnige Medien im direkten Sinn gibt. Wenn bestimmte Gruppierungen, wie HipHopper, Punks, Emos, etc ihre Internetpräsens steigern wollen, dann sollte man sie lassen. Man ist ja nicht gezwungen auf diese Websites zu gehen.
    „Mit allem Respekt, aber ich finde schon das klassische Klassik-vs.-Online-Bashing kontraproduktiv genug. Und Online-vs.-Online-Bashing hilft weder hier noch woanders auf irgendeine Weise weiter.“
    Online vs Online-Bashing ist aber definitiv anonymer und ich kann mich mit einem Klick aus der „Debatte“ entziehen, sofern ich ihr nicht mehr gewachsen bin. Warum sich hier also erst darauf einlassen? o.O

Eure Kommentare

Feed
  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
Adscene: The Kaiser Report
Werbeblogger Late Night Podcast
Werbeblogger Podcast auf iTunes abonnieren



Wordpress-Blogsoftware
blogoscoop