22:47 Uhr
Seismische Wellen oder die Zensur beim Handelsblatt
Update: Aufgrund der Stellungnahmen hier und hier, wurde der Blogbeitrag überarbeitet.
Wie der Kaiser im Interview mit Faris Yacob schon ganz richtig bemerkte, sieht Deutschland der Bankenkrise momentan noch mit manierlicher Distanz im Stile einer Dokusoap entgegen. Bei unserer sozialen Marktwirtschaft kann sowas wohl kaum passieren. Unsere Rente Konten sind sischää. Nur doof, wenn ein Wirtschaftsjournalist des Handelsblattes in seinem Handelsblattblog VWL-Proffessor als Gastblogger im Handelsblatt etwas ganz anderes schreibt und damit sowohl den Hauskonzern Chefredakteur, sowie – vermutlich – auch jede Menge Werbekunden (u.a. einige Finanzinstitute) auf Trab hält. Unter anderem konnte man bis vor kurzem dort (und noch eine Weile im Google Cache) lesen:
Wenn Sie ein grösseres Konto bei der Commerzbank oder der von ihr geschluckten Dresdner Bank oder UBS oder Fortis haben, so sollten Sie froh sein. Denn noch können sie dort ihr Geld abheben: in aller Ruhe und ohne Schlange zu stehen. Die Einleger scheinen nämlich Nerven aus Stahl zu haben, und das ist gut so. Bisher ist ein bank run auf diese Institutionen ausgeblieben, und dabei könnte es auch bleiben.
Dabei stehen die Zeichen schon lange an der Wand. Die Dresdner Bank hat sich mit ihrem K2 Fond verspekuliert, und war schon lange das Sorgenkind der Allianz. Die Chinesen wollten die Dresdner nicht: nun hat die Commerzbank sie geschluckt. Mittelfristig sicher eine gute Idee – man kann im gemeinsamen Filialgeschäft viel sparen – aber kurzfristig ist das ein schwer verdaulicher Brocken, und die Risiken sind da. Die Aktie der Commerzbank hat seit Juli 2007 fast 60 Prozent verloren – so berichtete die FAZ am Samstag. Ich denke, der Aktienmarkt weiss schon warum. Und sollte es einen run auf die Commerzbank geben, dann ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Die Einlagensicherung des Bankenverbandes der Privatbanken ist nach dem Lehmann-Untergang so gut wie pleite.
Tja, Werbekunden pisst man nunmal nicht so ans Bein, oder um in der spekulativen Argumentation des Handelsblattes ganz auf amerikanischen Way of Life zu verweilen: Das geschieht alles nur zur inneren Sicherheit und zur Vermeidung einer Massenpanik. Update: Auch fürchtet man sich beim Handelsblatt vor rechtlichen Schritten, der im Beitrag erwähnten Unternehmen.
Hier die offizielle nachträgliche Begründung:
Grund für unsere Entscheidung war die Befürchtung, dass der Blog-Beitrag von Herrn Uhlig in der Öffentlichkeit irrtümlich nicht als die persönliche Meinung eines Wissenschaftlers, sondern als redaktioneller Beitrag des Handelsblatt wahrgenommen werden könnte und der Eindruck entsteht, das Handelsblatt rufe zu einem „Run“ auf die Commerzbank und andere Finanzhäuser auf.
In einer Situation, die ohnehin sehr fragil ist, wollten wir jedes Risiko ausschließen, durch missverständliche Äußerungen eine Panik in der deutschen Finanzindustrie zu verursachen. Dies haben wir höher bewertet als die Meinungsfreiheit unseres Bloggers.
Die Rede ist von glasklarer Zensur Selbstzensur, denn der Blogeintrag mit obiger zitierter Stelle wurde auf Drängen des Holtzbrinckkonzerns Chefredaktuers gelöscht. Der Blogautor selbst zog daraus eindeutige Konsequenzen und bat um die komplette Schließung seines Blogangebotes.
Das ist schon äußerst pikant und natürlich sind solche Meldungen erst recht massig Wasser auf die Mühlen der Panik. Welch ein Glück sind die Bankschalter und Börsen morgen sowieso geschlossen.
via Blogbar (danke auch an Dons Beiträge auf Rebellmarkt, der mir als “Werber, bleib bei deinen Leisten” das Thema der Weltfinanzverstrickung erst so richtig nahegebracht hat)
Nachtrag: Natürlich können solche Kommentare eines Wirtschaftsjournalisten beim Handelsblatt eine Selffullfilling Prophecy aka Bank Run füttern, jedoch ist eine Zensur nicht wirklich eine produktive Gegenmaßnahme, sondern einfach nur unnötige Ölspritzer ins Feuer.
