08.10.08
14:12 Uhr

Bemerkenswert selbstkritisch

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Die Medien und insbesondere ihre Finanz- und Wirtschaftressorts haben zu wenig investigativ und viel zu defensiv auf die schon länger bekannten Entwicklungen auf dem Kapitalmarkt hingewiesen. Zu dieser Erkenntnis kommt Wolfgang Kaden selbstkritisch in einem Artikel auf Spiegel Online.

Auch die Berichterstatter (den Autor eingeschlossen) spielen eine unrühmliche Rolle. Viele Medien haben eine Wächterfunktion, derer sie sich gern rühmen und deretwegen sie auf ihre Unabhängigkeit pochen. Diese Aufgabe, Misstände aufzudecken, haben die Wirtschafts- und speziell die Finanzjournalisten in diesem Fall oft unzureichend oder gar nicht wahrgenommen. Sie haben die Undurchschaubarkeit der von den Investmentbanken konstruierten Wertpapiere nicht angeprangert; sie haben, in Deutschland, keine Rechercheanstrengungen unternommen, um die ausgelagerten „Zweckgesellschaften“ zu enttarnen; sie haben viel zu unkritisch das verantwortungslose Treiben der Investmentbanker beschrieben.

Zur Zeit wird viel über Vertrauen und seine Bedeutung für die Finanzmarktkrise gesprochen.
Es ist eines der größten Ärgernisse in diesem Zusammenhang, dass bestimmte Meinungsführer aus Politik, Medien und Wirtschaft immer noch meinten, eine Panik oder bank run dadurch verhindern zu können, dass man konkrete Entwicklungen und Sachverhalte in der Öffentlichkeit beschwichtigend und damit vermeintlich im Sinne des Gemeinwohls und der Staats- oder (eigenen) Wirtschaftsraison vermittelte. Das genaue Gegenteil ist der Fall.

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7 Kommentare

  1. HerrK

    Die Finanzjournalisten haben sicherlich ihren Teil dazu beigetragen das wir nun dort gelandet sind, aber das Hauptübel waren und sind doch ganz klar die Banker. Scheiss Zahlen Hin- und Herschieberei – aus viel Geld noch mehr Geld machen. Das Ganze wird noch richtig böse enden…

  2. Vroni

    Ich weiß nicht, was ich von dieser Selbstzerknirschung halten soll:-) Ich warte erst mal ab, ob sie in Taten mündet…

    Wackere Aufklärer gibt es dennoch, halt nicht mehr in Journaille.
    Z. B. den SdK, der den Aktionärsreport und das Schwarzbuch Börse herausgibt. Da stand/steht genug schon vor einem Jahr drin, man hätte es nur noch lesen müssen.

  3. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Vroni: Klar, nach Worten müssen Taten folgen. Wir werden es lesen…oder eben nicht ;-)

  4. Vroni

    Täter und Opfer:

    Nicht nur die Banker sind „schuld“. Was ist mit dem Aktionär. Was ist mit dem Anleger, der den Versprechungen der Fondsmanager nach immer mehr Redite gierig folgte?

    Den Aktionär des alten Schlags, der in Firmen investiert und sie begleitet, gibt es doch schon lange nicht mehr. Wir haben die neue Type des internationalen Shareholders gefördert, der keine Treue kennt, der kauft/verkauft nach möglichst viel Rendite. Wir nannten das Markt.

    Realistische Unternehmenskennzahlen, Gegengewichte, und Balance zu/in echten Werten interessierte doch niemanden. Und keinen hat das recht gestört. Es gilt als clever, zu raffen was geht, als gäbe es kein Morgen; Smartshopper allenorten. Ich habe zumindest nirgendwo geharnischten Protest gegen diese Art Aktienunkultur vernommen, nur ab und und mal Gemurmel durch die Wolldecke gegen die pöse Quartalshektik, die die „gepeinigten“ börsennotierten Firmen in immer „erfolgreichere“ Szenarios treibe. Aka Entlassungen erst recht in guten Zeiten, um die Gewinne noch mehr zu erhöhen. Aka Hektik, Personalmangel und Zeitverdichtung in den Unternemen selber.

