21.08.08
13:41 Uhr

Coca Cola will sich in Beijing ein Nest bauen

Die olympischen Spiele sind längst zu einer gigantischen Verkaufsshow verkommen. Verkauft werden natürlich nicht nur die Marken der Sponsoren, verkauft wird das Image des Gastegeberlandes, das IOC, die stehenden Leistungen der Nationen und natürlich die Sportler – vor allem diejenigen, die mit Fabelrekordzeit über Tartanbahn joggen – selbst. Das alles schwebt spürbar in der smogverseuchten Luft, über dem, in nur wenigen Monaten von zehntausenden Arbeitern hochgezogenen, Vogelneststadion in Bejing, dem Wahrzeichen dieser zugleich glanzvollen wie anrüchigen Spiele.

Einer der Hauptsponsoren wählt ganz bewusst dieses neu erschaffende Wahrzeichen, also das von zehntausenden, Armee-Arbeitern hochgezogenen Architekturmonsterwerk. Allerdings dann doch ein wenig leichter, “disneyhafter” inszeniert:

Medium: www.youtube.com
Link: www.youtube.com

Doch nicht nur wegen Menschenrechtsverletzung, Zensur, Umweltzerstörung etc. im negativen Fokus stehende Gastgeberland bereitet den westlichen Hauptsponsoren Kopfschmerzen. Sie stehen zwischen den Konsumentenstühlen. Auf der einen Seite die Bestandskunden, mit jeder Menge Olympiakritik im Gepäck, auf der anderen Seite jede Menge Neukunden, das scheinbar begeisterte Volk des Gastgeberlandes selbst, was einerseits durch die gigantische Masse mit potenzieller Kaufabsicht lockt, aber andererseits eben entweder aufgrund von vorherrschender Armut westliche Brause gar nicht kaufen kann oder überhaupt nicht kaufen will.

Gedämpfte Schweineohren würden beim hiesigen Fastfoodcenters unseres Vertrauens wahrscheinlich weniger gut weggehen. In China hingegen tut man sich indes wohl schwer mit der fettigen Burgerpappe, die wir Westler so hingebungsvoll verschlingen. Auch die schwarze Phosphorbrause scheint im Reich des Drachens weniger die Geschmacksknospen der Bevölkerung zu kitzeln. Dort labt man sich lieber noch traditionsgemäß am Getränk Nummer 1: Grünem Tee. Aber um auf Nummer Sicher zu gehen baut man zusätzlich gigantische Forschungslabors um dem Geschmacksgeheimnis der Chinesen auf die Spur zu kommen.

Aber was ist denn nun eigentlich mit den fleißigen chinakritischen Colatrinkern in der restlichen Welt? Wie kommuniziert man möglichst unter dem Radar von Menschenrechtsvorwürfen und Internet- und iTunes-Zensur? Nun, vielleicht ist die Wahl der animierten Vögel im Spot nicht ganz zufällig. Der bewusste Verzicht von menschlichen Protagonisten könnte solch eine mögliche Vorsichtsmaßnahme gewesen sein. Wie dem auch sei, irgendwie findet man als Chinakritiker doch immer wieder genug Ansatzpunkte um gegen solche Kommunikationsmaßnahmen zu buhen. So wäre der Bau eines Vogelnestes durch nicht abbaubare Plastikstrohhälme sicherlich schön vergleichbar mit den, auch direkt bei Olympia, erfahrbaren Umweltproblemen des Turbowirtschaftswunders. Wie schön, dass unsere Welt immer noch am reibungslosesten in der Schwarz/Weiss-Denke funktioniert. Und so taumelt die Welt mit ihren Stammtischbrüdern und Heilsschwestern zwischen Faszination und Chinaphobie – zwischen sportlicher Ästhetik und moralischem Ekel. Und selbst die bekennenden Olympiaboykottierer kommen nicht wirklich am Spektakel vorbei. Selbst beim lesen, zappen, surfen oder bei den Gesprächen am Betriebs-Colautomat begegnet man Beijing 2008 und bleibt somit immer Sklave und Sklavenhalter zugleich.

Nachtrag:
Natürlich gibt es noch massig Sportler und Sportfans, die dieses Ereignis mit der ursprünglichen Idee von olympischen Spielen verbinden. Bei ihnen schweben all die negativen Punkte sicherlich im Hinterkopf, aber man sollte auch verstehen, dass sie ihre Leistungen mit einem ganz anderen Willen angehen, als die meisten Kritiker und ihrem Sujet. Sie leben eine Zeit lang intensiv für solche Wettkämpfe.

