04.02.09
12:28 Uhr

Karstadt und sein „Sonderkommando Preis“

Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, der Begriff „Sonderkommando“ wird auch von bundesdeutschen Polizeikräften zuweilen verwendet, hier zum Beispiel von der hessischen Polizei, und auch gelegentlich von der Presse, wie hier von der Rheinischen Post. Aber das ist tatsächlich ein außerordentlich seltener Gebrauch, der zudem in der Regel eher versehentlich erfolgt — wenn überhaupt, lautet die korrekte Bezeichnung nämlich „Sondereinsatzkommando“. Und eine simple Google-Suche (hier mit ausgeklammertem „Karstadt“) vermag mühelos einen Überblick zu verschaffen über die mit Abstand gebräuchlichste Bedeutung.

Bei dem Streit um Tchibo/Esso und „Jedem das Seine“ fand ich, für mich persönlich, die Sachlage zu komplex für eine Abfolge schnellerhitzender Blogkommentare, und überhaupt ging es in Rolands Artikel zu diesem Thema ja nicht um die politischen und historischen Aspekte, sondern um Fragen zur Verantwortung und zu Schuldzuweisungsmechanismen im Verhältnis Unternehmen/Agenturen.

Während aber das schriftlich bis auf Plato und mündlich sicherlich noch weiter zurückreichende Konzept „Jedem das Seine“ ebenso wie jede Menge anderen Kulturguts und halb Europa selbst von den Nazis okkupiert und in Besitz genommen wurde, ist „Sonderkommando“ als Begriff sehr direkt mit Nazi-Deutschland und dem Holocaust assoziiert. Und dies gilt in noch stärkerem Maße für die Formulierung „Sonderkommando [Name]“, die Karstadts „Sonderkommando Preis“ (hier der Screenshot auf Spiegel Online) auch treffsicher verwendet.

Bei „Jedem das Seine“ habe ich Verständnis für die Position, diesen Grundsatz — ein durchaus wichtiges Philosophem, letztendlich — den Nazis nicht für immer kampflos überlassen zu wollen. Darüber, ob solche Sätze nicht ebenso wie Bilder und Skulpturen als gestohlenes Kulturgut zurückgefordert werden sollten, läßt sich mit sinnvollen Argumenten auf beiden Seiten diskutieren.

Dies sehe ich bei dem Begriff „Sonderkommando“ nicht. Zwar dürfte es so gut wie sicher sein, daß die Nazis diesen Begriff nicht erfunden haben. Aber zu einem „Kulturgut“ — im negativen Sinne — wurde dieser Begriff erst durch nationalsozialistischen Gebrauch. „Sonderkommando“ ist nicht bloß ein Begriff, den „auch die Nazis“ verwendet haben. „Sonderkommando“ ist ein Teil nationalsozialistischer Anti- und Un-Kultur, intim verbunden mit nationalsozialistischem Terror.

Es ist fast zehn Jahre her, daß eine (deutlich jüngere) Studentin in einer Hauptseminarsitzung zu Julian Barnes’ A History of the World in 10½ Chapters unseren Professor fragte, was das „Dritte Reich“ sei. Es scheint, als wären sie und andere wie sie im Arbeitsleben angekommen. Hier verwundert es dann auch fast schon nicht mehr, daß selbst eine simple Google-Suche vor dem Herauspumpen einer Headline nicht weiter als Idee auftaucht.

Und auch Rolands Fragestellung gewinnt umgehend wieder Aktualität, wie auf Spiegel Online nachzulesen ist:

Dann meldet sich Karstadt noch einmal. Eine beauftragte Agentur habe sich nicht ans Briefing gehalten. Man bedauere die Fehlleistung.

Von allem anderen abgesehen bleibt die Unfähigkeit zu einem klaren „Ich habe das verpatzt“ auch weiterhin ein Dauerbrenner korporierter Unkultur.

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19 Kommentare

  1. Rainer

    Volle Zustimmung. Es ist aber auch eine Unart unserer Zeit, dass niemand mehr an irgendwas Schuld hat (bzw. haben will). Schauen wir uns nur die Bankmanager und den von ihnen verursachten Schaden an oder die diversen Mitarbeiter-Ausspäh-Aktionen oder die Liechtensteinschen Geldtransporte oder verschiedene Politiker-Eskapaden.
    Niemand war schuld, keiner will’s gewesen sein, alle hatten doch eigentlich Recht mit ihrem Tun. Es scheint, als hätte keiner mehr den A… in der Hose, sich mal hinzustellen und zu sagen: “Tut mir Leid, hab ich Mist gebaut”. Moralisch fragwürdiges Verhalten, dass wohl aus unserer Spaßgesellschaft herrührt. Alle amüsieren sich prächtig und wenn was schiefgeht: ups, was nicht so gemeint, haha.

  2. Beginner

    Sehe ich genau umgekehrt. “Sonderkommando” finde ich ok, “Jedem das Seine” nicht.

