14:00 Uhr
Werbung als Kaufanreiz in der Zeitung der Zukunft?
Ende letzten Jahres hatten wir in den Kommentaren zu Rolands Eintrag Abendblatt oder Frühpost anläßlich der notwendigerweise unentschiedenen Schlagzeile “Good Morning, Mr. President!” im Hamburger Abendblatt einen kleinen Austausch zur Zukunft der Zeitung — im Verlaufe dessen ich auch zu dieser netten Glosse von Christof Siemes in der Zeit verlinkte. Und während ich noch diesen Eintrag editiere, erscheint Rolands Artikel Google stellt Verkauf für Print-Anzeigen ein in meinem Feed-Reader. Der durchaus zum Thema paßt.
Ob und in welche Richtung sich Zeitungsmarkt und Zeitungsvielfalt entwickeln werden, darüber läßt sich gut, aber nicht unbedingt immer sinnvoll, spekulieren. Ganz so düster wie bei Magazinen sieht es jedenfalls im Moment noch nicht aus. Einen guten Überblick über das Sterben englischsprachiger Magazine bietet Magazine Death Pool, auch wenn der Tonfall dort ein bißchen zu schwarzhumorig ist für meinen Geschmack. Denn es sterben ja nicht nur Magazine, sondern auch eine Menge Jobs dahinter. (Am Rande: Nicht ohne einen gewissen postmodernen Touch verstarb vorgestern zudem auch ein Magazin über Magazine.)
Es ist ein bißchen schwierig, finde ich, aus dem Bauch heraus sinnvoll über die Zukunft von Zeitungen zu parlieren ohne ein zumindest rudimentäres Wissen über die Mathematik, mit der sich Zirkulation, Abonnentenzahl und Anzeigenvolumen zu einer Prognose über die Wirtschaftlichkeit einer Publikation verknüpfen lassen. Zwar würde ich denken, daß „Aktualität“ als Beweggrund zum Kauf einer Zeitung auch weiterhin abnehmen wird, aber das läßt keine sicheren Schlüsse darauf zu, in welche Richtung sich andere Beweggründe entwickeln werden und mit welchen Verkaufszahlen dann zu rechnen ist. Und von dort aus wiederum lassen sich noch weit weniger sichere Schlüsse ziehen darüber, wie, ob und in welchem Maße potentielle Werbekunden ihr Geld dort sinnvoll investiert sehen werden.
Eine australische Freundin, mit der ich mich oft über Medien unterhalte, machte mich kürzlich auf den Artikel “Newspaper Shuns Web, and Thrives” von David Carr in der New York Times aufmerksam. Carrs Artikel beschäftigt sich mit der TriCityNews aus New Jersey, die sich jeder Art von Online-Business komplett verweigert. Das Argument dahinter:
“Why would I put anything on the Web?” asked Dan Jacobson, the publisher and owner of the newspaper. “I don’t understand how putting content on the Web would do anything but help destroy our paper. Why should we give our readers any incentive whatsoever to not look at our content along with our advertisements, a large number of which are beautiful and cheap full-page ads?”
Ja wenn es denn so einfach wäre, LOL! Aber was ich im ersten Moment erheiternd und im zweiten erfrischend finde, ist Jacobsons Deklarierung von Werbung als lohnenswert — lohnend natürlich in erster Linie für die Zeitung, aber auch für die Anzeigenkunden (“cheap”) und implizit (“beautiful”) auch lohnend für die Leserschaft.
Und so sollte es doch eigentlich sein! Gut gemachte, interessante, verständliche, (in Maßen) kreative und insbesondere informative Werbung könnte ich mir tatsächlich als einen möglichen Beweggrund zum Kauf einer Zeitung vorstellen. Interessante Werbung als Teil des Geschäftsmodells? Heck, why not!
