16:07 Uhr
Marktkommunikation 2009 – Teil 2
Marken, ab auf die Couch!
Wer sich mal etwas mit Freuds Psychoanalyse beschäftigt hat, der weiß, woraus seiner Ansicht nach die menschliche Psyche zusammengebaut ist. Freuds 3-Instanzen-Modell (bitte nicht verwechseln mit der Dreifaltigkeit) bestehend aus “Es”, “Ich” und “Über-Ich” versucht die menschliche Seele, also unser Sein und Bewusstsein logisch aufzudröseln. Das “Es” steht bei Freud für unsere evolutionären Mitbringsel aus der Primaten- und Vorprimatenzeit, also diejenigen genetischen Programme, die uns vögeln, fressen und ggf. andere töten lassen, so dass die Gene selbst sich munter durch die Weltgeschichte haben kopieren können. Der Mensch geht im allgemeinen davon aus, dass alle Lebewesen – außer ihm selbst natürlich – ausschließlich aus dem triebigen “Es” bestehen. Tierisch!
Dann komm’ icke
Erst das “Ich” macht den Menschen zum Menschen (laut Menschen und Freud) und verpasst ihm das entsprechende Bewusstsein, welches ihm ermöglicht Zusammenhänge logisch zu erfassen und somit mit Hilfe von Wahrnehmung, Gedanken und Kommunikation den eigenen Willen (wenn es ihn denn gibt) in die Realität zu manifestieren. Mütter und Väter werden diese Instanz ganz besonders schön bei ihren Sprösslingen im Alter zwischen 2 und 4 Jahren beobachten können. Dort agiert dann die Formel “NEIN!” oder “ICH WILL ABER” im Auftrag des “Ichs”.
Gott im Himmel und auf Erden!
Schließlich gibt es noch das “Über-Ich”, dessen einzige Funktion es scheinbar ist, das triebhafte “Es” und das egozentrierte “Ich” über Generationen hinweg per Erziehung, Kommunikation und Wissensarchivierung in Zaum zu halten. Reines Eigeninteresse steht nämlich dem Fortkommen der Spezie Mensch im Weg, denn ganz alleine würde ein Mensch niemals die gesamte Natur und deren alltäglichen Herausforderungen und tödliche Gefahren in den Griff bekommen. Manche Menschen können zum Beispiel nur zu zweit ihr Geschäft verrichten. Er würde über kurz oder lang also ziemlich schnell aussterben, wenn der Mensch immer nur für sich selbst denkt und handeln würde. Das altruistische Verhalten ist also reiner Selbstzweck, wie auch schon der Evolutionsbiologe Richard Dawkins in seinen Werken feststellen musste.
Marken-Instanzen
Um nun wieder die Kurve zu Marken und deren Kommunikation zu bekommen, muss ich zunächst wieder einmal mehr den Autor der Marken-Genesis zitieren, nämlich Hans Domizlaff:
Jede Marke hat ein Gesicht, wie der Mensch.
Wenn wir davon ausgehen, dass Domizlaff Recht hat (ich glaube das), dann sind Marken also gedankliche (Zerr)Spiegelbilder von Menschengruppierungen, genannt Unternehmen, oder eben Materialien von Menschen für Menschen geschaffen. Somit wäre es auch möglich der Marke ein “Es”, ein “Ich” und ggf. eben auch ein “Über-Ich” zuzuweisen. Das “Es” wäre dann angesiedelt im reinen marktwirtschaftlichen Triebleben, also der Profitgier (fressen), dem Expandieren (vögeln) und dem Konkurrenzkampf (töten, verdrängen). Bei eigentlich fast allen Unternehmen wird man diese drei grundlegenden Eigenschaften in mehr oder weniger starker Ausprägung vorfinden. Nun darf man natürlich nicht vergessen, dass auch Werbeagenturen Unternehmen (Marken) sind, die logischerweise ebenfalls diesem von mir pseudonaturwissenschaftlich konstruierten Schema folgen. Auch sie fressen, vögeln und töten um sich selbst zu erhalten, benötigen aber eben ganz besonders andere Unternehmen um dabei zu überleben. In der Natur würde man das, je nach Blickwinkel und Grad der biologischen Gerechtigkeit, entweder als Symbiose oder Parasitismus bezeichnen. Aber das sei nur nebenbei erwähnt und ich spare mir die Seitenhiebe auf einige Zumftvertreter, die eher ihr eigenes Image via Unternehmenskommunikation verkaufen, statt deren Produkte.