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13 Kommentare

  1. Dieter Schneider

    Die Olympischen Spiele, inbesondere in der Antike, waren noch nie was anderes als gigantische Märkte, Volksfeste, kulturelle Foren für alle Gesellschaftsschichten. Einige Athleten kämpften schon vor 2500 Jahren mit unlauteren Mitteln und die Sieger brachten es zu erheblichen Wohlstand. Trotz aller Kritik, die Spiele waren und sind Kult! Der Bezug auf das verfälschte Ideal macht heute die Diskussion über Olympia schwierig bis unmöglich. Ich empfehle zur Aufklärung die Lektüre meines Freundes, Prof. Ullrich Sinn: Das antike Olympia – Götter, Spiel und Kunst. Beck’sche Reihe Wissen.

  2. Patrick Breitenbach

    Danke für den Hinweis. Ich denke auch, dass die Vergangenheit oft in den Weichzeichner des Idealismus gerät. Fakt ist, dass diese Spiele schon immer ihren Reiz ausstrahlten und den Menschen entsprechende Kurzweiligkeit lieferten.

  3. Patrick Breitenbach

    @Dieter: Aber wenn du schon einmal “hier” bist: Als ehemaliger Olympionik kannst du vielleicht deine Erfahrungen in der Vergangenheit widergeben. Was hat dich als Sportler gereizt an den Wettkämpfen teilzunehmen und wie war damals die Stimmung? Was hat sich in den Jahren vllt. geändert?

  4. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @Dieter/Pedde: Hört sich nach einem spannenden Podcast-Thema an :-)

  5. Dieter Schneider

    @Patrick: Wenn Du schon mal “hier” bist;-)
    Mann muss sehen, dass über 10.000 an den Wettkämpfen teilnehmen. Ich war einer davon. Ich hatte das Glück mit Los Angeles `84 und Soul `88 zwei völlig verschiedene Spiele zu erleben. Hier Hollywood, da verkrampfte Disziplin. Hier die perfekte Show, da die Angst Fehler zu machen. Einmarsch, Olympisches Dorf, die Wettkämpfe, die Abschlussfeier – der Olympische Spirit ging mir in beiden Städten unter die Haut und wirkt da noch bis heute nach. Für mich war und ist Olympia viel mehr als Medaillenspiegel, Doping und Business. Wenn ich beschreiben soll, was es für mich war, kommt nur Kitsch raus: friedliches Zusammensein mit 10.000 Nachbarn aus der ganzen Welt; zwei Wochen Glückshormone; ein gigantisches Fest … War schon ein tolles Gefühl, als bei unserer Ankunft im Olympischen Dorf ein Flieger den Satz “Welcome Youth of the World” in den californischen Himmel schrieb. Bei aller, zum Teil berechtigten Kritik an den Spielen. Ohne Olympia wäre die Welt um ein großes Stück ärmer… und kaum jemand in Deutschland wüsste über den 40 Jahre dauernden Tibetkonflikt, über Menschenrechtsverletzungen und das Wirtschaftswunder in China Bescheid. Olympia ist zu groß für kleinkarierte Kritik.

  6. marie

    hallo zusammen. dann will ich mal eben ein wenig polemisch werden. von mir aus auch kritisch kleinkariert: ich sehe das problem darin, dass ich beim IOC als oberste instanz des olympic movement keine glaubwürdigkeit entdecken kann. in der olympic charter heißt es unter anderem:

    fundamental principles of olympism

    5. Any form of discrimination with regard to a country or a person on grounds of race, religion,
    politics, gender or otherwise is incompatible with belonging to the Olympic Movement.
    6. Belonging to the Olympic Movement requires compliance with the Olympic Charter and
    recognition by the IOC.

    chapter 2: mission and role of the IOC

    10. to oppose any political or commercial abuse of sport and athletes

    das spricht für sich und jeder kann sich seinen teil dazu denken. wie auch immer der aussieht.

    dass einige IOC mitglieder äusserst fragwürdige gestalten sind und es unter samaranch ein paar ungereimtheiten gab, was die vergabepraxis und doping anging, ist ja sicher bekannt.

    no news ist auch, dass china für TOP Partner wie CocaCola, Visa und McDonald’s ein riesiger markt ist. für mich sind die olympischen spiele ein globaler marketing event. der sport liefert den content dafür.