  3. Vroni

    Eine zu allem Überfluss auch noch wenig ansprechende, ja unkreative Headline. Wie wäre es mit Zugeben, dass das nicht nur sehr dumm war, sondern sehr unkreativ, einfallslos, unangenehm sogar.

    Wenn man schon polarisierendes Getöse riskieren will, dann bitte mit herrlich kreativem Schwachsinn oder gerne auch Subversivem (SoKo ist nicht subversiv außer vielleicht für rechtsdrehende Milchbärte). Damit sich der Medien-Aufstand, ähm der Aufwand lohnt. Aber so? Mal so in die Runde geworfen.

  4. Ben

    Sonderkommando ist ein Wort aus dem Sachgebiet Militär, Bestandteil des deutschen Wortschatzes und wurde bereits weit vor 1933 verwendet. Texter, Agentur und Kunde haben die historische Dimension und Konnotation des Begriffes nicht bedacht.
    Entschuldige – aber lasst uns dann die ganze deutsche Sprache verbieten, da sie ja von den Nazis gesprochen und teilweise entfremdet wurde. Ausgenommen vom Verbot wird das Marketingdeutsch sein – mit seinen schönen Begriffen wie Briefing (stammt übrigens auch aus dem Militärischen), Impact, Involvement, Consumer Insights etc. Oder lasst uns eine Sprachpolizei einführen, die alles Geschriebene nach “verbotenen Begriffen” durchforstet.
    Ich finde derartige Medienreaktionen und Diskussionen absurd.

  5. J. Martin

    @Vroni: Da hast Du absolut recht — diese Headline ist hirnschmelzend auch unter rein werblichen Gesichtspunkten! Ich hatte diesen Aspekt ausgelassen, um den Beitrag nicht zu überladen.

  6. Ben

    Vielleicht sollte mal jemand eine Liste machen von Wörtern die Nazis im Sprachgebrauch hatten, dann könnte man daran Arbeiten diese konsequent nicht zu benutzen und das benutzen ggf. unter Strafe stellen. Harte Strafen. Dann wird sicher alles besser.

  7. Ben 2

    Huch, ich bin ein anderer Ben als der um 13:26 Uhr! Nicht gesehen, Sorry.

  8. Giza

    Was ich nicht verstehe: Bei der googlesuche nach “Sonderkommando” erhält man ca. 130.000 Treffer, die sich auf das III. Reich beziehen. Vielleicht bin ich persönlich da auch anders gestrickt. Aber ist es zu viel verlangt, seine Headline mal “gegen zu checken”?

    @Ben
    Es geht um Wörter, welche die Nazis auch gebraucht haben. Der Adolf hat bestimmt mal “Frohe Weihnachten” gesagt und wir können es heute auch ohne Probleme sagen. Aber “Sonderkommando” ist eine ziemlich deutliche Wortschöpfung der Nazis. Auch wenn es den Begriff ansich schon länger gibt.
    Anderes Beispiel: Würdest Du ein Waschmittel mit “Arisch weiß!” bewerben obwohl “arisch” keine NS-Schöpfung ist?

  9. Giza

    Edit:
    Der Satz sollte “Es geht NICHT um Wörter, welche die Nazis…” lauten.

  10. Thies

    Mir fällt da ein alter Witz aus den Zeiten ein, als PC noch political correct hieß und nicht Personal Computer:

    Ein Wohngemeinschaft beschließt, dass man künftig rundherum PC sein wolle und demzufolge auch die Sprache sauberhalten von Nazisprache. Nach dem Meeting fragt einer der Mitbewohner: Achja, eine Frage noch, wer macht den Abwasch?
    Alle schweigen betroffen, bis schließlich einer, den Tränen nahe, damit rausrückt: Du hast Wehrmacht gesagt…
    Oh Gott, darauf der Angesprochene, ich vergaß.

    Im Ernst, ich kann’s nicht mehr hören, scho gar nicht bei Per-Se-Blödheiten, die sich nach der Promotion eh erledigt haben.

  11. J. Martin

    @Giza Danke. :-)

  12. Thor

    Diskussion mit zwei Ebenen.
    Ebene 1: Darf man sowas machen, Nazi-Deutsch verwenden?
    Ebene 2: Darf man als professionelle Agentur übersehen, dass man Nazideutsch verwendet?

    Über Ebene 1 kann man sicherlich bis zu einem gewissen Punkt mit guten Argumenten streiten.
    Wenngleich ich persönlich der Meinung bin, dass man das alles nicht verwenden kann. Und es stellt sich immer die Frage: selbst wenn man drüber streiten kann, tut das wirklich dem Produkt gut?