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15 Kommentare
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Am 4. Oktober 2008 um 16:00 Uhr
[...] – Ich mag Holtzbrinck nichtlanu – Klassisches Eigentor von HoltzbrinckPatrick – Seismische Wellen oder die Zensur beim HandelsblattFeynsinn – Handelsblatt: Die neoliberale Variante der MeinungsfreiheitDon – Wie das Handelsblatt [...]
Am 4. Oktober 2008 um 17:06 Uhr
[...] kommt, einen Bank Run ausgelöst zu haben. Stattdessen lästern die Leute über die offene Zensur bei Holtzbrinck. Dabei ist Meinungsmanipulation bei Holtzbrinck wahrlich nichts [...]
Am 4. Oktober 2008 um 19:42 Uhr
tja, zensur…
wer will daran zweifeln?!
Am 5. Oktober 2008 um 10:46 Uhr
Seltsam, das einige Hausmeister in Klein-Bloggersdorf Zensur nicht vom Hausrecht unterscheiden können. Typisch Blogblah.
Und liebes Handelsblatt, wer so mit seinem Hausrecht umgeht, der wird von mir auch nicht gelesen. So wie die meisten anderen Blogs, die sich in “Zensur, Zensur”-Gegreine ergehen.
Am 5. Oktober 2008 um 11:15 Uhr
@Boogie: Sehe ich zum Teil ein. Es ist sicherlich keine offen ersichtliche Zensur von außen. Andererseits beschleicht mich das Gefühl, nach heutigem Platzen der Hypo Real Estate Hilfe, dass auch der Staat das eine oder andere Wörtchen mit den Medien redet, um einen BankRun zu vermeiden. Das täte auch den Vewrlagen weh, denn natürlich geht alles in den Keller. Es riecht nach Zensur, isses vielleicht gar nicht, dennoch ein erwähnenswerter kleiner Fall in der Chronik der Finanzkrise, zumal der Blogbetreiber beim Handelsblatt die Sache nicht so leicht wegsteckt.
Am 5. Oktober 2008 um 11:42 Uhr
Patrick, erlaube mir zwei Korrekturen.
1. Herr Uhlig ist nicht Wirtschaftsjournalist und nicht Mitglied der Redaktion. Er ist VWL-Professor. Das aber macht die Sache natürlich nur noch schlimmer, um es ironisch zu sagen: Denn mit Redaktionsmitgliedern kann man ja anders umgehen als mit externen Autoren, die dankenswerterweise ein Blog für uns führen.
2. Es gab keinen “Druck des Holtzbrinck-Konzerns”. Das ist, verzeih mir die Ausdrucksweise, Wirtschaft für Milchmädchen. Unsere Muttergesellschaft ist nun wirklich zu groß, um sich über Blog-Einträge Gedanken zu machen. Vielmehr war dies eine Entscheidung unseres Chefredakteurs.
Ich halte den Artikel von Herrn Uhlig ebenfalls für grenzwertig, vor allem, weil er spezifische Banken herausgreift. Dies hätte fur uns sogar justiziabel werden können.
Trotzdem ist hier zu vieles schief gelaufen. Es gab keine vernünftige Kommunikation mit Herrn Uhlig und auch zu wenig Absprache zwischen Online und Print. Dies lag aus meiner Sicht auch maßgeblich daran, dass diese Episode sich an einem Wochenende abspielte.
Leider, leider ist es auch weiterhin so, dass Print-Verlage in Sachen Web dazulernen müssen. Und zwar alle.
Am 5. Oktober 2008 um 12:08 Uhr
Am vergangenen Sonntag wurde auf Veranlassung der Handelsblatt-Chefredaktion der Beitrag „Die Welt-Finanzkrise: was ist los mit Commerzbank, Dresdner Bank, UBS und Fortis?“ aus dem Handelsblatt-Blog von Harald Uhlig entfernt.
Uns ist bewusst, dass dies einen tiefgreifenden Eingriff in das Blog von Herrn Uhlig darstellt.
Grund für unsere Entscheidung war die Befürchtung, dass der Blog-Beitrag von Herrn Uhlig in der Öffentlichkeit irrtümlich nicht als die persönliche Meinung eines Wissenschaftlers, sondern als redaktioneller Beitrag des Handelsblatt wahrgenommen werden könnte und der Eindruck entsteht, das Handelsblatt rufe zu einem „Run“ auf die Commerzbank und andere Finanzhäuser auf.
In einer Situation, die ohnehin sehr fragil ist, wollten wir jedes Risiko ausschließen, durch missverständliche Äußerungen eine Panik in der deutschen Finanzindustrie zu verursachen. Dies haben wir höher bewertet als die Meinungsfreiheit unseres Bloggers.
