19.08.08
12:10 Uhr

Die inneren Werte

Nachdem der Spiegel und andere “Leitmedien” uns digitalen Arbeitern und Medienkonsumenten ja unterstellt, wir seien kaum in der Lage, mehr als zwei Textabsätze ohne Konzentrationsabau zu lesen, hier der Versuch eines “Gegenmodells”.

Fast schon stereotyp wandeln die Hobbypsychologen, Eheberater oder Talkshow-Moderatoren durch die Medienlandschaft und wiederholen ihr Selbstverständnis: Das Äußere sei ja gar nicht so wichtig, vielmehr zählten doch die inneren Werte, der Charakter, die Persönlichkeit. Dabei wirken die “Ratgeber” selbst zuweilen ganz und gar nicht nicht uneitel, im Gegenteil: Durchaus bewusst inszenieren sie sich selbst und ihre Botschaft und wirken damit stellenweise wie Personen, die Wasser predigen, selbst aber Wein trinken.

Andererseits: Ohne das Äußere, die schöne Verpackung, das Verführerische bleibt vieles, was im Inneren zwar “gut” ist, in einem seltsamen Kontrast zum “schmuddeligen” Äußeren oder wird unzureichend wahrgenommen.
Ein Geschenk wirkt eben persönlicher, “aufgewerteter” und “respektvoller”, wenn es denn liebevoll verpackt ist. Zudem erhöht es die Spannung auf den Inhalt. Natürlich sollte der Inhalt des Geschenkes auch die Erwartungen erfüllen können, die die Verpackung verspricht, aber Gutes im Kern wird nun einmal nicht schlechter, wenn auch das Äußere passt.

Auch das gemeinsame Abendessen lebt von den Details, der stimmungsvollen Inszenierung, dem Ambiente, der Tischdekoration, der Präsentation. Das Auge isst mit, weiß der Volksmund zu sagen und wir Menschen sind nicht frei von dieser Verführung und lassen uns durch attraktives Äußeres anregen.

Auch wenn wir es nicht gerne hören: In Personalgesprächen bzw. Bewerbungen hat diejenige Person zunächst höhere Selektionschancen, die bestimmten äußeren Merkmalen genügt. Das üppige Haupthaar “gewinnt” gegenüber dem kahlen Kopf, athletische Typen haben mehr Chancen als Pygniker, tiefere Stimmen stehen für mehr Kompetenz und Durchsetzungskraft als “Kopfstimmen”.

Wir sind also alle nicht frei und unabhängig von Sympathie und Begehren, welches stark durch äußerliche Faktoren beeinflusst wird, die für “Aufmerksamkeit” sorgen. Ist es nur Zufall, dass man ein Geschenk, nett verpackt und zum richtigen Zeitpunkt ausgehändigt, gerne dankend mit den Worten “wie aufmerksam!” begleitet?!

Aufmerksamkeit bzw. äußere Signale sind die Grundvoraussetzung, um sich bemerkbar zu machen. Das weiß auch die Werbung und spätestens seitdem es globalen Wettbewerb, westliche Konsumssättigung und werbliche Penetration der Massenmedien gibt, versuchen alle klassischen Werbekampagnen, aus der Masse der Aufmerksamkeit herauszuragen. Wie sonst sollte der Verbraucher ggf. auch in den “Genuss” des Inhaltes, also des Produktes kommen, wenn er nicht davon weiß?!

Diese Erkenntnis treibt alle großen Werbeagenturen an bei ihrer kreativen Arbeit und der Werbekunde erwartet -mindestens- genau diese Leistung von seinen “Werbedienern”. Jung v. Matt, derzeit als kreativste Werbeagentur der Welt geführt, ist versteht es anerkannterweise sehr gut, diese geforderte Aufmerksamkeit über ihre Arbeiten zu erfüllen. Man redet darüber, sie gewinnen Preise und auch Blogs sind voll von Arbeiten der “Deutschen Vorzeigeagentur”.

Was ist aber nun mit den Inhalten, also mit den “inneren Werten”, für die die Werbeagenturen sich kommunikativ ins Zeug legen? Kann eine Agentur überhaupt den oft geforderten Sprung zum inhaltlichen Beitrag leisten?! Welche Anforderungen auch von Werbekundenseite müssen denn erfüllt werden, damit Agenturen sich dieser Disziplin nähern, die wir hier einmal etwas allgemein als “Content-Agenturen” bezeichnet haben?