    Aber über Ebene 2 kann man doch nicht ernsthaft diskutieren. Genauso wie gecheckt wird, ob ich damit Markenrechte anderer verletzte, genauso wie gecheckt wird ob es orthografisch korrekt ist, genauso muss ich einen Slogan oder Begriff auf jedwede Angreifbarkeit checken – und da ist “historisch belastet” ja ein eher naheliegender Prüfungspunkt.
    Aber eventuell lässt sich ja auch aus den Reaktionen eines Kommentars hier (Ben 1) das konkrete Problem ablesen: So egal wie einem die Vergangenheit ist, so egal ist einem halt auch die Gegenwart (oder eben: der Kunde).

  13. J. Martin

    @Thor

    So egal wie einem die Vergangenheit ist, so egal ist einem halt auch die Gegenwart (oder eben: der Kunde)

    Nagel >> Kopf

  14. meistermochi

    ich als texter kannte diese sonderkommando-sache nicht und ich hatte weiß gott genug ns-zeit in der schule und bin da auch sonst recht interessiert. mir ist das bisher aber noch nicht untergekommen. sowas passiert.

    aber am beschissensten an der sache ist der kunde. was haben die denn ins briefing geschrieben? “keine nazi-audrücke bitte”? was soll die scheiße!

    zum kotzen.

  15. Vertrauen - ist der Anfang von Allem | Veranstaltungen | Marketing Welten

    [...] einer Gesellschaft der Schlagworte. “Sonderkommando Preis” textet Karstadt unfreiwillig daneben. Man folge dem Link, um das Ausmaß des Erschreckens zu verstehen. Genauso schlagartig reagiert [...]

  16. ramses101

    @meistermochi: Das ist bei der Sache der überaus interessante Punkt. Ich würde zu gerne den Teil des Briefings sehen, an den sich die Agentur “nicht gehalten hat”. Schade, dass da noch keiner nachgeakt hat.

    Ansonsten: Natürlich sollte man mal kurz googeln und wenn auf der ersten Seite auch nur ein Hauch NS auftaucht, lass ich es halt sein. Zumindest in der Werbung. Dass man den Nazis nicht jedes Wort und jede Floskel überlassen darf, steht auf einem ganz anderen Blatt. Es gibt Nazi-Vokabular, das ist tabu (Endlösung etc.), weil es so eindeutig ns ist, dass jeder Einsatz mit einem Nachtrag “wieso? ist doch ein ganz normales deutsches Wort” schlicht entlarvend ist.

    Das ist das Gleiche wie mit dem Pack im Fußballstadion, das die gegnerischen Fans per Transparent als “Juden” tituliert und auf Protest antwortet “wieso? Findest Du das Wort Jude etwa beleidigend?”

    Im allgemeinen Sprachgebrauch ist es viel offensichtlicher, wie etwas gemeint ist: Wenn im normalen Gespräch Sätze wie “jedem das seine” fallen, dann ist das mit Sicherheit weder Zynismus noch Rassismus noch Nationalsozialismus. Wenn hingegen an sich lupenreine deutsche Sätze wie “Arbeit macht frei” fallen, sieht das schon ganz anders aus.

    In der Werbung hingegen ist alles, was auch nur den Hauch von NS hat, tabu, es sei denn, man will mit einem Tabubruch Gold beim ADC gewinnen. Das dürfte aber beim Sonderkommando Preis zumindest schwierig werden.

  17. leser

    Die Frage, ob der Begriff “Sonderkommando” eindeutig nationalsozialistisch besetzt ist oder nicht, halte ich für völlig irrelevant, weil man das ohnehin nicht objektiv klären kann. Google sagt “Ja, ist er. Unsere Suchergebnisse sprechen eine deutliche Sprache”, ein anderer sagt “Wieso, das Wort gab’s doch vorher auch schon?”

    Es geht um den Kontext und den “Verkehrsgebrauch”, wie Juristen das so schön nennen. Und da würde ich sagen, kann man nicht viel diskutieren. Dem Reinen ist alles rein, sprich: dem Dummen ist gar nicht klar, wo das Problem sein könnte. Und dem werd’ ich’s auch nicht erklären können.

    Ich will jetzt nicht der Political Correctness um jeden Preis das Wort reden, aber jeder halbwegs gebildete Mensch bei der Agentur oder Karstadt hätte das Problem erkennen können. Die Reaktion auf Kritik (“… hat das Briefing nicht verstanden …”) zeigt, dass der Groschen immer noch nicht gefallen ist!

  18. Ben

    @leser “Dem Reinen ist Alles rein” – so spricht das Volk. Ich aber sage euch: den Schweinen wird Alles Schwein!
    Nietzsche, Zarathustra

  19. “Sonderkommando”: Karstadt zieht Werbung zurück | markenmagazin:recht

    [...] Ein Sprecher der Karstadt-Mutter Arcandor zeigte sich gegenüber Spiegel Online verwundert und hielt diese Parallele für weit hergeholt. Heute seien mit “Sonderkommandos” eher polizeiliche Maßnahmen gemeint. Später hieß es dann, die Agentur habe sich nicht an das Briefing gehalten. Karstadt “bedauere die Fehlleistung”. (via Werbeblogger) [...]

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