23:17 Uhr
just hunt it – Nike und die Liu Xiang Bloggerverschwörung
Verschwörungstheorien werden dann erst richtig erfolgreich, wenn sich die Ziele der Vorwürfe dagegen offensiv zur Wehr setzen. Rechtfertigung wird in sehr vielen Kulturkreisen allerdings auch als eine Art stilles Schuldeingeständnis interpretiert. Dieses Mal sind es weder religiöse noch politische Gruppierungen, die im Kreuzfeuer der Spekulationen stehen. Dieses Mal ist es ein Sponsor und sein Sportler während den “unpolitischen Spielen”. Es geht um den chinesischen Hürdenläufer und hiesigen Superstar Liu Xiang, der Goldanwärter für die 110 Meter, der verletzungsbedingt kurz vor dem Rennen passen musste und dessen “Mäzen” Nike, der am gleichen Tag des Rücktritts folgende ganzseitige Anzeige bereits für den darauffolgenden Tag in die Druckerpresse schicken hat lassen:
A sombre, unsmiling image of Liu’s face, it was overlaid with the words: “Love competition. Love risking your pride. Love winning it back. Love giving it everything you’ve got. Love the glory. Love the pain. Love sport even when it breaks your heart.”
Nike wurde kürzlich jedenfalls in einem Post bei Hoster Yahoo von einem anonymen Internetuser – der laut Eigenaussage ein Insider des Sportausstatters ist – beschuldigt, dass sie den Hürdenläufer Liu Xiang zu einem Rücktritt vom Wettkampf gezwungen haben, weil dieser sowieso den Lauf verloren hätte. Dadurch wollte man Liu Xiangs und das eigene Markengesicht nicht verlieren. Natürlich schossen solche und ähnliche Theorien nach dem unerwarteten Rücktritt wie Pilze aus dem vorherbstlichen Boden – und natürlich hat Chinas “Informationsregulierungsbehörde” nichts besseres zu tun, als solche Kommentare, Blog- und Foreneinträge umgehend und routiniert zu löschen.
Sobald jedoch Zensur, egal in welchem Ausmaß, geschieht, dürfte einem Menschen mit halbwegs klarem Verstand doch sofort klar sein, dass dies wie eine Bestätigung (ganz gleich wie abstrus die Theorie war) nach außen wirkt. Von China ist der Ottonormalinformierte zwar in letzter Zeit ja sowieso nichts anderes gewohnt – umso erstaunter dürften jetzt jedoch viele Menschen sein, dass sich die westliche Supermarke Nike nun auch in die Rückverfolgung und Zensur der anonymen Meinungsäußerung einmischen möchte. Der Konzern bat die chinesische Regierung nämlich um Hilfe, den besagten Insider-Verschwörungsblogger aufuspüren und seine Identität an Nike weiterzuleiten, so dass diese dem Gerüchteköcheln endgültig den Garaus machen können. O-Ton der Konzernvertretung beim Guardian (Original unbedingt lesen):
We have immediately asked relevant government departments to investigate those that started the rumour. (…) We want to act to protect our brand reputation in the same way as any corporation would want to if people were posting or writing false accusations. This isn’t about a debate on freedom of speech. It’s simply helping us to identify the person who posted it.
Deutliche Worte und fast scheint es so, als seien die Herren in der sicherlich stark besetzten PR-Abteilung des Unternehmens mächtig nervös geworden. So viel Wind um einen angeblichen Lügner, der angeblich natürlich nicht zum engen Kreis von Nike gehört? Das sind Fragen, die ich mir nicht erlauben werde zu beantworten, ganz einfach weil mir so wie allen anderen Menschen (außer den Involvierten) die nötigen Fakten fehlen. Aber es zeigt mir einmal mehr ganz deutlich, wie die Mechanik von Verschwörungstheorien funktioniert.
Keine klare Kommunikation bietet jede Menge Raum für Interpretionen, Spekulationen und abstruse Theorien. Manchmal ist eine Interpretation sogar sher nah an der “Wahrheit” dran. Doch das ist in der gesamten Mechanik der lückenreichen Vorwürfe und Gegenvorwürfe selbst natürlich völlig bedeutungslos. Wer versucht den Deckel draufzuhalten, hat etwas zu verbergen und der erste Reflex bei anonymen und ungerechtfertigten Anschuldigungen scheint im Gegenzug immer noch zu lauten: Um jeden Preis den Deckel draufhalten! Voilá! Da haben wir den Salat.