    Also ich habe keine echten Anstrengungen gegen diesen pervertierten Shareholder Value gesehen. Nicht von der Politik, nicht von Journalisten, und ich hab auch kein Aktionär gesehen, der das ersnthaft in Frage gestellt hat. Alle haben sie mitgemacht in dem immer abstrakteren Pyramidenspiel mit abstrusen neuen Finanzprodukten. Schuldzuweisungen und Selbstzerknirschungen jetzt sind Kinderkacke.

    Mir tun nur die Hypothekennehmer in den US leid, man hat sie kräftig balbiert. Kalkulierten die einschlägigen Banken doch von vornherein damit, dass diese Kunden irgendwann nicht zahlen könnten und man diese Häuschen einsacken und prima weiterverkaufen könne. Tricks und Dünkel gegen kleine Leute, die aus der Alten Zeit Amerikas stammen, die John Steinbeck bereits beschrieb („Früchte des Zorns“), später Grisham. Dumm nur, dass die gesunkenen Preise solcher Immobilien diese Rechnung nicht aufgehen lasen. Statt solchen Banken gutes Geld nachzuwerfen, hätte die amerikanische Regierung besser daran getan, das Geld den aus ihrem Haus Gejagten zu geben, damit sie zumindest bleiben können. Dann wäre es wenigstens noch da.

  5. Vroni

    Q.e.d.:

    Dass sie’s (die Politiker) immer noch nicht gerafft haben und am derzeitigen Finanzsystem kleben wie tote Fliegen, sieht man an Steinbrücks 8-Punkte-Plan: Eine grundsätzliche Kritik/konkrete Änderung am quartalsorientierten Shareholder Value kommt gar nicht vor. Er konzentriert sich in allen Punkten auf Haftung, Gehälter der Topmanager und das Verbot des short Gehens. Er hat das Wichtigste ausgelassen.

    Ich halte den Plan daher nicht für an die Wurzel gehend, sondern für oberflächlich und populistisch, weil er nur geschickt den derzeitigen argen Volkszorn auf die Investmentbanker ausnützt.

    Genauso wie der Spiegelschreiber des zerknirschten Artikels edel und gut Wetter machen will, damit man nicht glaubt, alle Journalisten seien gekaufte Bräute. :-)

  6. hanswurst

    Die Krankheit die nun ausgebrochen ist begann nicht vor einem Jahr oder zwei, als die ersten Banken erstmals signifikanten Abschreibungen gemeldet haben.

    Das Problem liegt Jahre wenn nincht Jahrzenhte in der lockeren Geldpolitik der Zentralbanken begründet. Die Kreditvergabe der amerikanischen Banken wurde dadurch angefeuert und die dummen Europäer haben Ihnen die Risiken die aus den zweitklassigen Darlehn entstanden sind auch noch abgekauft. Eine kritische Haltung ist eigentlich eine der Grundtugenden des Bänkers die aber leider in den letzten zwei Jahrzehnte ein Weltfremnden Risikoaffinität gewichen ist. Gestütz auf ein Vertrauen auf die Ratingagenturen sowie den Regulationswillen der Fed hat man die Risiken nicht wahr genommen (weil nicht genung hinterfragt und langfristig geplant). Das ganze gepaart mit einem Quartalsorientierten Anreizsystem welches sich an den Offenlegungskonventionen der Internationalen Kapitalmarkt-High-Society orintiert entstand nun dieser Klumpen, den man nun versucht mit einer ordentliche Portion Aktionimus runter zu spühlen.

    Und das zieht sich nun durch alle Bänke und mündet in solche Artikeln. Man müsste die Verantwortlichen einfach strikt zur Rechenschaft ziehen und damit sind nicht nur die Bänker gemeint, sondern alle die dieses System gefüttert haben (notenbanken, Rating Agenturen). Jeder Unternehmer der sein Geld verzockt haftet auch mit seinem privaten Vermögen. Und Angestellte die Verdienen wie Unternehmer, sollte auch entsprechende Risiken tragen.

  7. meistermochi

    der spiegel hat ja nun zudem in diversen bilderserien und glorifizierenden artikeln zahlreiche hedge-fond-manager sabbernd gefeiert!

    spiegel.de/wirtschaf...

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