Wollen bzw. brauchen die Agenturchefs überhaupt diesen Tätigkeitsbereich, der weder in klassischer PR-Kommunikation noch selbstreferenzieller “brotloser Kunst” enden darf?! Lebt es sich nicht am Ende viel einfacher mit einer klaren Trennung der Aufgaben; auf der einen Seite die “kommunikativen Verpackungskünstler”, die im Auftrag kreativ werden, dort die Werbekunden, die die “inneren Werte” mit Leben füllen – oder auch nicht…

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10 Kommentare

  1. Jan Schwerner

    Der Spiegel-Artikel ist sehr klug und ich glaube, Du hast ihn missverstanden. Das könnte sein, dass Du ihn nicht ganz gelesen und verstanden hast. SCNR

  2. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Ich verstehe vieles nicht. Das zeichnet mich aus ;-)

  3. Björn

    kreativste Werbeagentur der Welt?

    Im verlinkten Artikel reicht es nur zur kreativsten Agentur Deutschlands, oder hab auch ich da was mißverstanden?

  4. Roland Kühl-v.Puttkamer

    Sorry… this one:
    onetoone.de/index.ph...

  5. the_stephan

    gibts einen link zum spiegelartikel?
    darf ich die unangemessene verwendung des Begriffs “selektionschancen” monieren?

  6. Markus Väth

    Meiner Meinung nach gibt es für Werber einen klaren Auftrag: das Produkt positiv darzustellen, damit es sich oft verkauft. Mit der inhaltlichen Konzeption sollten Werber nichts zu tun haben. Oder doch?

    Übersteigt die Kompetenz des Werbers auch bzgl. Inhalt die Kompetenz der Kundenfirma? Ich hoffe nicht. Wenn doch, haben beide ein Problem – der Werber und sein Auftraggeber.

  7. Roland Kühl-v.Puttkamer

    @the_stephan: du darfst…
    Nennen wir es also “Auswahlchancen”…obwohl…
    an diesem Wort scheiden sich womöglich auch die Geister…
    Wie würdest du es denn formulieren, wenn ritualisierte bis memetisch geprägte Äußerlichkeiten bei der Personalauswahl eine relevante Rolle spielen?!

  8. Kolja

    Man sollte hier vielleicht zwei Aspekte auseinander halten: die Interdependenz von Form, (Medium) und Inhalt. Beispiel: ein Einzeiler in einer Fraktur-Type auf einem T-Shirt inkl. hohlem Glatzkopf kann zu Recht völlig anders verstanden werden als der selbe Einzeiler in Comic Sans auf einem A4-Blatt am schwarzen Brett der Firma, z.B. “Viele Hände, schnelles Ende”.
    Davon zu unterscheiden ist noch einmal die (teil)subjektive Klassifizierung in schön, attraktiv, ästhetisch bzw. dem Gegenteil (und auch hier könnte man noch einmal differenzieren zwischen einem typisch menschlichen Wahrnehmungskonsens (goldener Schnitt) und den individuellen und eher kulturell “gelernten” Mustern, die die Beurteilungsschablone für diese Zuordnung bilden).

    Und ja, natürlich ist im Berufsleben diese Taxierung ungerecht. Bei zwei gleich qualifizierten Verkäufern würde ich tendenziell immer den attraktiveren einstellen – und alle Statistiken der Welt würden mir recht geben. Das Problem liegt ganz wo anders – nämlich in unserer Vorstellung von Gerechtigkeit, die wir so munter in die Welt tragen, und unseren keineswegs unproblematischen Ableitungen, wie ethisch gesehen mit der Identifizierung von solchen Arealen der Ungerechtigkeit umzugehen ist.

    @ Markus: das kommt darauf an, was Du unter “Werber” verstehst. Der Werber als Marketingspezialist und Fachmann für eine bestimmte Branche oder bestimmte Produkte setzt garantiert viel früher an, nämlich beim Produktmarketing, also der Konzeptionierung von marktfähigen Produkten. Meinst Du mit Werber jedoch eher die Abteilung Absatzförderung, hast Du sicherlich recht.

  9. Zuckermann

    werber (klassik, online) verstehen doch überhaupt nichts von produktentwicklung oder vertrieblicher platzierung eines solchen. daher erübrigt sich die frage. erst gestern wieder in der agentur erlebt, als es darum ging, ob wir uns an einer produktentwicklung und -produktion beteiligen sollen wie ein kunde mit kleinem budget aber einer “GROSSEN” idee vorschlug. die diskussion verlief, wie zu erwarten war, wegen inkompetenz im sande. dafür braucht man spezialisten, zumindest begleitende berater. umgekehrt sollten kunden uns nicht in die kreation reinreden (zumindest wenn sauber strategisch und researchmäßig untermauert usw.). sonst hat man die “starlight” situation aus 39,90. habe solche meetings leider (wie wahrscheinlich jeder hier) fast 1:1 erlebt….

  10. zeno

    gibts einen link zum spiegelartikel?

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