16.09.08
11:57 Uhr

Vielleicht etwas Gebäck zum Eindringen in die Privatsphäre?

Soeben erreicht mich folgende spritzig-formulierte PR-Mitteilung, bei der mir vor Begeisterung fast ein Ei aus der Hose gekullert ist:

Wer Besuch erwartet, bereitet sich normalerweise darauf vor. Er bietet einen schaumigen Latte Macchiato und einen leckeren Imbiss an, oder wenigstens einen Teller Kekse und eine effektvolle Powerpoint-Präsentation am Beamer.

Falsch, also ich biete Freunden immer eine tolle Keynote-Präse an oder wenns mal wieder noch langweiliger sein soll, einen kleinen Diavortrag alter Schule!

Anders sieht es aus, wenn die eigene Website Besuch bekommt.

Hammerüberleitung!

Wer von welchem Ort aus welche Seite anschaut, ist bislang vielen Firmen unbekannt. Das ändert sich ab sofort: Der Dienst ProspectFinder von der Firma Enecto schafft nämlich Klarheit. Dieser neue Service analysiert, was ein Surfer sich anschaut, recherchiert und aus welchem Umfeld der Besuch kommt. Anhand der IP-Adresse ermittelt die Datenbank von Enecto die Unternehmens- und Kontaktdaten des Besuchers.

Diesen Satz bitte nochmal zum mitschreiben und trackbacken:

Dieser neue Service analysiert, was ein Surfer sich anschaut, recherchiert und aus welchem Umfeld der Besuch kommt. Anhand der IP-Adresse ermittelt die Datenbank von Enecto die Unternehmens- und Kontaktdaten des Besuchers.

Wow. Das ist doch mal supi!

Auch die Branche, die Anzahl der Mitarbeiter, der Firmenumsatz sowie Informationen darüber, was den potentiellen Neukunden besonders interessiert hat, sind kein Geheimnis mehr. ProspectFinder liefert die Daten auf Wunsch sogar direkt in gängige CRM-Systeme1.

Ok. Das reicht. Der Rest ist sowieso nur zusätzliches Verkaufs-Blabla über B2B und Streuverlust. Also ich fasse zusammen, man bietet hier eine Softwarelösung an, mit der man die Nutzer von der eigenen Website durchleuten kann und mit einer Datenbank abgleicht, die wiederum Firma und sonstige Unternehmensdaten ausspuckt. Was ist mit den Usern, die nicht zufällig im Firmennetzwerk unterwegs sind? Ich glaube nämlich kaum, dass hier große “RocketScience”, die über der Whois-Abfrage hinausgeht angeboten wird. Diese Art der Spionage bekommt man heute also schon kostenlos per Google Analytics in Kombination mit der besagten Whois-Abfrage geliefert. Also entweder taugt das nix oder es geht sehr sehr grenzwertig in Richtung Privatsphäre und Datenschutzmißbrauch.

Aber mal völlig abgesehen von der Einhaltung oder Nichteinhaltung des darin versprochenen Mehrwertes, möchte ich den interessierten potenziellen Kunden dieses Mailings eine kleine Geschichte erzählen:

Stellen Sie sich vor, Sie gehen schön gemütlich mit ihrer Familie einkaufen. Unbemerkt heftet sich plötzlich ein kleiner Schnüffler an ihre Fersen. Der schmierige kleine Kerl besorgt sich sofort eine Akte über sie und ihre gesamte Familie. Er bleibt dran und beobachtet Sie während sie von Laden zu Laden schlendern. Ja, auch abends als sie den lieben Gott mal einen guten Mann sein lassen wollen und den Junggesellenabschied ihres Freundes in einem Stripclub so richtig deftig abfeiern wollen, ist der kleine Begleiter wieder dabei und notiert sich schön brav ihr Verhalten und fügt es zu ihrem Familiendossier hinzu. Weil der kleine Schnüffler mit der Zeit immer intimere und genauere Daten von ihnen benötigt, macht er bald auch Fotos von ihren Touren durch ihr Leben. Doch nicht genug, er schickt seine Kollegen los, die nun auch den Rest ihrer Familie durch ihr gesamtes Leben begleitet und alles dokumentiert. Ach ja, ich vergaß zu erwähnen, dass diese Beobachtungsdossiers an alle Firmen weitergeschickt werden, für die Sie oder Ihre Familie sich ansatzweise interessiert haben, so dass diese Sie ab sofort mit Werbematerial bombadieren können. Wundern Sie sich also nicht, wenn Ihr Briefkasten in Zukunft von knackigen Stripclubflyern schier zu platzen drohen und überlegen Sie sich am besten gleich heute, wie Sie Ihrer Frau und Ihren Kindern erklären, warum Sie regelmäßig so viele Flyer von solchen und ähnlichen (kontextrelevanten) Etablissements erhalten.

Abschlussfrage: Welche Rolle möchten Sie lieber in dieser Geschichte einnehmen? Die des schnüffelnden  Unternehmens oder die des nichtsahnenden Opfers? Ich fürchte, die Antwort kenne ich leider schon.

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2 Kommentare

  1. Vroni

    Mich würde es in der linken Kniekehle leicht ärgern, dass sie nie kapieren, wen sie da anschreiben. Einen PR-Schleuderblog wohl nicht, aber dass der Werbeblogger das gerade nicht ist, das kapieren sie nicht. Weil ihnen der Respekt vor dem jeweiligen Blogger und seiner Linie fehlt und sie das Blog nicht einmal mit ihren Hühnerauge angeschaut haben. Denn dann wüssten sie’s.

    Aber das passt zu ihrer Geschäftsidee. Sie ist ebenfalls oberflächlich und respektlos: Hält den Webseitenbetreiber für dumm (tracking bis vor die Haustür geht längst auch so, ohne dieses Tool) und den User für ein zu beschüffelndes Objekt. Beides sagt doch alles.

  2. Hans

    Wolfgang wirds freuen.

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Eure Kommentare

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  • Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
  • ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
  • sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
  • iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
  • ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
  • Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
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