28.10.08
13:48 Uhr

Das Online-Prekariat

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Ein Gedanke, der sich aus unserem Gespräch mit Jung von Matt Strategievorstand Karen Heumann ergeben hat, lässt mich nicht ruhen. Welche Kundengruppen wollen tatsächlich online über Marken reden? Welche Kaufkraft repräsentieren diese Gruppen im Verhältnis zu den klassischen Medien?

Frau Heumann wies im Gespräch darauf hin, dass Menschen, die in Vollbeschäftigung seien, vermutlich kaum Zeit hätten, sich in Blogs und Foren zu tummeln, die große Mehrzahl sei nach wie vor eher bereit, sich abends nach Feierabend vor den Fernseher zu setzen.
Außerdem sei- der Logik der klassischen Erwerbstätigkeit folgend- auch genau bei diesen Gruppen eher eine Konsumbereitschaft und Geld vorhanden, als bei Menschen, die „zuviel Zeit hätten“ und sich daher ausgiebig im Internet tummeln könnten.
Aus gleicher Branche und ähnlichem Kontext erfuhren wir kürzlich von der „Army of Davids“und ihren „Loser generated contents“, sozusagen den Trash-Inhalten vom Prekariat für das Prekariat. Die „Klowände“ lassen grüßen.

Dieses (kommunizierte) Medienbild von TOP-Werbern ist aus meiner Sicht äußerst irritierend. Zweifellos gibt es im Web eine Menge Schrott, wie auch in anderen Mediengattungen, allerdings erspare ich mir hier einen Vergleich mit den TV-Pendants, die teilweise an massenpublizierter Dämlichkeit kaum zu überbieten sind.

Die Mediengattung bestimmt schon lange nicht mehr die „Qualität“ eines Medieninhaltes, ebensowenig wie sich die Nutzer eines Mediums sauber von denen eines anderen Mediums abgrenzen lassen könnten. Allenfalls ist es im Internet viel aufwändiger, sich in feingliedriger Mediaanalyse und Zielgruppenansprache zu betätigen. Lineares TV ist da noch immer deutlich einfacher zu beherrschen, geprägt durch einen Markt, der sich selbst befruchten will, allerdings auf zunehmende Un- und Trennschärfe der Marktforschungsanalysen trifft.
Die Menschen als Medienkonsumenten sind nicht mehr „berechenbar“. Sie sind volatil wie ein Blatt im Wind, vor allem die jüngere Generation, die in wenigen Jahren zur nächsten „werberelevanten Zielgruppe“ heranwächst und die heutigen „Best Agers“ in den Ruhestand schickt.

Nichts, aber auch gar nichts, hat diese Entwicklung zunächst mit den Sozialstrukturen zu tun, die sich in unseren Gesellschaften durchaus problematisch verändern. Prekariat, Armut, erodierende Mittelschicht, Arbeitslosigkeit und Bildungslücken sind u.a. Ausdruck eines schwächelnden Sozialstaatprinzips und einer schwindenden gesellschaftlichen Solidarität.
Ihre Ausdrucksformen erscheinen mit großem „Sendungsquotenbewusstsein“ bei vielen Privatsendern (auch zur Prime-Time) und ebenso finden wir im Web Gossip-Formate und Trash-Inhalte, auf die der eine oder andere sicher verzichten kann.
Eine Abgrenzung in Richtung Kaufkraft -hier die arbeitende Bevölkerung mit vollem Portemonnaie vor dem TV, dort die Teilzeitarbeitskaufkraftlosen im Web- ist absolut eindimensional und fehlleitend, auch für ein gutes Planning in Werbeagenturen.

51 Kommentare

  1. Vroni

    Wenn Markeninhaber Folgendes über ihr Verhältnis zu Agenturen sagen „Wir sind der Hausherr – und die Agenturen Handwerker, die das Gebäude nach unseren Vorstellungen realisieren“ sieht es allerdings nicht gut aus.

    Aber für beide Seiten. Auch für den Markeninhaber.

    Wer die Agentur hochherrschaftlich auf den technischen Ausführer und Ausführer/Ausbesserer von Kundenideen reduziert, nimmt sich einfach das Potenzial weg, das er nutzen könnte. Wie wärs mal zur Abwechslung mit Partnerschaft? Anders lassen sich doch viele aufgaben gar nicht mehr lösen.

    Ich kann nur über dieses Muskelspiel den Kopf schütteln. Aber über Agenturen, die ihre Beratungsleistung missbrauchen genauso. Zu neutralen Beratern: Es gibt keine neutrale Beratung, wenn man es sehr genau nimmt.

Eure Kommentare

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  • Tom: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein guter Texter oder auch Grafiker meistens besser verdienen als bei gehalt.de geschrieben....
  • WERBOU: Ich denke es ist in der Werbebranche sehr unterschiedlich. Gerade was in Sachen Grafik geht, wird meistens der Preis ziemlich gedrückt, was...
  • Thomas Beichel: Wirklich geschmackvoll ist der Werbebanner wirklich nicht, aber jede Werbeagentur wird ihnen recht geben, denn die Werbung erfüllt...
  • Sebastian: Was ich nie verstehen werde warum die nicht wirkliche Kulanz walten lassen. 10€ Guthaben tun dem Anbieter nicht weh.. für ihn bedeutet...
  • Roland Kühl-v.Puttkamer: Nein, tot nicht, wir leben und arbeiten ja alle und auch der Werbeblogger ist online ;-). Für die nähere Zukunft der...
  • Tina: Ist der Blog tot? Wäre echt schade
  • Gatzetec flashlights for friends: Wir denken der Auftrag wurde erfüllt. Gute Werbung für das Produkt und man schaut zweimal hin :-) Gibt es...
  • Detlef Arndt: Als Marketing Experte müsste man auch wissen, warum das so ist. Angebot und Nachfrage sind hier nicht im Einklag. Klare Sache. Daher...
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