Des Pudels Kern
Konzentrieren wir uns lieber auf das “Ich”, also dem Kern der Marke. Darunter fällt sozusagen das gesamte Tagesgeschäft. Es werden Strategien entwickelt, Netzwerke geknüpft, Produkte entwickelt, eingekauft, verkauft also summasummarum unternehmerisch gehandelt. Das “Ich” wird dabei repräsentiert von der externen, wie auch internen Kommunikation (analog beim Menschen, der innere Dialog, also das Selbstgespräch und das äußere kommunikative Gebahren, verbal wie nonverbal), nur dass jede kleinste Zelle eines Unternehmens (vom Reinigungspersonal bis zur Chefetage) zu einem Ganzen sich vereinigt und damit auch nach außen wie innen die Persönlichkeitsstruktur mehr oder weniger deutlich wiedergibt. Wobei man das dann eher so verstehen muss, dass die Chefetage Gehirn und Zungentätigkeit (in den meisten Fällen) repräsentieren während ein paar Stockwerke unterhalb des Hierarchietreppenhauses die nonverbale Körperkommunikation übernommen wird. Krankt also der untere Körper (Unzufriedenheit, Streik, Arbeitsklima) kann die verbale Kommunikation von oben auf Dauer nicht wirklich glaubwürdig kommunizieren. Gibt es einmal Unstimmigkeiten zwischen Körper und Führungshirn, dann kann es schonmal zu unangenehmen Symptomen führen, die vielleicht vergleichbar sind mit der Bildung (gewerkschaftliches Engagement) und Entfernung (Entlassung) von Krebsgeschwüren. Mit diesen verschwrubelten Gedanken will ich nichts anderes sagen als: Das hier wird in Zukunft nicht mehr funktionieren:

Das Gewebe Über-Markt
Doch jetzt wird es erst richtig verkopft und kompliziert, denn das göttliche “Über-Ich”, der heilige Geist, wartet ja noch auf uns. Das “Über-Ich” im Marken-Instanzmodell wäre natürlich der Kunde selbst, aber auch so Gruppen wie Verbraucherschützer, Lobbyisten, Medien und der ganze allgemeine gedanklich aktuelle Kladderadatsch genannt “Zeitgeist”. Der gerade vorherrschende moralische Standard entscheidet beispielsweise darüber, ob es gut oder schlecht ist Alkohol o.ä. Drogen zu verkaufen oder lieber Hexen zu verbrennen. Er entscheidet, ob wir lieber LOHAS oder billig per Sklaverei produzieren, ob gerade Latex oder republikanische Enthaltsamkeit angesagt ist. Das Über-Ich ist sozusagen gleichzeitig auch der Über-Markt für unsere Marken – ein waberndes Gewebe, teils völlig unberechenbar, teils ziemlich leicht zu verstehen. Als “Ich” und “Es” tut man sich es jedenfalls am einfachsten, wenn man immer schön auf dem Gewebe reitet, sich also möglichst gut anpasst, “survival of the fittest” eben. Aber das bedeutet auch, dass man sich ein lauschiges Plätzchen auf dem Gewebe suchen muss, eine kuschelige Nische, auf der man sich fest positioniert, um am Ende bei kleinen Wellenbewegungen (“wie, was, Zwangsarbeit ist jetzt doch wieder verpönt?!”) nicht doch ganz schnell vom Sattel zu fallen.
Tja, und was soll ich sagen, mit genau dieser Positionierung in einer sich verändernden Verdichtung des kommunikativ vernetzten Gewebes wird es dann beim nächsten Mal auch weitergehen. Lese hier nochmal Teil 1.
8 Kommentare
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- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...
- Ralf Hillmann: Da kann ich nur sagen, die Bezeichnung Video-Perle passt einfach perfekt. Da soll noch einmal jemand behaupten Werbung habe nichts...
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Am 18. September 2008 um 17:11 Uhr
Willkommen auf dem dünnen Eis der menschlichen Psychologie als Sinnbild für das zeitgemäße Markenwesen. Die Überlegungen sind interessant, aber per se nicht neu – und möglicherweise ein wenig am strategischen Zeitgeist vorbei!?
Wer sich mit systemtheoretischen Überlegungen zu Organisationen beschäftigt oder auch mit Ansätzen des Beziehungsmanagements oder von Aktivitätennetzwerken, an dieser Stelle sei übrigens jedem Michael Porter ans Herz gelegt, wird sicherlich immer wieder auf Wahrheiten in deinem Beitrag stoßen.
