19:08 Uhr
Die Grabenkämpfe des Andrew Keen
Link: www.youtube.com
“Amateure bevölkern das Web und verdrängen die Qualitätsinformationen in die hinteren Schubladen der Informationsgesellschaft!”
So oder ähnlich lautet eine der Thesen des selbsternannten Oberkritikers des partizipativen Webs, Andrew Keen. Die ungeprüfte Veröffentlichung von Inhalten und Beiträgen der Ahnungs- und Verantwortungslosen übersähe das Web mit Unwahrheiten und Halbwissen, überlagere damit relevante Informationen, führe u.a. zum kulturellen Chaos und fördere die kollektive Verdummung, da “bewährte Experten” ihre traditionelle Aufmerksamkeit nicht mehr erhielten.
Da ich nun nicht davon ausgehe, dass das Web demnächst geschlossen wird, ist es dann wohl an der Zeit, zu überlegen, wer denn im Web eine entsprechende “Wächterfunktion” übernehmen sollte. China vielleicht, Google oder gleich bestimmte verirrte Genossen der alten Doktrin, denen die Darstellung ihres Werdegangs nicht passt?
Oder ist es nicht vielleicht doch besser, die Überheblichkeit von Keen richtig einzuordnen, die den Web-Nutzern das Vermögen abspricht, ihre ganz persönlichen Informationsquellen selbst zu wählen, richtig einzuschätzen und sich aus der Vielzahl an Angeboten ein deutlich abgewogeneres Meinungsbild zu schaffen, als es die veralteten Medienstrukturen je zu vermitteln vermochten?!
Das Web ist ein gigantisch wachsendes Abbild der Gesellschaften und sozialer Kommunikation auf digitaler Ebene. Zweifellos findet sich daher auch Informationsmüll, Sex & Crime, (subjektiv) Irrelevantes oder einfach nur Belangloses wieder, ganz so wie es auch in der Realwelt zu beobachten ist und aus der es in das Web hineingespült wird.
Das Besondere des Internets ist dabei, dass weltweit alle Veröffentlichungen, Beiträge und Kommentare und sozialen Interaktionen digital archiviert sind. Damit ist das Web auch ein riesiges Sozialarchiv nicht in erster Linie der gesellschaftlichen Gegenwart, sondern der Vergangenheit, mit allen Herausforderungen für die Nutzer.
Im weitesten Sinne könnte man die Bewältigung und richtige Einschätzung der neuen Vielfalt von Aktualität und Vergangenem in diesem Medium als “Medienkompetenz” beschreiben. Bildung und Aufklärung bekommen auch unter diesem Aspekt noch einmal eine besondere Dimension, vor allem für die junge Generation.
Andrew Keen schildert nichts anderes als bestimmte gesellschaftliche und intellektuelle Zustände an sich, unabhängig vom Medium. Das Internet bildet sie nun vollständig und weltweit ab. Für manche ist das zuviel der Realität und sie würden gerne für sich und andere den “Ausknopf” oder den guten alten Erzählonkel für das Präkariat einführen.
Zeitgemäß und zukunftsgewandt ist das nicht.
12 Kommentare
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- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...
- Ralf Hillmann: Da kann ich nur sagen, die Bezeichnung Video-Perle passt einfach perfekt. Da soll noch einmal jemand behaupten Werbung habe nichts...
- ralf schwartz: @Gerry K. Ich selbst rege mich immer am meisten über irgendwelche Tricks der Agenturen und Werbungtreibenden auf, aber die Angabe...

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Am 15. November 2008 um 21:33 Uhr
Tatsächlich findet sich schnell viel Müll, wenn man nach was Bestimmtem sucht. Das diffuse Gefühl, nicht an das ranzukommen,was man wirklich wissen will, kenn ich also auch.
Aber die echten Gründe liegen woanders:
Das liegt nicht an den von Keen verdammten sich vermehrenden “Webproleten”, die selber Inhalte schreiben und anbieten, sondern an den an von Black and Grey Hat SEO verseuchten und verzerrten Google-SERPs (= die ersten 10 Suchergebnisse auf der ersten Seite). Bevor der User da an sein Happchen per Suchwort kommt, muss er an zig per Linkspamming und Keywords (die die gepriesene Landing Page dann gar nicht aufweist) hochgejazzten Müll-Sites vorbei (Porn, Auto, Klingelton, Versicherung und Handies, Verlage sic!).
Der User ist nicht blöd, wie sich Keen als selbsternannter Wächter sich das vorstellt, sondern ist durchaus in der Lage, selbst zu finden ohne jemanden, der ihm sagt, was er lesen soll, und sich seine Inhalte zusammenzustellen.
Am 16. November 2008 um 12:35 Uhr
[...] ich habe jetzt einen Beitrag dazu geschrieben, also deine Ideen, Ansätze und Meme rekombiniert – offensichtlich fühlten sich einige davon berufen, diese rekombiniert zu replizieren. [...]
Am 16. November 2008 um 13:34 Uhr
> Die ungeprüfte Veröffentlichung von Inhalten und Beiträgen der
> Ahnungs- und Verantwortungslosen übersähe das Web mit
> Unwahrheiten und Halbwissen, überlagere damit relevante
> Informationen, führe u.a. zum kulturellen Chaos und fördere die
> kollektive Verdummung (…)
Ja, seit die großen Verlage noch mehr sparen müssen, kann man
dem durchaus zustimmen. ;)
Am 16. November 2008 um 14:02 Uhr
Die inspierierensten Informationen habe ich sicherlich nicht aus Onlineangeboten der Verlage, also das was Keen als Qualitätscontent beschreibt.