Wir bitten Herrn Uhlig und unsere Leser dafür um Verständnis.
Bernd Ziesemer & Sven Scheffler
Am 5. Oktober 2008 um 12:19 Uhr
@Patrick Das ich die Reaktion des Handelsblatt-Hausmeisters für unangemessen und kleingeistig halte, steht auf einem anderen Blatt. Zensur ist das jedoch nicht. Wer so mit freien Autoren umgeht, diskreditiert sich selbst auf’s heftigste. Das die “Ich schreib auf totes Holz”-Fraktion noch einiges dazuzulernen hat, hat Thomas Knüwer ja eben auch geschrieben. Ich befürchte allerdings völlige Beratungsresistenz. Das wiederum gilt aber auch für weite Teile der Klein-Bloggerdorf’schen Meckern-um-des-Motzens-willen Gemeinde. Der Zensur Vorwurf verhöhnt die Menschen (und darunter sind auch nicht wenige Journalisten) die tatsächlich von staatlicher Zensur betroffen sind. Ich kann da nur die Lektüre der Reporter Ohne Grenzen Website empfehlem.
Am 5. Oktober 2008 um 13:21 Uhr
Sorry Patrick, Zensur ist wenn man seine Meinung nicht kundtun darf und dies staatlich gefordert und durchgesetzt wird. Das liegt hier nicht vor.
Nichts hindert den Professor (der ja wie bereits gesagt eben nicht Wirtschaftsjournalist und Angestellter des Handelsblatts ist) daran sein eigenes Blog aufzumachen und seine Meinung dort zu bloggen. Genau wie dies im Grunde von verschiedenen Bloggern gefordert wird die keine Probleme damit haben ihnen missliebige Kommentare zu loeschen und missliebige Leute aufzufordern sich “zu verpissen”.
Wie Boogie schon gesagt hat, durch dieses staendige “Zensur!”-Geschreie wird der Begriff entwertet und die die wirklich darunter zu leiden haben verharmlost.
Am 5. Oktober 2008 um 13:58 Uhr
[...] Weitere Blogs mit zum Teil externer Beteiligung von freien Mitarbeitern wie z.B. das vor kurzem eingestellte Blog von Vokswirtschafts-Professor Uhlig ergänzen den Themenfächer von gut einem Dutzend [...]
Am 5. Oktober 2008 um 15:34 Uhr
Danke für die Stellungnahme Thomas, Herr Ziesemer und Herr
Scheffler.
Den Vorwurf der Zensur nehme ich zurück, er ist wohl auf emotionale Aufgewühltheit und kurzfristiger Unwissenheit entstanden. Dennoch schwelt weiterhin die Selbstzensur, also die Schere im Kopf, im Raum. Vielleicht ein drastischer Ausdruck, aber ich bin immer für provokante Thesen, um Menschen etwas zum kauen zu geben und so eine freie Diskussion über eine Thematik zu ermöglichen. Manchmal muss man so einen Dialog sogar zulassen, gerade um einen mögliche Panik zu vermeiden. Meine STrategie bei sowas ist immer den Wind aus den Segeln nehmen, wie ich oben bereits schrieb ist die Art und Weise wie man mit Herrn Uhlig umging nur zusätzlicher Anlass für Spekulationen, die in die gleiche gefährliche Richtung steuern.
Was mich wirklich beschäftigt, ist die Frage, welche Rolle ein Wirstchaftsmedium in Zeiten einer solch immensen finanziellen Krise einnehmen kann und überhaupt soll? Größtmögliche Aufklärung der Sachlage oder großtmögliche Vermeidung eines Flächenbrandes? Eines ist klar, jeder Entscheidung ist mit einem Vertrauensverlust verbunden. Auf der einen Seite das Vertrauen in das Finanzwesen und gar das Vertrauen in ein gesellschaftliches System, auf der anderen Seite, ein Vertrauensverlust auf seiten der überwachenden Medien.
Ist es also überhaupt noch im Sinne des Handelsblattes die Blogkultur aufrechtzuerhalten, wenn doch klar ist, dass eine freie subjektive Meinungsäußerung der jeweiligen Blogautoren gar nicht zu gewährleisten ist. Wieso bleibt man nicht bei den traditionell abgesegneten Kolumnen? Wieso möchte man den Anschein erwecken, dass hier frei von der Leber weg geschrieben werden darf, ohne Rücksicht auf ggf. Werbekundenverluste?
Am 5. Oktober 2008 um 18:14 Uhr
ein blog muss subjektiv sein, sonst ist es keiner.
dann muss die zeitung alle blogs einstellen.