Spannend ist jedoch, dass die Profilschärfe von Marken – sowohl im Freudschen als auch in fast jedem anderen Modellkontext – “zunehmend abnimmt”, neue Ideen und Gedanken her müssen, wie man Marken als Zeichen etabliert und sie im beschriebenen, amorphen Marktumfeld “positioniert”.
Unabhängig von modell-dogmatischen, theoretischen Überlegungen bin ich gespannt auf Teil 3 – und was du aus deinem ganz persönlichen Modell ableiten wirst.
Am 18. September 2008 um 17:21 Uhr
Es gibt nix neues auf der Welt, wir sollten mal lieber damit beginnen, das Offensichtliche umzusetzen. ;-)
Die Profilschärfe nimmt ab, weil alle auf die “goldene Mitte” starren, egal ob im Marketing oder in der Politik. Positionierung im Marketing muss einfach radikaler und konsequenter werden.
Am 18. September 2008 um 17:39 Uhr
Die Arbeiten der State-of-the-Art-Organisationsstrategen schielen längst nicht mehr auf goldene Mitten, sondern eher auf die von dir erwähnten Interessengruppen, wahlweise auch auf “Szenen” o. ä.
Was die Positionierung im Marketing angeht, gebe ich dir hinsichtlich Radikalität und Konsequenz Recht. Interne Kommzunikation und unternehmerische Ausrichtung da in einem Atemzug mit abzureißen, werde ich mich auch zukünftig erdreisten, in Frage zu stellen :)
Am 19. September 2008 um 13:03 Uhr
@gerrit natürlich hast du vollkommen recht, das “neue Ideen und Gedanken her müssen, wie man Marken als Zeichen etabliert und sie im beschriebenen, amorphen Marktumfeld “positioniert”. interdisziplinäre ansätze aus dem weiten feld des systemtheorischen gedankenguts oder inspirationen aus hippen (und verwandten) diziplinen wie der neurobiologie verkaufen sich deshalb ja auch schon länger ganz prima (s. fritz b. simons posse).
aber die praxis… ich erinnere mich noch genau an einen kunden in den 90ern, der nach einem gerd gerken workshop mit schweissnasser stirn vor uns, meilenweit unter diesem meilenstein des heisse-luft-verkaufens angesiedelten werbern stand, und vollkommen verzweifelt war, ob der herausforderung dieses theoriemonster umsetzen zu müssen. worauf ich hinauswill: die meisten marketingmanager sind sogar damit überfordert zu kapieren, dass solche leute scharlatane sind – und das gilt heute wie damals. wo man es sich umgekehrt leisten kann (werbung), wird dagegen eine oft ziemlich dümmlich respektlose down-to-earth-haltung praktiziert, nach dem motto: wir haben doch alle 39,90 gesehen, und wissen genau wir IHR tickt. wenn also schon die alten starren theoriemodelle nur als abhakveranstaltung für das “eigentliche”, die layouts gesehen wird, frage ich mich langsam, ob patrick mit seiner küchenpsychologie nicht doch recht hat (was ich PERSÖNLICH natürlich nicht glaube).
ergo: nicht nur neue gedanken”modelle” müssen her, sondern auch neue verkaufs”modelle”.
Am 19. September 2008 um 22:51 Uhr
ich finde du hast an sich recht patrick. wenn wir jetzt aber überlege wieviele unternehmen es gibt, dann gehen glaube ich gehen irgendwann die positionierungen und nischen aus.
der mensch hat auch nur begrenzte geistliche kapazität ;-)
Am 20. September 2008 um 08:30 Uhr
@Georg: Tja, das nennt sich natürliche Selektion.
Entweder besser anpassen oder halt aussterben.
Am 20. September 2008 um 10:36 Uhr
@Zuckermann
> ergo: nicht nur neue gedanken”modelle” müssen her, sondern auch > neue verkaufs”modelle”.
Auf den Punkt – genau DA steckt imho die Wahrheit. Der Werber darf meines Erachtens auch gern zukünftig mit markanten Vereinfachungen zum Kunden gehen, aber hinter den Kulissen darf man sich gern auch mit neuen Modellen und veränderten Bedürfnissen in vermeintlichen Zielgruppen auseinandersetzen. Nein, stopp: Muss man :)
Am 21. September 2008 um 18:13 Uhr
@gerrit tja, die ganze welt ist ein “modell”, das jeweils letzte nämlich – aber nicht auf der arbeit! (sagt der kunde)…
daher gucke ich mir als werber einfach mal “mad men” an und berausche mich an sweet days gone by ;-) und so inspiriert kann man dann auch wieder prima zum kunden gehen. willkommen im werbezynismus der 60er – und 2009;_)))