Ein weiterer Gedanke, der uns kam, war die Zeitung als „Nischenprodukt der Zukunft“. Selbst wenn die Zeitung in, sagen wir, einhundert Jahren als Massenmedium ausgedient haben sollte, wird es auch weiterhin einen Nischenmarkt dafür geben. Nischenmärkte gibt es für fast alles im Leben. Und vielleicht ist die TriStarNews ja bereits ein “early bird” in dieser Hinsicht.
Als Neologismus für ein solches Nischen-Geschäftsmodell der Zukunft schlug @naomieve den Begriff “nichising” vor (zur Zeit tatsächlich noch einzigartig auf Google, aber dieser Eintrag aus dem Werbeblogger wird sich sicher bald dazugesellen). Ein Begriff, den ich witzig finde auch aus dem Grund, weil der erste Wortteil von “nichising”, japanisch ausgesprochen, „Tag“ bedeutet, wie in Mainichi Shimbun — und Japan hat den höchsten Pro-Kopf-Konsum von Zeitungen auf der Welt.
Und das eine ließe sich mit dem anderen doch exzellent verbinden. Die Zeitung der Zukunft als ein interessantes und wirtschaftlich tragfähiges Nischenprodukt, das sich unter anderem auszeichnet durch erstklassige Werbung als zusätzlichem Kaufanreiz.
9 Kommentare
Einen Kommentar schreiben
- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
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Am 21. Januar 2009 um 14:56 Uhr
Der Zeitungsmarkt befindet sich noch wesentlich mehr in der Krise als der Zeitschriftenmarkt. Die verkauften Auflagen sinken kontinuierlich, die jungen Leser kommen nicht nach und die alten Leser sterben weg. TZ ist ein Medium, das größtenteils von den Altersegmenten 35/40 Jahre und älter gelesen wird. Die Werbeausgaben stagnieren und die Rubrikenmärkte sind bereits größtenteils ins Internet abgewandert (Bsp. monster.de, autoscout, immobilienscout etc.). Ein Medium wird nie gekauft werden, weil es auch erstklassige Werbung bietet, das hätten die Werber wohl ganz gerne… Ein Medium wird vom Konsumenten eher trotz seiner Werbeinhalte konsumiert (die wenigsten sind 100% Werbeaffin). Als Nischenprodukt wird sich die Zeitung nicht finanzieren lassen und ist auch für Werbetreibende nicht interessant. Die Zukunft der Zeitung wird digital sein, wenn es digitales Papier zur technischen Reife gebracht haben wird und massenhaft eingeführt ist.
Am 21. Januar 2009 um 15:03 Uhr
Tageszeitung als Nischenprodukt kann ich mir nicht gut vorstellen. Denn für die Leser hat Zeitung immer auch einen sozialen Nutzen, der direkt mit einer großen Verbreitung in der jeweiligen Zielgruppe zusammenhängt. Wer Zeitung liest, ist in Gemeinschaft, weil er weiß, dass „die anderen“ dasselbe lesen. Im Hamburger Abendblatt liest man vielleicht nicht die aktuellsten und relevantesten Beiträge – aber das, was die meisten Hamburger lesen. Ich halte das für eine große Qualität. Analog findet man solche sozialen Trampelpfade auch im Netz: Die meistgelesenen Blogs werden von so vielen gelesen, weil so viele sie lesen. Neben aller Individualisierung der Kommunikation gibt es weiter ein starkes Bedürfnis nach echten MASSEN-Medien.
Am 21. Januar 2009 um 15:05 Uhr
@Ben. Stimme in großen Teilen zu. Den “Werbern” ist es aber wohl eher wurscht, ob Zeitung in der jetzt gewohnten analogen Form überlebt oder nicht; vielen meiner Bekannten und Verwandten, die ich kenne, aber z.B. nicht.
Und es gibt ja auch noch einige Menschen, die mit dem ganzen “Knoppdrücken” so gar nichts anfangen können. ;-)
tinyurl.com/9lyp8o
Am 21. Januar 2009 um 15:25 Uhr
Wenn es so vielen Leuten das Überleben der TZ nicht egal ist, wie kann es dann dazu kommen, dass genau diese bald ein Nischendasein fristet?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mir beim Frühstück mein Laptop oder das iphone neben das Frühstücksbrettchen stelle um aktuelle Neuigkeiten zu lesen.
