29.01.09
13:06 Uhr

Radiocamp Hamburg

Morgen werde ich ein Panel auf dem Radiocamp in Hamburg moderieren. Das Thema:

Podcasting: Krise oder Durchbruch?

Als Moderator auf der Veranstaltung werde ich mich natürlich mit meiner persönlichen Meinung etwas zurückhalten. Heute aber nicht.

Vorab: Podcasts sind ein großartiges Medium, genau wie alle anderen Kanäle, die auch Amateure und leidenschaftliche Web-Publisher nutzen können. Podcasts erweitern die Sinne; das geschriebene Wort kann nie direkt so viel Persönlichkeit ausdrücken wie die persönliche Stimme.

Im ursprünglichen Verständnis bezieht sich der Begriff Podcast nur auf den Audio-Kanal, tatsächlich erweitert sich das Format natürlich auch in das Bewegtbild (Vidcasting/Video-Podcasting) hinein. Für alle Audio-Produzenten stellt sich also in neuer Form die Frage: Kannibalisiert das Video das reine Hörformat? Video kills the radiostar? Ersetzen Podcasts insgesamt bald das klassische Formatradio, weil man die Beiträge zu jeder Zeit und an jedem Ort hören bzw. sehen kann?

Ein Vergleich zu den klassischen Medien ergibt jedenfalls eine klare Antwort: Das Radio lebt, trotz intensiver TV-Nutzung und der digitalen Übertragungstechnik, die einem Hunderte von Sendern ins Haus schickt. Allerdings verteilt sich die substanzielle Hörerschaft viel stärker. Radio ist schon längst nicht mehr das alleinige Informations- oder Unterhaltungsmedium. Die Mediennutzungszeit der Menschen ist eben endlich und verteilt sich zunehmend auf immer mehr mediale Angebote. Wer eine Stunde täglich Spaß am Podcast-Hören hat, wird sich diese Stunde an anderer Stelle “abzwacken”, ggf. auch bei seinen Hörgewohnheiten beim Medium Radio. Viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, kennen übrigens nur zwei Orte für klassischen Radiokonsum: Das Auto und -seltener- das Büro ;-).

Podcasts stehen für mich nur stellvertretend für eine wesentlich entscheidendere Frage: Was machen die Radio- und TV-Sender mit ihren Inhalten, wenn immer mehr Menschen es wünschen, unabhängig von Ort und Zeit auf ihr individuelles Informationsangebot zugreifen zu wollen?

Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis eine “Blackbox” in vielen Wohnzimmern steht, die zwar als einen Teil auch das laufende lineare Programm von TV und Radio zur Verfügung stellt, zugleich aber Programm-Bouquets, also bestimmte interessenspezifische Programmzusammenstellungen aus dem Web in das Wohnzimmer zieht. Nutzer werden anderen Gleichgesinnten Vorschläge zu Bouqets machen können, die sie bequem via Fernbedienung abonnieren und testen können, völlig  egal ob Audio- oder Video-Material, Bilder, Animationen, Messaging-Dienste etc.

Die RSS-Technologie ist noch am Anfang ihrer Massenverbreitung. Erst wenn diese im Hintergrund läuft und der Verbraucher durch einfaches An- und Abschalten via Fernbedienung sein ganz individuelles Informationsangebot zusammenstellen und dynamisch entwickeln kann, erreicht RSS auch eine Massenverbreitung. Allerdings wird dann keiner mehr wissen wollen, wie diese Technologie heißt oder gar funktioniert. Sie ist einfach nur nützlich und wird daher genutzt.

Für die klassischen Radiostationen bietet sich auch neue Chancen. Sie können kostengünstig mit neuen Formaten experimentieren. Sebst Video-Podcasts wären für das Radio denkbar. Warum denn nicht?! Und Radiostationen könnten ihre Hörer einladen, aktiv mit Podcasts zum Programmangebot beizutragen. Und, und und.

Podcasting ist also absolut nicht in der Krise, wenn man Podcasting in diesem erweiterten Zusammenhang verstehen will. Mediale Inhalte werden in Zukunft mehr und mehr “on demand” bzw. auf Anforderung des Konsumenten bereitstehen. Dazu gehören auch Amateur- und Nischenangebote. Medienunternehmen müssen sich darauf einstellen und ihre Angebote komplett auf das Web übertragen. Nicht nur als Stream, sondern als Content-Archiv.

Jedenfalls werden ggf. bestehende Rechte- und Verwertungsfragen diese Entwicklung nicht aufhalten. Medien und Gesetzgeber sollten also schnell zu pragmatischen Lösungen kommen.

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5 Kommentare

  1. Ben

    Klar lebt das Radio und wie Du schreibst, wird es Dank der neuen Möglichkeiten noch vielfältiger werden.
    Übrigens ist Radio mit einer Tagesreichweite von fast 80% in der Gesamtbevölkerung nach TV (über 80% Tagesreichweite) das 2.Medium. Internet hat bisher gerade mal eine Tagesreichweite knapp über 20%…

  2. FFD

    Während Webradio derzeit boomt, scheint Podcast zu stagnieren. Google Trends liefert dazu klare Indikatoren. Das heißt Audio im Web alles roger! – aber ist etwas an dem Format des Podcasts falsch?

    Meine Meinung dazu: Ja, das Format des Podcasts hat schwere strukturelle Mängel. Zum Beispiel mangelt es an guten, einheitlichen Interaktionsmöglichkeiten. Der Podcast repliziert das 1-n Kommunikationsmodell der klassischen Medien. Wenn er diesbezüglich nicht weiterentwickelt wird, dann wird er nicht aus der Nische kommen.

  3. Fabio

    @Roland:

    Ich habe bereits so eine Blackbox im Zimmer stehen. Genau genommen sind es zwei. Die eine Box ist ein Noxon-Radio (für Audioinhalte), die andere ein Fritz!Media Receiver (für Videoinhalte). Beide Geräte machen über RSS distribuierte Inhalte mit der Fernbedienung abrufbar.

    Es gibt schon einige Radiosender, die intensiv mit Video experimentieren und diese “Experimente” auch als Videopodcast ins Netz stellen. Siehe podcast.de/suche/nac...

    Die Krise, die beim Podcasting immmer herbeigerufen wird, sehe ich auch nicht. Ganz im Gegenteil wir befinden uns gerade in der Phase, wo die breite Masse das Podcasting entdeckt. Was in der Krise steckt, ist die Kommzerzialisierung des Ganzen. Die Vermarktung ist de facto aktuell gescheitert. Das hat sicherlich verschiedene Gründe, die nicht unbedingt dem Podcasting in die Schuhe zu schieben sind.

    @FFD: Ich habe arge Zweifel daran, dass “einheitliche Interaktionsmöglichkeiten” ein Medium aus einer Nische herausführen können. Ich stelle mal die These auf, dass der normale Benutzer gar nicht interagieren will. Für mich liegt der Weg aus der Nische, in einer nicht-technischen Nutzungsmöglichkeit, die es auch DAUs ermöglicht, die Inhalte abzurufen, die sie interessieren.

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  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
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