12:03 Uhr
Nicht echt, nicht unecht: Sonys Cam With Me!
Nachdem Roland, wirklich völlig unabgesprochen, heute schon mit dem Thema Emotionen vorgelegt hat, mache ich damit gleich weiter: Die neue semi-interaktive “Cam with me!”-Website von Sony Japan für die Sony Handycam vermag mich hinsichtlich Emotionen wenig zu begeistern.
Japanischkenntnisse sind nicht erforderlich. Es gibt einführende englische Texte, und der Rest ist so selbsterklärend, daß keine weiteren Anleitungen nötig sind. In dem Flash-Film läuft das Leben einer Japanerin im Zeitraffer ab, vom Baby bis zum 26. Lebensjahr. Ein “Record”-Button kann jederzeit betätigt werden, um aus diesem ablaufenden Leben einzelne Szenen „aufzunehmen“, die dann am Schluß als Videosammlung abgespielt werden. Und natürlich nimmt alles ein ganz schreckliches Ende. Okay, das ist gelogen. Obwohl, irgendwie auch wieder nicht ;-)
Die Geschichten selbst sind schon ein Teil von „Japan“, wenn auch vielleicht nicht der repräsentativste — aber „repräsentativ“ ist gerade in Bezug auf Japan immer nur mit äußerster Vorsicht zu genießen.
Was ich als völlig unjapanisch empfinde, um in diesem Rahmen zu verbleiben, ist die weitgehende Konfliktfreiheit im Gefühlsleben der Protagonistin. (Ich sage „weitgehend“ nur deswegen, weil ich nicht sämtliche möglichen Szenen aufgenommen habe, vermute aber mal, daß es völlig konfliktfrei ist.) Alle Szenen und Erlebnisse sind maximal weichgespült und rundgelutscht. Ebenfalls als völlig unjapanisch empfinde ich die völlige Abwesenheit von Selbstironie in den Lebensszenen der Protagonistin.
Und als maximal unjapanisch schließlich empfinde ich es, gerade hinsichtlich dieser Aufwandshöhe, daß keine Geschichte erzählt wird. Bloß aufzuwachsen ist banal.
Nichts von alldem würde, versteht sich, ausschließlich für Japan gelten.
Natürlich sehe ich den Ansatz, daß sich jede erdenkliche Person hinter der Handycam wiederfinden können soll. Aber um den Preis, keine Geschichte zu erzählen? Schön, wenn die Identifikation vollständig glückt. Aber um den Preis, nichts und niemanden zu inspirieren?
Vor allem ist mir nicht klar, wie ich die Gefühle beschreiben soll, die hier transportiert werden oder transportiert werden sollen. Wie gesagt, als „fake“ würde ich sie nicht bezeichnen, aber auch keinesfalls als „authentisch“. Ließe sich das Wort „manipuliert“ verwenden? Ich meine dies in dem Sinne, daß zwar echte Gefühle und Situationen verwendet werden, aber die Ausblendungsrate dessen, was das Leben wirklich bereithält, so hoch ist, daß das, was übrigbleibt, seinen Echtheitsanspruch verliert. Dies ist ja kein 60-Sekunden-Spot. Dies ist eine Ausschnittssammlung aus sechsundzwanzig Jahren eines Lebens.
Ich fürchte, da ist mir eine Dosis Pathos lieber. Oder fühlt sich jemand von Cam With Me! wirklich berührt und inspiriert? Berührt und inspiriert genug zum Beispiel, um loszugehen und sich eine Sony Handycam zu kaufen? Das ist es schließlich, worum es letztendlich geht.
(Cam with me! stammt, wie kaum anders zu erwarten, von Hakuhodo.)
7 Kommentare
Einen Kommentar schreiben
- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 22. Januar 2009 um 12:23 Uhr
Ich weiß zwar, wie der Satz im Text gemeint ist, trotzdem ist “Bloß aufzuwachsen ist banal” mir irgendwie deutlich ins Auge gesprungen.
Ist für mich ein Fingerzeig, wie “weit” Werbung gehen muss, um Menschen zu erreichen.
Um nicht Falsch verstanden zu werden, ich liege da sehr nah bei dir. Es ist bloß Auffällig, was wir in Werbung (aber auch im Fernsehen, in der Literatur usw.) für Kicker in der Story brauchen, um unser Aufmerksamkeitszentrum zu aktivieren.
Am 22. Januar 2009 um 12:27 Uhr
@nilsn D’accord. Aber ich bin nicht wild auf Kicker, wirklich und ehrlich nicht. In bin wild auf Story!!!
Am 22. Januar 2009 um 16:24 Uhr
völlig ironiefrei. wie die meisten homevideos. passt für mich dementsprechend gut.
Am 22. Januar 2009 um 16:59 Uhr
@J. Martin: Sollte keine Unterstellung sein. ;)
Eine gute Story sollte auch den Kicker überflüssig machen.
Am 22. Januar 2009 um 17:23 Uhr
@nilsn Würde mir nicht einfallen anzunehmen, daß du das annimmst! :-)
@Björn Ja, das ist ein guter Punkt, leider. In all den Jahren seit den 8mm-Zeiten sind Heimbereichbewegtbilder nicht wirklich ansprechender geworden … :augenroll:
Am 25. Januar 2009 um 15:11 Uhr
[...] meinem Eintrag zu Sonys “Cam With Me!”-Website schrieb ich, daß ich die für Japan typische Selbstironie vermisse. Diese Selbstironie [...]
Am 25. Januar 2009 um 20:24 Uhr
Warum immer Kinder, die können sich nicht wehren…