Inspirierende Inhalte habe ich durch die Empfehlung von Menschen aus dem Netz bekommen. Das sind oft Bücher, aber eben auch Websites, Blogs, Youtubevideos oder Forenbeiträge. Ja, sogar Kommentare! ;-)
Zeitschriften, Tageszeitungen etc. pp sind mir dabei so gut wie gar nicht begegnet.
Aber Relevanz ist und bleibt eine rein subjektive Geschichte und Keen macht nix anderes als sich memetisch per Polemik und Provokation gut im Web2.0 zu platzieren: brainblogger.de/2008...
Am 16. November 2008 um 14:03 Uhr
“inspierierensten”
D’oh! I’m dumb as web 2.0!
Am 16. November 2008 um 20:49 Uhr
Während der letzten Le Web traf ich Andrew Keen beim Kaffee zusammen mit Emily Bell der Chefin vom Online-Guardian. Es war ein Gespräch, das verwunderte. Keen fehlt in vielen Bereichen grundsätzliches Internet-Wissen. Wir beide hatten den Eindruck: Da reitet einfach einer, der nen Verlag gefunden hat, ne Welle. Wirklich Ahnung hat er aber nicht.
Am 17. November 2008 um 00:56 Uhr
Er hat ja in vielen Punkten recht.
Er spricht von der entmoralisierung der Medien durch Blogger. Ich lebe in China, und sehe hier schon sehr oft wie blogger Bilder veroeffentlichen, die regulaere Medien nicht veroeffentlichen wuerden, z.B. Bilder von toten. Sie fragen hier wer denn das Internet kontrollieren soll ? Wie waere es mit Redakteuren, die sowas lernen, wie man mit Informationen verantwortlich umgeht.
Dann spricht er davon wie der ganze Youtube and Facebook Muell Qualitaetsinhalte im Internet ersetzt. Wer das nicht glaubt, sollte nochmal schnell auf Spiegel Online den Beitrag von gestern raussucht, der davon berichtet wie viele Zeitungen in Amerika dicht machen, vor allem auch weil junge Menschen kaum noch etwas redaktionelles lesen, sondern ihre Zeit auf Facebook-Walls verschwenden.
Er sagt, jeder spricht, aber kaum einer hoert noch. Ich betreibe selber ein grosses English-sprachiges Medium hier in China. Aber statt noch viel zu lesen, browse ich jeden Tag oberflaechlich ueber 30-40 blogs drueber. Die Flut an content im Internet fuehrt zu abstumpfung. Natuerlich kann man sich aussuchen, was man liest, und man muss ja nicht 30-40 blogs oeffnen, aber es wird einfach so sehr viel schwieriger guten content herauszufiltern.
Er sagt, dass Web2.0 Jobs vernichtet, weil es sich heute nicht mehr lohnt Content zu generieren, weil Content ja kostenlos ist. Meine erfolgreichste Konkurrenzseite generiert nur 10% eigenen content, der rest ist einfach copy&paste von regulaeren Medien. Und selbst fuer die 10% werden keine editoren bezahlt (eben so wie er sagt bei Huffingtonpost). Trotzdem sind sie bei allen relevanten Google abfragen ganz weit oben, weil sie teil on einem internationalen Blogger Netzwerk sind.
Am 17. November 2008 um 01:47 Uhr
Andrew Keen: Ein Meister aus Hampstead…
[...] konnte ich mir nun endlich diesen Radiomonolog von Andrew Keen antun, zu dem Roland von den Werbebloggern am Samstag eigentlich schon alles sagte, was sich dazu sagen läßt [...]…
Am 17. November 2008 um 12:29 Uhr
@Alex: Bilder von Toten werden in den klassischen Medien nicht gezeigt? Das wäre mir aber neu.
Einige Redakteure sollen für mich also entscheiden, welche Inhalte “gut” für mich sind? Wieso nicht gleich das ganze verstaatlichen oder doch lieber in die Hände von Murdoch und Berlusconi geben?
Ich glaube auch kaum, dass Tageszeitungen deshalb kaupttgehen, weil junge Menschen auf Facebookwalls schreiben. Sie gehen kaputt, weil sie als zeitgekoppeltes Medium, außer der Replikation von “News”, scheinbar nichts mehr zu bieten haben.
Tja, wenn schneller Content nicht mehr geht, sollte man sich ganz einfach ein anderes Geschäftsmodell suchen. Das Gejammer darüber ist einfach nur Zeitverschwendung. Wenn einem doch bewusst ist, dass es so ist, wieso setzt man seine Energie nicht einfach dazu ein, neue Modelle zu entwickeln, die wieder funktionieren?
Am 18. November 2008 um 11:59 Uhr
Touché sagt man da wohl. Ein wunderbarer Artikel. Die Kernaussage für mich:”Das Web ist ein Spiegel der Realwelt” und dies mit all seinen Qualitäten aber auch seinen Unzulänglichkeiten.
Auch die zuletzt genannten können kein Grund sein, gewissen Herrschaften, mit all Ihrer Selbstherrlichkeit, Gehör zu schenken.
Am 24. April 2009 um 11:22 Uhr
[...] User-Generated Media Are Destroying Our Economy, Our Culture, and Our Values letzten November unter Die Grabenkämpfe des Andrew Keen, Martin Ötting unter Die Stunde der Stümper, Andrew Keen und ich selbst unter Andrew [...]
Am 8. Mai 2009 um 12:51 Uhr
[...] wirklich fabelhafte Überraschung, dass ausgerechnet der auch von uns im Werbeblogger vielfach schwer kritisierte Andrew Keen in seiner kritischen Gegenposition die Würze ins Spiel brachte. Nicht etwa sein [...]