Danke an marie für den Tipp in den Kommentaren.
4 Kommentare
Einen Kommentar schreiben
- Prozentewunder: @ralf Klar steht es da. Und wenn der Bildschirm groß genug ist, kann man´s sogar lesen. Nur: Die, die da anrufen zahlen das nicht,...
- ralf schwartz: @sososo Erzähl mehr. Hast Du Links? JPGs? So, dass man mal was sehen kann? Das wäre doch schön.
- sososo: die “pianistin” ist auch auf haarfärbemitteln in polen abgedruct.. welch witz… und die “juristin” soll...
- iuhzl: jaja fühlen sich da mal wieder irgendwelche leute persönlich angegriffen? scheiß nationalstolz!
- ralf schwartz: @Biene Hm, guter Gedanke. Keine Ahnung. Aber wenn, hätten die von mir Gefragten genau dies ja als Grund angeben können. Oder in dem...
- Biene: Vielleicht Datenschutzgründe? Das Daten ohne Einwilligung nicht zwischen unterschiedlichen Unternehmen übertragen werden dürfen?
- Hundeschule: Tja Abmahnungen gehen weiter, Hundeschule wurde abgemahnt, weil ein gekauftes Logo verwechslungsgewahr beinhaltet. Und nun? Die Pfote...
- InternetMarketing | Jens Srowig: Hallo an euch! Das ist wirklich ein tolles Video. Auch wenn es schon ein wenig spät ist, alles Gute für das neue...

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Am 23. August 2008 um 00:10 Uhr
hier wird aber noch spät gebloggt xD
guter lesestoff wenn man seit 4 stunden im büro sitzt und auf den scheiß rechner wartet der nich fertig rendert :(
Am 23. August 2008 um 03:31 Uhr
Whoa — Marina Hydes Artikel ist wirklich phantastisch. Längst nicht so gut ist Chris Matyszczyks Artikel auf CNET-News, er fügt aber zwei nette polemische Details hinzu: Die Just-do-it-Rasierklinge und den abschließenden Satz:
Zu hoffen wäre, daß dies für Nike einige Nachspiele hat. Nicht nur von der politischen Sorte, sondern auch von der, wo’s einem Unternehmen wehtut.
Einen Einwand, oder vielmehr eine Ergänzung, hätte ich aber hinsichtlich der Löschungen seitens Chinas „Informationsregulierungsbehörde“ und der damit verbundenen Einschätzung:
Diese Logik ist sicher richtig, gilt aber für China selbst nur eingeschränkt: in einem Land, in dem so konsequent zensiert wird wie dort, ist das Nicht-Zensieren automatisch eine Aussage, die entweder die Wahrheit des Ausgesagten bestätigt oder zumindest den Wunsch deutlich macht, daß diese nicht-zensierte Aussage für wahr gehalten wird. In solchen Umgebungen kann eine Regierung (oder Behörde) nicht nicht kommunizieren — und dazu kommt, daß Verschwörungstheorien und flächendeckende Zensur in vielen Bereichen die Bildung ganz ähnlicher mentaler Vorgänge und Strukturen fördert.
^_^J.
Am 23. August 2008 um 03:36 Uhr
… fördern. *hüstel*
Mein HTML-Link zum CNET-Artikel verschwand im Datenhimmel, daher hier nochmal als „Klartext“-Link:
news.cnet.com/8301-1...
^_^J.
Am 23. August 2008 um 17:17 Uhr
Menschen eben: versuchen, überall einen Sinn zu sehen bzw. zu finden. Schauen in die Sterne und fragen sich, ob sie abends Bratkartoffeln essen werden. Sind nicht bereit, zu akzeptieren, dass es Zufälle gibt.
Außerdem: Verschwörungstheorien kommen von selbst. Da kann ein Unternehmen rein gar nichts machen.
Aber: wer behauptet, muss beweisen.