Am 5. Oktober 2008 um 19:55 Uhr
@Boogie, Armin: Sorry, aber in Zeiten, in denen Konzerne und Institutionen über grösseren politischen und wirtschaftlichen Einfluss verfügen als manche Länder der sog. Dritten und Vierten Welt sollte das Festhalten an einem veraltetem Zensurbegriff, der dies lediglich als eine staatliche Massnahme definiert, langsam aber sicher überholt erscheinen. Zumal diese jetzigen Zeiten ja nicht ohne Grund oft auch als Informationszeitalter bezeichnet werden.
Wenn man Zensur als das begreift, was sie bewirken soll, nämlich Meinungs- und Informationskontrolle, dann ist die Verwendung des Begriffs “Zensur” für das Verhalten des Holtzbrinck-Konzerns in Gestalt des HB-Chefredakteurs sehr wohl angemessen.
Daran ändert auch nichts, dass solche Zensurmassnahmen in der heutigen Zeit sich immer häufiger als schwierig bis unmöglich erweisen, weil es auch andere Wege der Publikation gibt. Und dies bedeutet auch noch lange keine Respektlosigkeit gegenüber denjenigen, die von schärferen und drakonischeren Zensurmassnahmen bzw. anderen Folgen betroffen sind.
Im Falle der Löschung des Blogeintrags von Prof. Uhlig dies als ledigliche Wahrnehmung eines virtuellen Hausrechts zu Verharmlosen greift meiner Meinung nach zu kurz. Es wirft für mich aber ein weiteres erhellendes Licht auf das Selbstverständnis mancher Journalisten und Redaktionen in diesem Land, wem sie sich verpflichtet fühlen, in welchen Abhängigkeiten sie sich bewegen. Nein, das Bild von der Schere im Kopf ist überhaupt nicht drastisch sondern sehr treffend.
@Thomas Knüwer: Herr Knüwer, ungeachtet der Tatsache, ob es im Falle des Blogeintrags von Prof. Uhlig tatsächlich irgendwelche erbosten Anrufe, Mails, whatever und von wem auch immer gegeben hat oder nicht, tun Sie doch bitte nicht so, als ob es solche Reflexe und Mechanismen in unserer Gesellschaft, in der deutschen Presselandschaft nicht gegeben hat und nicht geben würde oder dass der deutsche Journalismus in seiner Gesamtheit oder Ihr Mutterhaus speziell gegen solche und andere Versuche der Einflussnahme immer immun waren, sind. Dies ist, verzeihen Sie mir die Ausdrucksweise, Soziologie und Politik für Einfaltspinsel. Natürlich liegt es aber in der Natur der Sache, dass meist lediglich gescheiterte oder zurückgewiesene Versuche bekannt werden bzw. publik gemacht werden. Verwiesen sei hier nur kurz auf die ihnen sicherlich bekannte Reaktion kürzlich auf einen Kommentar in ihrem Schwesterblatt Tagesspiegel. Andererseits, sagt ihnen Deckname “Dorothea” etwas?
Und was bitte schön konkret soll an dem gelöschten, als Meinungsäußerung klar erkennbaren Blogeintrag justiziabel gewesen sein? Etwa ein unterstellter Boykottaufruf gegen einzelne exemplarisch genannte Banken? Das Handelsblatt resp. ein Blogbeitrag als Auslöser einer Panik in der deutschen Finanzindustrie? Diese Erklärung ist doch geradezu grotesk und lächerlich und zeugt entweder vom nicht Vorhandensein irgendeines Rückgrat oder von massloser Selbstüberschätzung. Die einzigen, die in einer fraglos fragilen Situation hier panisch und hektisch wie ein Hühnerhaufen reagiert haben waren der für die Löschung zuständige Chefredakteur bzw. diejenigen, die ihn auf diesen Blogeintrag aufmerksam gemacht haben.
Herr Knüwer, abschliessend bin ich im übrigen gespannt, inwiefern sich ihre milde Einschätzung, dass massgeblich ein Wochenende für manche Fehlentwicklungen in Ihrem Hause in diesem Fall mitverantwortlich war, in Zukunft bei Ihren Bewertungen anderer auswirkt, wenn Sie mal wieder an einem Freitag ab 16/17Uhr niemanden für eine Stellungnahme erreichen.
Am 6. Oktober 2008 um 19:41 Uhr
[...] 2.10., 3.10.: Die ersten Blogs greifen das Thema auf. Darunter auch ein paar bekanntere wie Don Alphonso oder der Werbeblogger. [...]
Am 8. Oktober 2008 um 14:12 Uhr
[...] Wirtschaft immer noch meinten, eine Panik oder bank run dadurch verhindern zu können, dass man konkrete Entwicklungen und Sachverhalte in der Öffentlichkeit beschwichtigend und damit vermeindlich im Sinne des Gemeinwohls und der [...]