    es mag sein, dass die medien ihren fokus stärker auf china inkl. einiger missstände gelegt haben. das hat ein gewisses bewusstsein ausserhalb china’s gestärkt oder auch neu geschaffen. nur hat das den menschen in china nicht viel gebracht. und um die geht es ja, würde ich meinen. dissidenten wurden rechtzeitig vor den spielen eingesperrt, wenn noch nicht geschehen, oder aus peking abtransportiert usw… das IOC hätte die chance gehabt einen positiven einfluss auf die menschenrechtssituation in china nehmen. ich sehe nicht, dass diese chance ergriffen wurde. natürlich ist es auch fragwürdig inwieweit man sich überhaupt einmischen soll. aber mich beschleicht das gefühl, dass erst gar nicht weiter darüber nachgedacht, geschweige denn diskutiert wurde. zugunsten des himmlischen friedens zwischen dem IOC, den sponsoren und der chinesischen regierung.

  7. Dieter Schneider

    @marie:
    1. Fragwürdige Gestalten gibt es überall; Politik, Kirche, Blogger, etc.
    2. “Sport liefert Content fürs Marketing” und Marketing liefert die Finanzierung. Das IOC finanziert mit dem überwiegenden Teil der Einnahmen Sport in aller Welt, insb. Drittländern (damit Kinder gegeneinander Ballspielen und nicht aufeinander schießen)
    3. Zu deiner Aussage “nur hat das den Menschen in China nicht viel gebracht” die Frage: Wen meinst Du von den 1.3 Mio. Die Hundert Dissidenten oder die Million Bauern?
    China ist übrigens auch zu groß für kleinkarierte Kritik.

  8. Björn

    Ich finde, das hier Äpfel mit Birnen diskutieren – und das soll keine Wertung der Parteien widerspiegeln. Ein Ergebnis wird es nie geben. Man wird nur beide Seiten besser verstehen. Auch gut.

    Kurze Anmerkung zum Satz:

    “Der bewusste Verzicht von menschlichen Protagonisten könnte solch eine mögliche Vorsichtsmaßnahme gewesen sein.”

    Wer hätte denn sonst ein VOGELNEST bauen sollen außer Vögel?

  9. marie

    hallo dieter,
    fragwürdige gestalten gibt es überall. dem stimme ich voll zu. und deshalb ist es auch gut, dass man fragen stellt. die dinge infrage stellt.

    dass das IOC den organisierten sport (über die NOC’s und IF’s) mitfinanziert ist mir bekannt. ich fände es auch großartig, wenn diese förderung dazu führen würde, dass kinder ball spielen anstatt aufeinander zu schießen. gibt es da beispiele? besonders würde mich hier afrika oder südamerika interessieren.

    die 1,3 milliarden menschen in china sind alle potentielle dissidenten. egal ob bauer oder schreibtischtäter. es gibt eine materielle freiheit, wenn man das kleingeld hat. aber was informations- und meinungsfreiheit angeht, sieht es anders aus. china ist ein überwachungsstaat. es wurden sogar sms herausgefiltert, nur weil der name des staatschefs darin auftauchte. ich behaupte, dass die chinesische stasi ihresgleichen in der geschichte sucht. und nicht findet. im übrigen kann man in china sicher ganz ruhig leben, solange man nichts infrage stellt.

    wäre ich jetzt chinese in china, würde es wahrscheinlich wegen meiner sätze hier früher oder später an der türe klopfen und ich würde von zwei herren abgeholt werden, die mich auf die polizeistation bringen.

    die menschen in china können nicht viel ausrichten, um ihre menschenrechte durchzusetzen. es stellt sich die frage, ob und inwieweit man ein system wie china verändern oder unterstützen sollte und welche rolle das IOC und die sponsoren dabei spielen. (was die sponsoren angeht: da sehe ich ebenfalls ein glaubwürdigkeitsproblem, wenn man sich mal einige csr und cr statements anschaut.)

    es ist auch fraglich, inwieweit sich die olympischen spiele direkt auf die chin. wirtschaft auswirken (und damit bauern evtl. die möglichkeit auf einen anderen job geben). arne freddersen von der uni hamburg bezeichnet die direkten auswirkungen z.b. als “nicht messbar”.

    ps: ich war übrigens nie dagegen, dass die spiele in china ausgetragen werden. nur, um das klarzustellen.

  10. marie

    hier noch ein nachtrag:

    nike jagt mit hilfe der chin. regierung einen blogger. dieser hat im internet einen artikel veröffentlicht in dem er behauptet, dass liu xiang auf druck von nike am montag bei olympia aufgegeben hätte.

    thewest.com.au/defau...

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