13.11.08
13:31 Uhr

Mund-zu-Mund Beatmung oder Mundpropaganda?

{lang: 'de'}

Durch den Hinweis eines Kommentators durfte ich diesen fürchterlichen Begriff wieder einmal lesen: Mund-zu-Mund Propaganda, zu finden in den üblichen Klickstrecken eines Artikels in der Welt über die Marketing-Strategie des Obama-Wahlkampfteams.
Offensichtlich wird hier wohl irrtümlicherweise ein Kunstwort geschaffen, welches aus der gängigen „Mund-zu-Mund Beatmung“ und Mundpropaganda rekombiniert wird. Dieser verbale Irrläufer gibt aber dennoch eine schöne Vorlage, um noch einmal über die Begriffe und ihre Wesenszüge im Marketing-Kontext nachzudenken…

Mund-zu-Mund Beatmung könnte nämlich durchaus auch auf das Marketing übertragen werden, zum Beispiel als akute Rettungsmaßnahme, werbeohnmächtige Verbraucher reanimieren zu wollen, die sich ob der Flut an irrelevanten Botschaften einfach nur selbst etwas „Ruhe“ gönnen. Das Problem an werblicher Mund-zu-Mund-Beatmung ist leider, dass es nur einseitig passiert, alles andere nennt man dann Küssen und auch aus „Marketingsicht“ wäre diese Art der partnerschaftlichen Werbebefruchtung sowieso besser.

Beatmung ist aber tatsächlich genau das, was unsere Konsumgesellschaft nach Meinung vieler Marketers und Werber braucht. Konsum muss immer wieder durch direkte Infiltration stimuliert werden, ob die Leute es nun wollen oder nicht. Ob sie es brauchen oder nicht. Ob sie es wahrnehmen oder nicht. Ob sich es sich überhaupt leisten können oder nicht. Ganz so wie die Immobilienfinanzierungsstrategie in den USA, die immer weiter „reingeblasen“ hat, ohne an die Konsequenzen zu denken.
Damit steht der Beatmer für einen ganzen werblichen Industriezweig, der von Konsum und einer vitalen Absatzfreude der Menschen lebt. Jeder sich auf der Wiese entspannende, die Augen schließende Konsument, der nur etwas Ruhe möchte, könnte Opfer dieser Reanimateure werden. Man nennt das dann stellenweise auch „Guerilla Marketing“, also die Beatmung des Konsums an Orten, an denen man üblicherweise Rückzug und etwas Abgeschiedenheit sucht.

Mundpropaganda ist etwas völlig anderes. Sie passiert sozial und auf Augenhöhe. Alle Teilnehmer sind zugleich Sender und Empfänger von Informationen, die eben auch aus Konsum- und Markensicht relevant sein können. Der entscheidende Aspekt: Mundpropaganda kann nicht „von oben herab“ befohlen werden. Mundpropaganda ist Empfehlung, die freiwillig im sozialen Miteinander der Menschen entsteht.

Sicher, Mundpropaganda kann auch extern stimuliert werden, zum Beispiel durch Produkte, die in sich eine besondere Eigenschaft tragen, über die sich die Menschen erzählen. Unter Umständen kann auch eine Agentur zur Mundpropaganda anregen, wenn die Geschichte rund um das Produkt denn passt.

Aber Mundpropaganda ist nur bis zu einem gewissen Teil überhaupt messbar. Wer beginnt, diesen Teil der menschlichen Gespräche als Online-Business-Modell anzuzapfen, bekommt es mit einer ordentlichen Portion negativer Mundpropaganda zu tun, die sich massiv gegen die „Störer“ selbst richtet. Dieser Umstand ist eines der großen Probleme, mit denen sich soziale Netzwerke im Kontext von Monetarisierung und Werbung herumschlagen müssen.

Das soziale Miteinander, welches online zu enormen Klickraten führt, lässt sich nicht so einfach vermarkten. Die Aufmerksamkeit der Social-Network-Nutzer auf klassische Werbebanner ist dramatisch schlecht, im Gegensatz zu Google-Ads, die dem im „Suchmodus“ für Inhalte, Marken und Produkte befindlichen Verbraucher ggf. doch einmal einen relevanten Treffer bieten.

Es bleibt als die große Herausforderung für alle Marken und Werber, die sich (mehr) positive Mundpropaganda für die eigenen Marken wünschen, die Mund-zu-Mund Beatmungsbemühungen etwas mehr zurück zu fahren. Zwar kann man auf diesem Weg auch ganz wunderbar einen Virus übertragen, aber der zu Beatmende wird in der Regel eher (marken-)krank als positiv infiziert, außerdem erkennt das Opfer die Marke dabei gar nicht so genau – bei so viel falsch verstandener Lebensrettung.

5 Kommentare

  1. Martin Oetting

    Danke für dieses, das kann ja offenbar nicht häufig genug festgestellt werden … Und dazu endlich mal ein kreativer themenadäquater Umgang mit dem Mund-zu-Mundungetüm … ;)

  2. r3lite

    Na ja… das Wort „Mund-zu-Mund-Propaganda“ trifft eigentlich doch den Kern der Sache eher, würde ich sagen, auch wenn es ein Wortungetüm ist. Denn: Es ist ja nicht so, dass sich solche Sachen wie normale Gespräche entwickeln, sondern eine Partei überzeugt die andere von einer Sache, dass ist quasi schon ein „einblasen“, nur ist der andere dabei nicht willenlos. Dass das außerdem nicht messbar sein soll, halte ich für Unsinn.

  3. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @r3lite: Ich schätze, da haben wir wohl ein gänzlich unterschiedliches Verständnis von Mundpropaganda.
    connectedmarketing.d...

  4. Annette

    Danke, danke, danke. Wie oft hab ich schon gequengelt, dass Mund-zu-mund-propaganda keinen Simm macht. Egal was r3lite dazu meint.

  5. Mundpropaganda im Schwitzkasten der Propaganda | Werbeblogger – Weblog über Marketing, Werbung und PR » Blog Archiv » Mundpropaganda im Schwitzkasten der Propaganda

    […] werden durch diese Echokammern sehr effizient verbreitet womit Propaganda oft genug unter dem Deckmäntelchen der Mundpropaganda erscheint. “Freund und Feind” hierbei zu unterscheiden ist ein schwieriges Unterfangen, […]

Eure Kommentare

Feed
  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
Adscene: The Kaiser Report
Werbeblogger Late Night Podcast
Werbeblogger Podcast auf iTunes abonnieren



Wordpress-Blogsoftware
blogoscoop