20.01.09
18:05 Uhr

Obama. Vom Markenmacher zum Realpolitiker?

inauguration

Um 12.00 Uhr Ortszeit wird der neue US-Präsident Barack Obama offiziell sein Amt aufnehmen. In bisher beispielloser Form wird die Welt medial teilnehmen an diesem formellen Akt. Ganz im Gegensatz zu dem Western-Klassiker “High Noon”, in welchem der Held Gary Cooper alias Will Kane einsam seinen letzten Kampf ficht, tritt Obama an, um einer außerordentlich erfolgreichen Inszenierung seiner Person nun in Amt und Würden Taten folgen zu lassen.

“Change. Yes, we can.” Geschickt verwebt Obama mit dieser kollektiven “Wir-Botschaft” seine anstehenden Aufgaben als Gemeinschaftsprojekt. Er steht als Präsident nun bald im weltpolitischen Mittelpunkt, wissend, dass er die  realpolitischen und realwirtschaftlichen Herausforderungen niemals ohne eine breite Rückendeckung seines Volkes realisieren kann.
Ihm wird klar sein, dass seine erfolgreiche Wahlkampagne und Eigenmarke aber auch hochsensible Erwartungen in den Menschen entfacht hat, denen es nun im mühsamen Tagesgeschäft gerecht zu werden gilt.

Die Marke Obama bringt also quasi erst mit dem heutigen Tag ihr originäres Produkt auf den Markt und muss sich unter realen Marktbedingungen (als Präsident) durchsetzen. In erster Linie wird er dabei die Interessen seines eigenen Landes verfolgen. Ob Obama auch als integrative weltpolitische Schlüsselfigur wirkt, die sich moderierend der brennenden interkulturellen und religösen Probleme  in der Außenpolitik annehmen kann, bleibt zu hoffen, ist aber durchaus nicht selbstverständlich. Stark wiegt der Druck, die Erwartungen seines eigenen Volkes in Priorität erfüllen zu müssen.

Dennoch wird dieser Tag das weltpolitische Gefüge verändern.
Mit Obama tritt eine Persönlichkeit an, die mit ihrer Strahlkraft wie kaum ein anderer US-Präsident die Chance hat, tatsächlich etwas zu verändern. Im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger und auch seines letzten Wettbewerbers McCain ist es ihm gelungen, abseits einzelner und finanzstarker Lobbygruppen Anhängerschaften und Gruppierungen für sich zu gewinnen, die sich durch breite gesellschaftliche Kreise ziehen.
Die Mobiliserung dieser Massen, denen Obama durch Einbindung in hunderte und tausende von sozial aktivierten Gruppen ein individuelles Gesicht verleiht, ist einzigartig.

obama_community

Das Web ist dabei zum sozialen und politischen Begegnungspunkt von Millionen von Menschen geworden. Kein andereres Medium ermöglicht eine derartig lebendige Übersicht der Engagements, Verknüpfungen sowie aktive Teilnahmemöglichkeiten und Dialoge der Menschen untereinander, unabhängig von räumlichen Grenzen.

Es ist förmlich spürbar und in Echtzeit sichtbar, wie ein Volk sich bewegt. Die Communities, die ihrerseits in der Regel nicht von professionellen Lokalpolitikern, sondern von den Bürgern selbst ausgerufen und organisiert werden, sind damit  immer wieder eine neue Keimzelle für Bewegung und damit auch für Veränderung.

Die Öffentlichkeit des Web motivert zusätzlich. Bürgerinitiativen, seien sie noch so klein und regional verwurzelt, werden durch das Obama-Gouvernment auf zentralen Internet-Plätzen sichtbar gemacht. Das schafft ein großes Gefühl von Verbundenheit und Nähe auch zu den Volksvertretern, die sich mehr und mehr als individuelle Personen und weniger als Teil einer politischen Partei präsentieren.

Obama nutzt also die Kraft seiner Marke sehr wirksam, um Menschen und Projekte in seinem Land sichtbar zu machen und zu vernetzen. Gelingt ihm dieser Weg auch außenpolitisch, dann wird sich das Bild der Amerikaner in der gesamten Welt nachhaltig ändern und damit ein sehr wirksames und friedliches Element zur “Bekämpfung” terroristischer Gewalt sein.

Jedenfalls ist das meine Hoffnung.

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2 Kommentare

  1. Mario

    Schöner Beitrag. Es wird interessant sein zu sehen, ob Obama sein politisches Amt, sein Markenbild als Persönlichkeit und die hinter ihm stehende Community dauerhaft in eine Richtung binden kann. Großes Plus: die mögliche weltweite Vernetzung der Gruppierungen untereinander (Vergleich: Attac oder Greenpeace), was es auf politischer Ebene bisher nicht so gab.

  2. Zwischen Emotion und Pathos | Werbeblogger - Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Zwischen Emotion und Pathos

    [...] wird nicht über die Ratio, sondern über die Emotion angesprochen. Ganz so, wie es die Marke Obama gezeigt hat und sich in diesem Spot durch die Worte und das Verhalten des farbigen [...]

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Eure Kommentare

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  • ralf schwartz: @Markus Danke. Und: Interessant. In allen Altersgruppen? Eher von Männern oder von Frauen?
  • Markus: toller Artikel. “Erstmal zu Penny” ist für mich ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Slogan aus der jüngeren...
  • ralf schwartz: @Hen Du unterstellst also, da gäbe es noch Hirn!? Ich habe manchmal wirklich nicht mehr den Eindruck. Wenn man sich allein diese...
  • ralf schwartz: @Marcel Hast Du ein Blog? Kann man irgendwo die Arbeit lesen? Wäre doch bestimmt spannend …
  • ralf schwartz: @AndreasK @Armin Hehe, danke für die Links! Cool.
  • Hen: In diesen Kommunikations-Etagen scheint ein Virus umzugehen, der rasende Kopfschmerzen verursacht, sobald sich im Hirn ein eigenständiger...
  • Marcel: Interessanter Artikel. Ich bin auch der Meinung, dass hinter den angeblich so tollen Slogans nichts dahintersteckt. Wobei ich sagen muss,...
  • Sascha: Danke für den Beitrag, ein schönes Fazit – ich bin ganz bei Euch!
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