Klar ist es nicht einfach ein Produkt zu vermarkten, welches Nachrichten um ein oder je nach Redaktionsschluss viell. um 2 Tage, verzögert liefern kann.
Am 21. Januar 2009 um 15:35 Uhr
Das Bedürfnis nach „Massenmedien“ sehe ich auch, aber dies gehört zu den Bedürfnissen, deren Befriedigung vollständig oder nahezu vollständig in die digitale Welt abwandern könnte. Zumindest ist hier das Potential sehr hoch.
Bezüglich „Ein Medium wird nie gekauft werden, weil es auch erstklassige Werbung bietet, das hätten die Werber wohl ganz gern …“ na klar! LOL! Aber so exotisch empfinde ich das nicht. Es gab zum Beispiel Perioden in der Fernsehwerbung, in denen Anzeigen darauf getrimmt wurden, eine optimistische Alternative zu den deprimierenden Vorgängen in der Welt zu bieten. Das ist natürlich nicht das gleiche, aber ich halte es generell für möglich, daß wir neue und interessante Wege finden können. Zudem, unter „qualitativ hochwertiger“ Werbung würde unter anderem auch aktuelle lokale Werbung fallen, wenn es auch hier sicher wieder auf den Grad der Vernetzung ankommen wird, ob dieses Bedürfnisses nicht ebenfalls in den digitalen Medien vollständig oder nahezu vollständig befriedigt werden kann.
Düstere ja, aber die düstersten Prognosen über Zeitungen teile ich nicht völlig; andere Faktoren mögen in dem augenblicklichen Sturzflug eine Rolle spielen, die vielleicht nicht in Stein gemeißelt sind. Aber wie schlecht es Zeitungen auch im Moment geht, es sind Magazine, die reihenweise sterben. Auch wenn damit das letzte Wort über die generelle Zukunft von Magazinen natürlich nicht gesprochen ist.
Mit „Nische“ meine ich im übrigen „Nischenprodukt“, nicht „Nischendasein“, mithin also etwas durchaus positives. Mit Nischenprodukten läßt sich eine Menge Geld verdienen. Im Moment stehen dem die aktuellen Produktionskosten für eine Zeitung noch entgegen, das sehe ich auf jeden Fall. Aber ich sehe keinen zwingenden Grund, warum das in zwanzig oder fünfzig Jahren auch noch gelten sollte.
Am 21. Januar 2009 um 15:36 Uhr
@Henning: Der Satz kommt in mein Almanach:
“Die meistgelesenen Blogs werden von so vielen gelesen, weil so viele sie lesen.”
Du hast völlig Recht. Die Trampelpfade und das soziale Herdentier Mensch folgt auch diesen Prinzipien. Und manchmal gelingt es selbst mir, daraus auszubrechen ;-).
Am 22. Januar 2009 um 00:25 Uhr
@Roland: Warum ausbrechen? Die Freiheit liegt doch (auch) in der Begrenzung…
Ich finde, wenn man die Top-10 der Blog-, Twitter- oder Website-Charts ansieht, dann ist augenfällig, dass deren Relevanz und Anziehungskraft sich nicht allein inhaltlich begründet, sondern sehr viel zu tun hat mit der bereits erreichten massenhaften Verbreitung. Wir alle wollen offenbar dort dabei sein, wo viele andere sind. Das ist im Netz nicht anders als im Stadion.
Am 11. März 2009 um 12:45 Uhr
[...] muß ich meine ursprüngliche Ansicht, daß Magazine zur Zeit gefährdeter sind als Zeitungen, doch revidieren. In dem von 24/7 [...]
Am 25. Februar 2010 um 00:47 Uhr
[...] Werbung als Kaufanreiz in der Zeitung der Zukunft? (8) [...]